Frauenquoten - nur ein Aspekt der Gerechtigkeit

Leserkommentar | Boka En, 9. Juli 2012, 11:02

Wir sind alle Teil mehrerer Gruppen, und die allermeisten von uns auch Teil unterdrückter Gruppen

In einem Gastkommentar auf derStandard.at erklärt Jennifer Pyka Frauenquoten als "kollektivistische Konstrukte" und zum Feindbild der freien Gesellschaft. Dabei bedient sie nicht nur Stereotype von der feministischen "Schabracke" bis zur Stutenbissigkeit, sondern ignoriert auch, wie kollektivistische Konstrukte unsere Gesellschaft bestimmen.

Wir Frauen?

In den 60er- und 70er-Jahren bezogen sich viele Feministinnen auf eine vermeintliche gemeinsame Identität, die von allen Frauen geteilt würde. Politische Bestrebungen basierten darauf, die Diskriminierung "der Frau" zu beenden.

Dann zeigten schwarze Feministinnen, dass "wir Frauen" eigentlich vor allem eines hieß, nämlich "wir weiße heterosexuelle Frauen aus der Mittelschicht". Die Interessen derer, die nicht in diese in vielerlei Hinsicht privilegierte Gruppe passten, wurden dabei ignoriert.

"Wir Frauen" kann tatsächlich darüber hinwegtäuschen, dass es auch innerhalb dieser vermeintlich homogenen Gruppe Machtunterschiede gibt. Frauen können Frauen unterdrücken, genauso wie Männer Frauen, Frauen Männer und Männer Männer (ganz abgesehen davon, dass es Menschen gibt, die nicht in diese beiden Kategorien passen oder passen wollen).

Die Frauen?

Die Behauptung, dass "Frauen im Großteil der westlichen Welt Männern gleichgestellt" seien, ist aber schlichtweg Unsinn. Nur weil rein rechtlich sowohl Männer als auch Frauen Kinder aufziehen oder Vorstandsmitglieder oder Tischlerinnen werden können, heißt das noch lange nicht, dass das auch wirklich der Fall ist.

Tatsächlich durchdringt die Annahme, dass "die Frauen" grundsätzlich anders seien als "die Männer", zahllose Aspekte unserer Alltagskultur: von Büchern darüber, dass Frauen nicht einparken und Männer nicht zuhören könnten, bis zu Aussagen wie "Frauen wollen einfach nicht in die Politik gehen" und "Männer haben eben keinen Sinn für das Schöne".

Heutzutage sind es oft gerade Feministinnen, die anerkennen, dass es viele verschiedene Frauen und Machtbeziehungen auch zwischen Frauen gibt. Jennifer Pyka hingegen greift tief die "Frauen"-Schublade, die offenbar pink ist und ganze Kollektionen von Lippenstiften und Stöckelschuhen beherbergt.

Bezeichnend ist dabei, dass ihre größte Sorge zu sein scheint, dass "kollektivistische" Frauenquoten "den Wettbewerb verzerren". Der Wettbewerb wird ohnehin verzerrt: durch soziale Strukturen, durch die Menschen aufgrund der ihnen zugeschriebenen Gruppenzugehörigkeit in Schubladen gesteckt werden und die somit individuelle Chancen und Möglichkeiten zerstören.

Wir Menschen

Es geht also nicht darum, dass "wir Frauen" oder "wir Männer" (oder "wir Schwule", "wir Schwarze" etc.) an einem Strang ziehen sollen oder können. Vielmehr gibt es verschiedene Stränge, verschiedene Machtverhältnisse und Mechanismen der Unterdrückung, an denen wir alle ziehen können, völlig egal, welchen Gruppen wir uns zurechnen und welchen Gruppen wir von anderen zugerechnet werden.

Wir alle profitieren davon, wenn wir nicht Menschen in Töpfe werfen und nur danach streben, die meisten Vorteile für "unsere" Gruppe herauszuschinden. Wir sind alle Teil mehrerer Gruppen, und die allermeisten von uns auch Teil unterdrückter Gruppen. Statt also "alles für mich" oder "alles für ‚uns‘" zu fordern, wo eine Gruppenidentität im Wettstreit mit anderen steht, sollten wir nach Gerechtigkeit für alle streben: alle Minderheiten gemeinsam bilden die klare Mehrheit.

Frauenquoten sind eine Strategie mit dem Ziel, einen Aspekt dieser Gerechtigkeit zu ermöglichen. Ob sie die beste Strategie sind, ist eine andere Frage: "Gerechtigkeit für alle" wird ohne weiter reichendes Umdenken wohl nicht zu erreichen sein. Ich wünsche mir jedenfalls keine "individualistische" Welt, in der nur das Recht des der Stärkeren regiert. Wenn wir statt Rücksicht aufeinander zu nehmen nur auf die Ellbogentaktik vertrauen, wird es immer jemand mit noch stärkeren Ellbögen geben. (Leserkommentar, Boka En, derStandard.at, 9.7.2012)

Boka En (24) studierte Transkulturelle Kommunikation und Politikwissenschaft an der Universität Wien und an der Open University und absolviert derzeit ein Masterstudium in Gender and Sexuality Studies am Birkbeck College der University of London.

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High heels in Vorstands-Etagen per Gesetz?

Wenn sich schon zwei deutsche Ministerinnen in einen Image-Kampf begeben, welche Kämpfe werden sich dann erst in den Vorstands-Etagen abspielen, wenn dort Frauenquoten per Gesetz eingefordert werden. Dann heisst es nicht mehr ‚am Stuhl sägen’ sondern einen Tritt gegen die high heels geben.
Brauchen wir denn wirklich gesetzliche Frauen-Quoten für DAX-Unternehmen?

Redaktionelle Eingriffe

Die Redaktion hat nicht nur einen neuen Titel für den Text gefunden (siehe weiter unten), sondern auch alle „…*innen“ in „…innen“ geändert. Dadurch wurden „Feminist*innen“ zu „Feministinnen“ und „Tischler*innen“ zu „Tischlerinnen“. Ich bin ziemlich entsetzt, wie Kernaussagen meines Textes völlig verändert wurden.

Binnen-I-be-gone

Dank dieses wunderbaren kleinen Programms ist mir das überhaupt nicht aufgefallen.
Wenn Sie übrigens als Kernaussage Ihres Textes die Frage "wähle ich großes oder kleines i" ansehen, dann sag ich mal lieber nichts dazu ...

Nein, aber der “neue“ Titel gemeinsam mit dem generischen Femininum und Ignoranz dessen, dass nicht nur Frauen feministisch sein können, widerspricht völlig meiner eigentlichen Grundaussage, dass wir nicht in egoistischen Grüppchen denken sollten.

naja, die annahme, dass "die Frauen" grundsätzlich anders seien als "die Männer",

durchdringt ja vor allem auch viele aspekte der feministischen kultur - wenn man etwa diestandard als solchen betrachtet

männer sind da - im gegensatz zu frauen - meist grundsätzlich böse, gewalttätig, sexistisch und an allem schuld

Es gibt verschiedene Feminismen, und einige davon sind basieren sicher sehr auf der Annahme, dass "die Männer" anders (oder auch böser) seien als "die Frauen". diestandard.at habe ich schon zu lange nicht mehr gelesen, um darüber eine Aussage zu treffen, aber die meisten Feminist*innen, die ich persönlich kenne, sind ganz definitiv keine Männerhasser*innen.

Frauenquoten - nur ein Aspekt der Gerechtigkeit

Gerechtigkeit?

Inwiefern ist es gerecht, dass man fähigen jungen Männern die Karriere verbaut (nichts Anderes heißt ja eine Quote - Einstellung wider Qualifikation)? Dadurch erreichen wir eine gerechtere Welt?

Nein, Quoten sind reinrassiger Lobbyismus - der moderne Feminismus versteht es wie keine andere Lobbygruppe bar jeder Vernunft und jeder Argumentation seine Interessen durchzuboxen...

"Den modernen Feminismus" gibt es gar nicht, es gibt viele verschiedene moderne feministische Strömungen. Mein Argument ist gerade, dass nicht Gruppenlobbying das Ziel sein sollte, sondern das bewusste Eintreten für Gerechtigkeit für alle.

Die Redaktion hat ohne mein Wissen oder Einverständnis den Titel des Kommentars völlig geändert. Mein Titel war: „Kollektivistische Konstrukte oder gemeinsame Gerechtigkeit?“

Was ich im Kommentar tatsächlich geschrieben habe, war: „Frauenquoten sind eine Strategie mit dem Ziel, einen Aspekt dieser Gerechtigkeit zu ermöglichen. Ob sie die beste Strategie sind, ist eine andere Frage: …“

Ich stehe Frauenquoten kritisch gegenüber, weil das Ziel eben sein sollte, allen Menschen von vornherein gleiche Chancen zu ermöglichen und nicht nur im Nachhinein systematische Benachteiligung mit einer Quote zu überdecken.

Allerdings bin ich nicht der Meinung, dass "junge Männer" mehr Recht auf Karriere haben als gleich qualifizierte "junge Frauen".

Wenn Sie wirklich glauben, dass Jobs immer und ausschließlich an den Bestqualifizierten gehen, dann sind Sie aber einem schönen Märchen aufgesessen. Warum sollten nicht auch mittelgut befähigte Frauen das Recht haben, einen Job zu machen, den sonst ein mittelgut befähigter Mann durch Beziehungen bekommen hat? Frauenquoten sind der Ersatz für Männernetzwerke, die genauso nicht nach Qualifikation Jobs vermitteln, sondern nach Arschkriechfähigkeit etc. ("Vitamin B")

und dort wo sie nicht nach Qualifikation vergeben werden, sondern beispielsweise nach Parteibuch:

wo wäre da die Gerechtigkeit wenn nun zum Parteibuch auch noch "Frausein" als Voraussetzung dazukommt?

"fähigen jungen Männern"

Siehe NADA :)

"Jennifer Pyka hingegen greift tief (sic!) die Frauenschublade..."

Greifen Sie mit diesem Satz nicht selbst untergriffig tief in nämliche Schublade und sind dabei selbst nicht ganz frei von "Stutenbissigkeit"?
Eine Quote öffnet Inkompetenz Tür und Tor! Eine gute Ausbildung und Leistungswille sind die entscheidenden Faktoren für tatsächliche Emanzipation und sozialen Aufstieg.
Bei einer angelernten Tätigkeit auf Hilfsarbeiterniveau ist es gleichgültig, ob der die Arbeit Ausübende männlich oder weiblich ist.
Weiters empfehle ich Ihnen neben all Ihren Studien die Grundzüge deutscher Grammatik.

Ich verstehe nicht, wie ich mit dieser Aussage Stereotypen über Frauen bedienen soll. Können Sie das näher erläutern?

Frauenquoten setzen gleiche Qualifikation voraus, da wird nicht Inkompetenz gefördert.

Wo ignoriere ich die Grundzüge deutscher Grammatik?

Oh, ja, ich sehe gerade, dass da ein „in“ fehlt. Das hat aber denkbar wenig mit Grammatikkenntnissen zu tun. Sind solcherlei persönliche Angriffe wirklich nötig, um Ihren Standpunkt zu argumentieren?

Der korrekte Gebrauch von Präpositionen hat sehr

wohl mit der Grammatik einer Sprache zu tun. Weiters ist eine Empfehlung kein persönlicher Angriff!
Sie unterstellen Frau Pyka die Verwendung von Klischees wie "Frauenschublade" und transportieren dadurch Stereotypen.

Das ist unschwer zu erkennen, dass das ein Tippfehler war. Mir da mangelnde Grammatikkentnisse zu unterstellen, ist wohl kaum kein persönlicher Angriff.

Welche Stereotypen? Dass sich Menschen manchmal Stereotypen bedienen?

Wenn ich "transkulturelle Kommunikation und Politikwissenschaft" studiert hätte, würde ich auch eine Quote fordern

auf anderem Wege würde es schwer werden einen Job zu finden.

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass eine Frauenquote sich irgendwie auf meine persönlichen Jobaussichten auswirken würde.

Außerdem fordere ich keine Quote, sondern dass Quoten unnötig sein sollen.

Also wenn ein Behinderte Mann

der ein Studium hat, und eine Frau die ein Studium hat sich um denselben Posten z.b. auf einer Uni bewerben - dann ist die Frau vorzuziehen. AUCH dises Bespiel befürwortet die Autorin - obs moralisch gerechtfertigt ist, ist eine andere Geschichten

Wie bitte kommen Sie darauf?

durch die aktuelle Gesetzeslage?

bei gleicher Qualifikation ist die Frau vorzuziehen.

früher galt das für gehandicappte Mitmenschen. Diese sind nun wegen der "positivdiskriminierung des weiblichen Geschlechts" auf die hinteren Ränge zu verweisen...

lesen sie es doch selbst nach, man kann nicht jedem alles vorkauen... selber informieren macht schlau....

Wie kommen Sie darauf, dass ich das befürworte, nur weils in einem Gesetz steht? Ich halte das Beispiel für sehr schwierig zu beantworten, weil sowohl Behinderte als auch Frauen benachteiligt wären und es sehr wünschenswert wäre, diese Benachteiligung zu bekämpfen. Im konkreten Fall (Uni) - und in den allermeisten anderen Fällen - hängt die Jobvergabe aber von sehr viel mehr Faktoren ab als nur davon, wer was studiert hat.

Es hat ja einen Grund, weshalb eine Frau vorzuziehen ist

Und zwar, weil's in dem Bereich ein Ungleichgewicht gibt.
Eigentlich ist's total unspektakulär, weil's eh nicht erlaubt ist, eine Frau einem besser qualifzierten Mann vorzuziehen :)
Btw. kann's genausogut eine Männerquote geben.

"Btw. kann's genausogut eine Männerquote geben."

geh Hörnchen jetzt mach di doch net lächerlich.

Zeig mir doch bitte eine solche "Männerquote"...

Wir wissen beide dass es keine gibt, abgelehnt von Frau Heinisch-Hosek und ihren Quotenschwestern mit dem Hinweis auf "Gleichbehandlung".

Quoten sind die Grundlage für Versorgungsposterln wie sie in der Politik üblicherweise nach Parteibuch vergeben werden.

Ich halte beides für ungerecht gegenüber 90 bis 95% der restlichen Bevölkerung.

"Proporz" für Privilegierte. SeilInnenschaften.

von der Aufsichtsratsquote profitieren nichtmal 1000 Frauen in A. Und jene die sie fordern haben aufgrund ihrer politischen Ämter gute Chancen sie auch zu kriegen..

wie wird frau Aufsichtsrätin? werden die auf der Straße oder im Gemeindebau rekrutiert? Oder...

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