Unter einer Schicht Konfetti

28. Juni 2012, 17:52
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Kris Martin hat schimmernde Splitter im Theseustempel ausgestreut: Die Geschichte muss jeder allerdings selbst zusammensetzen

Wien - Millionen von Bronzeplättchen liegen am Boden. Dort wo die Sonne sie kitzelt, beginnen sie zu glitzern und glänzen. Auf ihnen liegt ein warm schimmerndes Feld aus Licht, das die wandernde Sonne verschiebt. Im Grunde aber hat der Betrachter beim Eintreten bereits den ganzen Zauber verpasst: Den glitzernden Tanz bronzener Konfetti beim zu Boden Fallen. Ein kurzer, aber vergangener Augenblick. Eine Party, die vorüber ist. "Festum" titelt die Arbeit des belgischen Künstlers Kris Martin.

Mit Zeit beschäftigte sich bereits die erste künstlerische Intervention im Theseustempel. Während sich jedoch Ugo Rondinone mit der Zeit in ihrer größten Ausdehnung, also einer Annäherung an die Ewigkeit beschäftigte, geht es bei Martin um die Flüchtigkeit des Augenblicks. Wählte Rondinone einen Baum als Zeitkapsel, der als Zeuge die Vergangenheit bewahrt, ist bei Martin auch der Raum selbst Speicher von Erinnerungen. Sein Teppich aus Bronzekonfetti, der da und dort wie Sägespäne kleine Häufchen bildet, ist lediglich das schöne Topping oder "die oberste Schicht einer Lasagne".

Denn warum Kunst schön zu sein hat, erklärt der 40-Jährige, der sich in dieser Hinsicht als "erstaunlich altmodisch" bezeichnet, gerne mit einem "albernen Vergleich": "Man bereitet die Lasagne mit den allerbesten Zutaten und weiß, es wird fantastisch schmecken. Nimmt man sie allerdings aus dem Ofen und die oberste Schicht ist grau und matt, will niemand hineinschneiden. Ist sie aber farbig und glänzend, sieht appetitlich aus, dann will man mit dem Messer tiefer und tiefer vordringen."

 

Die Schicht aus begehrlich glänzenden Edemetallkonfetti liegt nun bereit, um von Füßen aufgewirbelt oder an Sohlen kleben zu bleiben. Dass sein Kunstwerk - und damit auch die Geschichte der tiefer liegenden Schichten - sich auf diese Weise in die Welt hinausträgt, hat Kris Martin zwar nicht geplant, dieser Nebeneffekt gefällt ihm jedoch.

Im wesentlichen scheine der Raum ja leer, sagt er. "Aber er ist es nicht." Die klaffende Leere im Zentrum zwingt den Betrachter dazu, sie mit Bedeutung zu füllen Es ist allerdings keine beliebige Geschichte, die man im Theseustempel heben kann. Denn obwohl Kris Martin nicht konkret wird, beginnt man ahnungsvoll, die von ihm so wie Konfetti gestreuten Indizien zusammenzufügen.

Im Zusammensetzen von Splittern hat Kris Martin Übung: Seine Arbeit "Vase", eine zwei Meter hohe, typisch blau-weiße Billigvase aus China, zerschmettert er seit 2005 immer und immer wieder. Und repariert sie. Eine Prozedur, die die in ihr steckende Mühe und Zeit sichtbar macht.

Zeit ist das zentrales Motiv in seinem Oeuvre, ob er nun eine Minute Stille ausruft (2007) oder klappernde Anzeigetafeln, denen er Ankunfts- und Abreisezeiten raubte - aber auch die Destinationen, also Ziele. Auch im Theseustempel steht für Martin das Gefühl des Eintretenden, etwas verpasst zu haben im Fokus.

Es geht nicht nur ein versäumtes Fest, sondern um eine ganze Historie, die wir nicht bezeugen können. Lediglich ihre Splitter, die sich anders als papierene Konfetti - und letztendlich auch wir Menschen - nicht auflösen, liegen zu unseren Füßen. Da Bronze recycelt wird, bestehe sogar die Möglichkeit, dass im Material Spuren alter Skulpturen enthalten sind, sagt er.

Martin streut weitere Hinweise. Er sei glücklich, dass er dieses Projekt an diesem Ort realisieren könne - einem Tempel wo Götter „und Ähnliches" gefeiert wurden. Ein Fest sei immer auch an ein Kollektiv gekoppelt. Alleine können man nicht feiern, sagt Martin. Es gibt Feste des Lebens, aber auch jene der Narren. Feiern bedeute auch, für eine kleine Weile ein Narr zu sein. Und dann erzählt er noch, dass ihn als Kind große Feste, insbesondere der Karneval sehr traurig gemacht habe.

Mit bronzenen Plättchen an den Füßen und einer Handvoll Indiziensplitter verlässt man den Ort. Als Hanns Dunstmann, Bauleiter der Nazis in Wien, 1940 am unvollendeten Kaiserforum weitersponn, sollte eine Heldengedenkstätte das Konstrukt zum Volksgarten hin abschließen: Der 1823 errichtete Theseustempel sollte zu diesen Zweck auf einen 30 Meter hohen Granitsockel gestellt werden. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 29.6.2012)

Bis 20. 8.

  • Kris Martin hat im Theseustempel bei der Arbeit "Festum" bronzenes Material gestreut, das mit Vergänglichkeit zu tun hat.
    foto: achim kukulies

    Kris Martin hat im Theseustempel bei der Arbeit "Festum" bronzenes Material gestreut, das mit Vergänglichkeit zu tun hat.

  • Artikelbild
    foto: achim kukulies
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