Deutschland hat einen Plan

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Es mag schwarze Pädagogik sein, aber Merkels Strategie zur Eurorettung ist wohl überlegt und plausibel

Angela Merkel fährt wieder einmal als Buhfrau zu einem europäischen Gipfel, und diesmal ist der Zorn auf die deutsche Kanzlerin besonders groß. Fast der ganze Rest Europas, ebenso die USA und der Internationale Währungsfonds, fordern von Deutschland eine Art von Haftung für die Schulden der Europartner einzugehen, um damit den Druck der Finanzmärkte auf die hoch verschuldeten Staaten zu lindern.

Deutschland – die Bundesregierung, die Bundesbank, die Regierungsparteien, die Medien, die öffentliche Meinung – sagt Nein dazu, und dies mit wachsender Vehemenz. Und es lehnt genauso strikt eine Schuldenfinanzierung durch die Europäische Zentralbank ab, die Deutschland nur indirekt treffen würde.

Damit, so die vielen Kritiker, riskiert die größte Wirtschaftsmacht Europas den Zerfall der Eurozone und damit die größtmögliche wirtschaftliche Katastrophe.

Die entscheidende Frage dabei ist: Hat Deutschland einen Plan B? Oder torkeln Merkel & Co. mit offenen Augen ins Desaster?

Nach all dem, was die Entscheidungsträger aus Frankfurt und Berlin in den vergangenen Tagen von sich gegeben haben – Bundesbank-Präsident Jens Weidmann im Standard, Finanzminister Wolfgang Schäuble im Spiegel, Merkel im Bundestag –, ergibt sich eine klare Antwort: Ja. Der deutsche Weg mag zwar nicht sympathisch sein, er ist vielleicht falsch, aber dahinter steht eine wohl überlegte und auch plausible Strategie.

Diese lautet: Wir werden den Zerfall des Euro nicht zulassen, sondern alles tun, um die Währungsunion zu retten – was immer dies kostet. Aber wir werden diese Krise nutzen, um eine langfristige, nachhaltige Änderung der Wirtschaftspolitik in der Eurozone zu erzielen – und alles vermeiden, was den Druck auf die Länder verringert.

Wir lassen sie zappeln, aber lassen sie nicht fallen. Im letzten Moment steht Deutschland bereit, wieder ein paar Milliarden in die Rettungsschirme hineinzupumpen.

Das klingt nach vorsintflutlicher schwarzer Pädagogik, und das ist es wahrscheinlich auch. Aber auch im 19. Jahrhundert sind aus den Schulen gesunde Menschen herausgekommen, und auch diesmal könnte die Rechnung aufgehen.

Deshalb bereitet es Berlin keine Sorgen, wenn die Renditen auf zehnjährige Staatspapiere aus Spanien und Italien Richtung sieben Prozent klettern. Die Länder können sich auch solche Zinsen eine Zeitlang leisten, und die steigenden Kosten erhöhen nur den Druck, die Wirtschaft grundlegend zu reformieren.

Dass diese Politik den anderen Staaten wehtut, ist Absicht. Und dass diese dann immer lauter Erleichterung in Form von Eurobonds fordern und vor der Katastrophe warnen, ist weder überraschend noch ein Grund, von diesem Kurs abzuweichen – für den es angesichts der deutschen Innenpolitik und den Auflagen des Bundesverfassungsgerichts keine Alternative gibt.

Die deutsche Politik ist nicht auf Monate, sondern auf Jahre angelegt. Aus Sicht Berlins können wir noch einige Jahre mit der Eurokrise leben. Unter dem Motto „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ soll am Ende eine stabile, funktionierende Währungsunion herausschauen, in der alle Staaten so wirtschaften wie die Deutschen – oder zumindest wie Österreicher und Finnen.

Deutschland spielt hier ein riskantes Spiel, das nach Meinung vieler Ökonomen leicht schief gehen kann. Aber anders als Reichskanzler Heinrich Brüning, dessen Sparpolitik in den dreißiger Jahren Adolf Hitler den Weg ebnete, ist die deutsche Führung weder blind noch unwissend.

Und wenn es schiefgeht, so die deutsche Kalkulation, kann man immer noch umkehren und andere Lösungen suchen. Denn fallen gelassen wird in der Eurozone niemand.

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