Übersehen und überhört

28. Juni 2012, 09:50
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Gehörlose Menschen sind in der Regel mehrsprachig, eine echte Anerkennung der Gebärdensprache lässt jedoch auf sich warten

Wien - Günter Roiss beherrscht mehrere Sprachen. Neben der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) beherrscht er Deutsch, ebenso Englisch und die englische Gebärdensprache. Der quirlige Enddreißiger ist zum Plaudern aufgelegt. Mit Hilfe von Djaneta Memišević, die seine Gebärden in Lautsprache überträgt, erzählt der Psychologe, was er beruflich macht. Neben mehreren Lehraufträgen an Universitäten ist er auch als literarischer Übersetzer tätig. Wie kann man sich das vorstellen? Djaneta Memišević, Leiterin der WITAF-Arbeitsassistenz für Gehörlose, erklärt: "Ganz einfach, er überträgt geschriebene Literatur in Gebärden und filmt das ab."

Roiss erzählt außerdem, dass es auch für die Gehörlosen so etwas Ähnliches gibt wie Esperanto, also eine Sammlung von Gebärdenvokabeln, die bei internationalen Treffen die Kommunikation erleichtern sollen. Ob man sich das so ähnlich vorstellen kann wie gebrochenes Konferenzenglisch? Roiss lacht und nickt.

Der seit seinem dritten Lebensjahr gehörlose Roiss setzt sich dafür ein, dass die Gebärdensprache als das anerkannt wird, was sie ist, nämlich eine vollwertige natürliche Sprache und nicht ein Hilfsmittel wie etwa ein Rollstuhl.

Die Gebärdensprachlinguistin Verena Krausneker vom Institut für Sprachwissenschaft an der Universität Wien sieht ebenfalls einen großen Nachholbedarf im Hinblick auf eine institutionelle und akademische Anerkennung: "ÖGS ist zwar seit sechs Jahren offiziell als Sprache anerkannt, aber von einem barrierefreien Zugang der Nutzer dieser Sprache zu allen Gesellschaftsbereichen sind wir weit entfernt." Ein Missstand, aber auch eine ständige Motivation, sich mit dem Thema Gebärdensprache wissenschaftlich auseinanderzusetzen. "Überhört und übersehen" werde die Gebärdensprache in der Gesellschaft, beklagt Krausneker: "Das Thema Gebärdensprache wurde lange Zeit in die Behindertenschublade gesteckt, dabei ist es ein Sprachthema. Es geht um eine Minderheit, die eine eigene Kultur hat, die sich nonverbal mitteilen kann."

"Offensichtlich diskriminiert"

Seit mehr als 15 Jahren forscht Krausneker über gehörlose Menschen. Die Faszination hält ungebrochen an, zum einen, weil ÖGS für Krausneker eine sehr schöne Sprache ist - "und das ist doch ein Grund, bei einer Sprache zu bleiben". Zum anderen, weil es in der Forschung noch sehr viele Lücken zu füllen gebe: "Wir wissen noch immer nicht, wie die Grammatik im Detail funktioniert." Eine weitere Triebfeder: "Die offensichtliche Ungerechtigkeit, die Diskriminierung von Nutzern der Gebärdensprache hat mich schon als ganz junge Studentin wachgerüttelt."

Was unterscheidet eigentlich ÖGS von den anderen Minderheitensprachen? Krausneker erklärt: "Nur fünf bis zehn Prozent gehörloser Eltern haben auch gehörlose Kinder. Es sind also nur wenige gehörlose Kinder, die sich von vornherein normal fühlen und in Vereinen integriert sind. Bei allen anderen ist das nicht so. Sie brauchen Jahre, bis sie einen Zugang zur Gebärdensprache und zur Community finden. Das heißt, die Gehörlosen sind eine Minderheit, die sich in jeder Generation neu finden muss."

Gebärdensprachdolmetscherin Stephanie Euler sagt, beim Dolmetschen müsse sie stets auch die Kultur, die Mentalität vermitteln: "Gehörlose und Hörende krachen manchmal aufeinander, weil aufgebrachtes Gebärden oder Artikulation von Lauten schnell als Aggression ausgelegt wird. Ich als Dolmetscherin erkläre dann zum Beispiel, nein, die Dame ist nicht aggressiv, sie hat nur ein wichtiges Anliegen." Das Dolmetschen habe noch eine weitere wichtige Funktion: "Es ist eine Frage des Selbstbewusstseins. Die Gehörlosen wollen nicht länger von irgendwelchen hörenden Personen abhängig sein, die für sie sprechen, sondern wollen die Sache selbst in die Hand nehmen."

Djaneta Memišević kennt solche Situationen zur Genüge: "Als ich nach Österreich kam, sprach ich kein Deutsch und musste hart kämpfen, um mir Gehör zu verschaffen. Viele gehörlose Menschen erleben von Anfang an eine Bevormundung. Einen Dolmetscher zu bekommen kann ihnen helfen, eigene Entscheidungen für ihr Leben zu treffen." (Mascha Dabić, daStandard.at, 28.8.2012)

Dieser Bericht ist in Rahmen der Spezialbeilage daSTANDARD entstanden. Weitere Texte zum Thema "Mehrsprachigkeit" finden Sie hier.

  • "Gebärden."
    foto: witaf

    "Gebärden."

  • "Anerkannt?"
    foto: witaf

    "Anerkannt?"

  • "Anerkannt!" Und zwar seit sechs Jahren. Institutionelle Diskriminierung gibt es in Österreich dennoch.
    foto: witaf

    "Anerkannt!" Und zwar seit sechs Jahren. Institutionelle Diskriminierung gibt es in Österreich dennoch.

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