Michael Häupl: Biker & Bürgermeister

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  • Im Mai 2011 haben Wiens Bürgermeister Michael Häupl und seine langjährige Lebensgefährtin Barbara Hörnlein geheiratet. Jetzt hat er ihr zuliebe den Motorradführerschein gemacht.
    foto: apa/ma53/schaub-walzer

    Im Mai 2011 haben Wiens Bürgermeister Michael Häupl und seine langjährige Lebensgefährtin Barbara Hörnlein geheiratet. Jetzt hat er ihr zuliebe den Motorradführerschein gemacht.

Wiens Bürgermeister hat den Motorradführerschein gemacht. Grund genug, den Schein, den er hat, genauer anzusehen

Es war vor wenigen Tagen, als hier eine kleine Meldung aufpoppte: Wiens Bürgermeister Michael Häupl, hieß es, habe soeben den Motorradführerschein gemacht. Ein Zugeständnis an seine Frau, die eine begeisterte Motorradfahrerin sei. Häupl, stand da zu lesen, habe den B-Schein gemacht - und dürfe nun einen auf Easy Rider machen. Genau das habe er auch vor. Dazu gab es Lob vom Fahrlehrer: Der Bürgermeister habe den sechsstündigen Fahrtechnikkurs "erfolgreich" bewältigt. Potztausend.

Keine Frage: Motorradfahren macht Spaß. Und Michael Häupl gäbe vielleicht auf der "Fat Boy", sicher aber auf der "Gold Wing" ein stimmiges Image-Bild ab. Auch wenn man natürlich einwerfen könnte, dass ein Bürgermeister, der zeigen will, dass er die Zeichen der Zeit verstanden hat, wohl besser am Fahrrad, in Häupls Alter und Fitnesszustand gerne auch am E-Bike daherkommen sollte. Oder mit den Öffis. Geschenkt. Aber dennoch ist an der Motorradführerscheinsache etwas komisch.

B wie "Biker"?

Soweit ich weiß, ist der B-Schein die Lenkerberechtigung für Pkws. Wer Motorräder lenken will, braucht den A-Schein. Und um den zu erlangen, genügt kein sechsstündiger Fahrtechnikkurs. Ist Häupl am Bike also eine Ente? Mitnichten. Aber Bilder von Häupl, der mit seiner Gattin mithält, wird es wohl so bald nicht geben. Denn die sitzt - dem Vernehmen nach - nicht bloß auf einem besseren Moped.

Mit dem Schein, den Wiens Bürgermeister nun hat, darf er nämlich bloß 125er-Maschinchen fahren. Und da ich nicht glaube, dass Häupl auf PS-starken Renn-Achterln oder giftigen Motocrossbikes sitzen wird, dürfte das eine eher träg-fade Angelegenheit werden. Falls Häupl überhaupt so waghalsig sein sollte, nach dieser "Ausbildung" selbst zu fahren.

Denn dieser Schein ist ein Witz: Ich habe ihn einst selbst gemacht. B-125 heißt er - wegen der Kubikbeschränkung. Oder B-111 - wegen des Eintrags im Führerschein. Den bekommt jeder, der den B-Schein fünf Jahre hat - und sechs Fahrstunden macht.

"Echt oder günstig?"

Ich habe dieses "Training" vor Jahren gemacht. Man fragte mich, ob ich die günstige oder die echte Variante wolle - und als ich sagte "echt", ließ mich der Fahrlehrer am Übungsplatz auf einem echten Motorrad tun, was man halt tut: Spurgasse, Slalom, Achter, Gefahrenbremsung und Ausweichen etc. Weil ich mich nicht allzu blöd anstellte (und mein Leben lang Fahrrad und Moped gefahren war), waren wir nach einer Stunde draußen, im Straßenverkehr.

Vorher zeigte der Fahrlehrer auf eine Gruppe neben uns: "Das ist die günstige Version", sagte er. Auf einem etwa drei Tennisplätze großen Platz fuhren zehn Leute auf Automatikrollern im Kreis. Neben ihnen - auf einem erhöhten Tennis-Schiedsrichtersessel - saß ein Mann und las Zeitung.

Es ist wurscht

Ich fragte, was das solle - und staunte: Das, erfuhr ich, sei ein B-125er-Kurs. Der auf dem Sessel sei Fahrlehrer. Sechs Stunden lang würden die Fahrschüler herumrollen, dann bekämen sie den Schein. Egal, wie sie sich anstellten. Wurscht, ob sie überhaupt darauf fahren könnten.

Die 500er-Maschine unter mir blubberte, der Helm deckte die Ohren ab: Hatte ich mich verhört? "Wenn es mich ständig aufprackt, krieg ich den Schein auch?", fragte ich. Der Fahrlehrer nickte: "Ja. Sogar, wenn du das Ding gar nicht in Gang setzen kannst. Sechs Fahrstunden, und du hast den Schein. In zehn Minuten stehen die neben den Mopeds und rauchen - aber die Zeit rennt weiter."

Wir fuhren los. Und obwohl ich seit meiner Kindheit auf einspurigen Fahrzeugen unterwegs gewesen war, merkte ich rasch, dass ein Motorrad etwas anderes ist als ein Fahrrad oder ein Moped. Egal, wie aufgebohrt Letztere auch waren.

Ein Gefallen für die Industrie

Nach drei Einheiten à zwei Stunden (eine Fahrschulstunde dauert 45 Minuten) wünschte mir der Fahrlehrer viel Spaß - und alles Gute: "Rad- und Mopedfahrer wissen wenigstens, dass sich Einspurige anders bewegen - aber was glaubst du, wie das nach 20 Jahren nur im Auto ist? Aber der Gesetzgeber will der Industrie einen Gefallen machen."

Ich betone: Ich gehe davon aus, dass es in Michael Häupls Fahrschule nur die "echte" und nicht die "einfache" Version des B-125er-Scheins gibt. Aber meine Hoffnung, dass sich beim B-125er, seit ich ihn gemacht habe, Grundlegendes geändert hat, zerstörte ein guter Freund. Der gute Mann hat im Vorjahr den 125er gemacht. Ich rief ihn nach der Häupl-Meldung an. Er lachte: "Wir waren am Übungsplatz und sind sechsmal 45 Minuten im Kreis gefahren. Wenn überhaupt: Ich bin die halbe Zeit in der Kantine gesessen. Das war eine Farce."

Epilog

Vor zwei Jahren habe ich den echten Motorradführerschein gemacht. Im Theoriekurs fragte uns der Fahrlehrer, was für Bikes wir uns zulegen wollten. Ob uns klar sei, dass wir eine hochgefährdete Klientel seien: Wir hätten nicht mehr die Beweglichkeit und Balance von 18-Jährigen - aber aufgrund von Alter und Einkommen meist gleich schweres Gerät unterm Hintern.

Einer widersprach: "Ich habe meiner Frau versprochen, ein vernünftiger Motorradfahrer zu sein." Der Fahrlehrer sah auf: "Ein guter Einwurf! Was ist das, 'ein vernünftiger Motorradfahrer'?" Ein Blick in die Runde. Dann ein Grinsen: "Ein vernünftiger Motorradfahrer sitzt in der U-Bahn." Freilich: Dort habe ich Michael Häupl noch nie gesehen. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 29.6.2012)

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