Windows 8 und Server 2012: Abschied von alten Gewohnheiten

Die anstehenden Veränderungen bei Windows lockten mehr als 7000 Besucher zur Teched nach Amsterdam

Auf der jährlich stattfindenden Teched, diesmal in Amsterdam, zeigt Microsoft aktuelle Entwicklungen rund um Windows 8 und Windows Server 2012. Der Schwerpunkt liegt dabei wie immer auf dem Unternehmenseinsatz von Windows und aktuellen Entwicklerthemen. Die großen anstehenden Veränderungen bei Windows und Windows Server haben auch dieses Jahr mehr als 7000 AdministratorInnen und EntwicklerInnen auf die ausverkaufte Veranstaltung gelockt.

Windows Server 2012: auf in die eigene Cloud

War das Schlagwort der letzten Jahre „Cloud", ist es dieses Jahr eindeutig „private Cloud". Die Neuerungen in Microsofts Server Betriebssystem erlauben es, nahezu jede Anwendung und Workload zu virtualisieren. Je nach Bedarfsfall können virtuelle Maschinen dann in der eigenen oder einer öffentlichen Cloud betrieben werden.

File Server, Storage, Netzwerk

Erweiterungen im File Server und das neue SMB3 Protokoll gestatten es, virtuelle Festplatten auch auf einem File Server abzulegen. Und das selbst für SQL Server Installationen, die extrem hohe Performance benötigen. Die notwendige Zuverlässigkeit wird dadurch erreicht, dass geclusterte File Server jetzt auf mehreren Cluster Nodes parallel laufen können (ähnlich wie parallel arbeitende Web Server in einer Server Farm).

Wer über existierende SANs verfügt, kann diese mittels „Virtual Fiber Channel" in seine Virtualisiertungsumgebung integrieren. In das Betriebssystem integriertes NIC Teaming erlaubt es, mehrere Netzwerkkarten zu bündeln, um zusätzliche Fehlertoleranz und höheren Durchsatz zu erreichen. Ein völlig neu entwickleter virtueller Switch garantiert die notwendige Isolation zwischen Gruppen virtueller Maschinen und beherrscht Bandbreitenreservierung. Über Plug-Ins lässt sich der virtuelle Switch erweitern, demonstriert wurde das Feature mit einem Plug-In Cisco Nexus Switches .

Non-Stop

Die Windows Virtualisierungsumgebung Hyper-V 3.0 enthält zahlreiche Verbesserungen, um virtuelle Maschinen non-stop betreiben zu können. Besonders elegant: Auch zwischen „einfachen" Servern (ohne Cluster oder SAN) können laufende virtuelle Maschinen unterbrechungsfrei zwischen Rechnern verschoben werden.
Mittels eines „Hyper-V Replica" genannten Features können virtuelle Maschinen im Betrieb auf eine zweite Maschine (oder einen zweiten entfenten Standort) kopiert werden.

Performance

Performance zählt, und das heisst virtuelle Maschinen mit bis zu 64 virtuellen CPUs und bis zu 1TB RAM, die virtuelle Festplatten mit bis zu 64TB Größe ansteuern können.
Ein viel beachtetes Demo in der Keynote demonstrierte 1 Million Disk I/Os pro Sekunde (gemessen mit IOMeter) innerhalb einer einzigen virtuellen Maschine.

Gastsystem Pinguin

Sowohl innerhalb der Azure Cloud, als auch am lokalen Windows Server 2012 sind virtualisierte Linux Systeme jetzt ein unterstütztes Gastsystem. Verbesserungen in Hyper-V und Microsofts Engagement im Linux Kernel machen es möglich.

Neue Wege

Windows Server 2012 ist wesentlich modularer geworden und lässt sich völlig ohne GUI betreiben. Das GUI Subsystem lässt sich jederzeit zu- oder weginstallieren. Vorteil: ist es nicht installiert, sind am „Patch Tuesdays" weniger Patches anzubringen. Administriert wird in diesem Fall entweder über Powershell (mehr als 2400 neue Powershell CmdLets) oder von einem anderen Windows Rechner aus über Remote GUI. Das neue Server GUI sieht übrigens ausgesprochen Metro-kachelig aus, es handelt sich aber um "Desktop" Anwendungen.

Windows 8: Abschied vom Start Menü (1995 - 2012)

Alt ist es geworden, das Start Menu, eingeführt mit Windows 95. Als Nachfolger des „Program Managers" findet es sich seither in allen Windows Versionen auf jeder Menge Windows PCs - allein von Windows 7 wurden bislang 600 Millionen Stück in Umlauf gebracht (und das inkludiert wohlgemerkt nur die verkauften Lizenzen).
In Windows 8 wird das gewohnte Start Menü erstmals fehlen, ersetzt durch den Startbildschirm der Metro Oberfläche.
Der Metro Starbildschirm folgt einem gänzlich anderen User Interface Konzept. Er verändert die gewohnte Arbeit am Rechner. Das allein wird noch lange für Kontroversen sorgen. Auf der Konferenz war das Thema „Start Menü" jedenfalls intensiver Gesprächsstoff sowohl unter den Teilnehmern, als auch den Journalisten.
Windows 8 gestattet die Bedienung mittels „Touch" (Finger), „Precision Input" (Digitizer Pen), und wie gewohnt mit Maus und Keyboard. Einige Geräte lassen alle diese Eingabemethoden zu.

Die Kontroverse

Für Anwender, die weiter mit Maus (oder Trackpad) und Tastatur unterwegs sind, heisst das: dazulernen. Zwar funktionieren alle alten Keyboard Shortcuts weiter, aber das reine Arbeiten mit der Maus ändert sich. Es erinnert ein wenig an die Zeit der ersten Mäuse: Die AnwenderInnen wussten nicht, was sie mit der Maus tun sollten als „der Tisch zu Ende war".

Tatsächlich lassen sich in 5 oder 10 Minuten ausreichend viele Kniffe erklären, um mit Windows 8 und Keyboard/Maus durchaus effektiv zu arbeiten.
Microsoft selbst hat durch den starken Fokus auf Touch und Tablets viele der existierenden Features nur sehr unzureichend dokumentiert und kommuniziert.

Windows 8 Tricks


Ein Beispiel von vielen: bewegt man die Maus in die linke untere Bildschirmecke, erscheint eine kleine „Start" beschriftet Kachel, die zwischen Desktop und Metro wechseln lässt. Drückt man jetzt die rechte Maustaste, erscheint ein (fest verdrahtetes) Start Menü, das Optionen wie „Desktop", „Run", „Windows Explorer" und andere gängige Aufgaben enthält. 

Ein anderes: bewegt man die Maus in die linke obere Bildschrimecke, erscheint die letzt genutzte Metro App. Ein wenig darunter ist am linken Bildschirmrand eine leichte Markierung sichtbar. Zieht man die Maus über diese Markierung blendet sich ein Menu zum Wechseln zwischen den Anwendungen ein.
Hat man diese - und einige andere ausgeklügelte Mechnismen auch nur einmal gesehen, arbeitet sich mit der Kombination Metro/Desktop ausgesprochen zügig, kennt man sie nicht, läuft man Gefahr hilflos mit der Maus herumzurudern.

Metro Apps für das neue Windows

Microsoft bemüht sich intensiv, Entwickler für das Erstellen von Windows 8 Metro Apps zu begeistern. Die Karten stehen dabei gut, da die Lernkurve für Windows Entwickler überschaubar ist. Entwickler mit JavasScript, HTML5 und CSS3 Know-How können ähnlich leicht die die Metro Entwicklung einsteigen:
Metro Apps können wahlweise in .NET (C#, VB.NET), JavaScript oder in C/C++ entwickelt werden. .NET Anwendungen verwenden dabei XAML zur Visualisierung, JavaScript Anwendungen HTML5 und CSS3, und C/C++ Anwendungen XAML und/oder DirectX.
Die fertigen Anwendungen enthalten eine Kennzeichnung auf welcher Hardware (X86, X64, ARM) sie lauffähig sind. .NET oder JavaScript Anwendungen sind damit in der Regel ident auf Windows 8 und Windows RT lauffähig, Anwendungen die in C/C++ entwickelt werden, müssen als Intel und als ARM Version im App Store hinterlegt werden. Anwendungen können mit einem Minimum an Aufwand sowohl für Windows 8 als auch für Windows Phone 8 geschrieben werden.

Metro Apps aus dem App Store

So wird abgerechnet: Microsoft behält initial 30% des App Erlöses ein, ab einem Jahresumsatz von 25000 USD nur mehr 20%. Microsoft schöpft aus der eigenen Erfahrung im Software- Vertrieb und lässt im Store die unterschiedlichsten Geschäftsmodelle zu. Apps können nicht nur frei oder bezahlt sein, es gibt auch Apps mit Trial- Versionen (zeit- oder Feature- basiert), Ad- finanzierte Apps (mit mehreren Ad- Plattformen) und weitere Modelle.


Von den App Stores anderer Betreiber möchte man sich durch Transparenz, feste Durchlaufzeiten, und umfangreiche Information zur App Nutzung positiv abheben. Vor dem Absenden an den Store lässt sich mit einer Testsuite (Windows App Certification Kit genannt) selbst ermitteln, ob eine App für den Store fit ist. Auch mit umfangreichen demographische Reports zur eigenen App, die andere App Stores derzeit den Entwicklern vorenthalten, möchte Microsoft punkten.

Windows RT vs. Windows 8 Tablets

Zum hauseigenen „Surface Tablet" wollte Microsoft auf der Konferenz keine Neuheiten verlautbaren. Stattdessen waren lauffähige Protoypen von ARM Tablets (mit und ohne Keyboard) erstmals aus der Nähe zu sehen. Windows RT Tablets können Metro Anwendungen (aus dem Microsoft App Store oder unternehmensinterne Apps) ausführen, Desktop Anwendnungen lassen sich nicht selbst nachinstallieren. Office 15 (als Desktop Anwendung) wird in Windows RT fest integriert.
Kurze Blicke auf die Excel 15 Version lassen folgende Vermutung zu: Microosft macht hier dasselbe wie beim Desktop Windows Explorer. Das Programm und die Ribbons wurden so weit aufgeräumt, dass es mit dem Finger ausreichend bedienbar wird.

Tablets (nicht nur) für den Consumer Markt

Ganz klar die Botschaft, dass Microsoft Tablet Computer nicht allein im Consumer Markt sieht, sondern gerade auch in Unternehmen. Dies betrifft einerseits den Einsatz für maßgeschneiderte Business- Anwendungen, die besonders einfach zu bedienen sein sollen, andererseits das klare Bild von Tablets als die „neuen Laptops". Mit zahlreichen Musteranwendungen für die neue Metro Oberfläche soll das untermauert werden. Das geht dann von der Patientendatenerfassung, Anwendungen für Verkaufsunterstützung in Shops bis zu spezialisierten Auswerte- und Visualisierungs- Frontends für bestehende Anwendungsfamilien wie Microsoft Dynamics oder SAP.
Die Stärke liegt dabei aber nicht nur in der neuen Metro- Welt, sondern in der Brücke zu bestehendem. Auf X86/X64 Tablets laufen auch existierende Windows Desktop Anwendungen, auf ARM Tablets können diese zwar aus Anwendersicht nahtlos eingebunden werden, müssen aber mittels Anwendungs-Remoting- und Virtualisierung auf einem Unternehmensserver ausgeführt werden.

Ein dickes Plus sieht man in der kommenden Hardware- Vielfalt. Bauformen mit und ohne Tastatur, Bauformen für besondere Umgebungen (z.B. „ruggedized" Tablets die in Umgebungen wie Spitälern desinfiziert werden können).

Für Unternehmen notwendige Funktionen und Sicherheitsfeatures haben sowohl Windows 8 als auch Windows RT fix an Bord: Festplatten oder SSDs lassen sich vollflächig mit Bitlocker verschlüsseln, die TPM Chips in den Windows Tablets lassen sich als „virtuelle" eingebaute Smartcard für 2-Faktor Authentifierung nutzen.

Windows 8, iOS und Android Geräte zentral verwalten

Unternehmen wollen Laptops und Mobilgeräte zentral verwalten. Erweiterungen in der System Center Produktpalette (und alternativ im Cloud-Produkt „Windows intune") sollen das jetzt möglich machen. Damit lassen sich nicht nur Windows PCs, Windows 8 und RT Geräte verwalten, sondern auch iPhones, iPads und Android Geräte - lediglich Macs fehlen derzeit.

Inhouse App Stores

Über „Windows intune" und System Center lassen sich auch rein firmeninterne App Stores betreiben - die den jeweiligen Geräten interne Metro, iOS oder Android Anwendungen verteilen. Der Administrator entscheidet, welche Einstellungen zentral vorgegeben werden, und welche der Benutzer frei wählen kann. Eigene Apps können dabei fest installiert werden, oder dem Benutzer zur Auswahl vorgelegt werden.

Fazit

Sowohl Windows Server 2012 als auch Windows 8 gefallen schon jetzt durch Stabilität, clevere Features und im Vergleich zu den Vorgängerversionen erneut geschrumpften Speicherhunger. Windows 8 punktet bei zahlreichen Mobilfeatures wie Batterielaufzeit und der integrierten Unterstützung für Mobilnetzwerke.


Windows 8 kann aus rein technischer Sicht mit Sicherheit als Ablöse für Windows 7 oder Windows XP Rechner dienen - allerdings nicht ohne Lernaufwand beim Anwender.
Tablets mit Hardware- Tastaturen und der Möglichkeit existierende Windows Deskop Programme zu betreiben, könnten den Trend vom Stand-PC zum Mobilgerät massiv beschleunigen. Das solide Standbein bei Unternehmenskunden, und die Möglichkeit existierende Windows Programme auf Tablets zu nutzen erhöht die Chancen für Windows 8.

Ob Microsoft die Chance auch nutzen kann, und neben dem kommerziell erfolgreichen iPad und den bis jetzt deutlich weniger angenommenen Android Tablets den Tabletmarkt aufmischen kann, wird das nächste Jahr zeigen. (Alexander Holy, derStandard.at 28.06. 2012)

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TechEd

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