Spanische Nervenstärke überwindet Portugals Mut

  • Casillas parierte gleich den ersten Elfer von Moutinho.
    foto: reuters/charles platiau

    Casillas parierte gleich den ersten Elfer von Moutinho.

  • Beim Elfer von Fabregas chancenlos: Portugals Keeper Patricio.
    foto: ap/darko vojinovic

    Beim Elfer von Fabregas chancenlos: Portugals Keeper Patricio.

  • Der Spannungslöser: Cesc Fàbregas.
    foto: ap/jon super

    Der Spannungslöser: Cesc Fàbregas.

  • Spanien auf dem Weg zur ...
    foto: epa/tolga bozoglu

    Spanien auf dem Weg zur ...

  • Rudelbildung.
    foto: reuters/eddie keogh

    Rudelbildung.

Spanien steht im Finale, trifft am Sonntag auf Deutschland oder Italien. Der Weltmeister schlägt Portugal nach torlosen 120 Minuten im Elfer­schießen. Cesc Fabregas setzt den Schlusspunkt für den erst sehr spät überzeugenden Titelverteidiger

Donezk - Schon nach zehn Minuten des 35. iberischen Duells seit 1921 hatte die Abteilung Statistik aus der Donbass Arena Unerhörtes zu vermelden: 55:45 Prozent Ballbesitz! Für Portugal! Dass Jordi Alba da schon den 3000. spanischen Pass im Turnier geschlagen hatte, verkam zur Randnotiz.

Die Unverfrorenheit der Seleccao das Quinas im ersten Halbfinale der EURO kam aber nicht von ungefähr. Schließlich hat die seit 18 Partien ungeschlagene Furia Roja seit ihrem WM-Titel in Südafrika nur gegen zwei Mannschaften mit mehr als einem Tor Unterschied verloren. Gegen Argentinien im September 2010 (1:4) und gegen Portugal zwei Monate später mit 0:4 in Lissabon.

Die in aller Freundschaft bezogene Klatsche schmerzte die Spanier weniger, als sie dem Nachbar Mut machte. Mut, der sich am Mittwochabend von der ersten Minute an in gesunder Aggressivität manifestierte. Dicht machen und wie die Franzosen im Viertelfinale auf höhere Gewalt hoffen, ist bei etwas individueller Klasse eben nicht das einzige Rezept gegen das Kurzpass-Gewitter der Spanier. Es geht auch mit Pressing und offensiver Courage, die sich mit einem Stürmer wie Cristiano Ronaldo ohnehin nicht bezähmen lässt. Und natürlich mit Glück. Denn den Spaniern eine Art Schlagabtausch anbieten heißt den Spaniern Platz geben.

So bekam Alvaro Arbeloa, einer von insgesamt sieben Spielern des spanischen Meisters Real Madrid (vier für Spanien, drei für Portugal) auf dem Feld, schon nach neun Minuten den Ball bestens serviert, schoss jedoch knapp über das Tor (9.). Andres Iniesta zielte ebenfalls zu hoch (29.). Der erstmals eingesetzte Alvaro Negredo vom FC Sevilla geriet dagegen zu einer Sollbruchstelle im Kombinationsspiel der Elf von Vicente del Bosque.

Cristiano Ronaldo auszuschalten, gelang den überrraschend fehleranfälligen Spaniern von Beginn an nicht immer. In der 13. Minute reichte auch ein Geleitquartett nicht zur Bändigung des 27-jährigen Superstars, aber Iker Casillas pflückte Ronaldos Flanke vor Hugo Almeidas Kopf aus der Luft. Nach einer halben Stunde scheiterte CR7 mit einem Flachschuss aus 16 Metern knapp.

Nach Seitenwechsel hatte es Negredo bald überstanden, korregierte Del Bosque mit dem bis dahin zweifachen Torschützen Cesc Fabregas (54.). Und für David Silva kam Jesus Navas (60.), der mit seinem Tor den Sieg gegen Kroatien fixiert hatte. Am Charakter der Partie änderte sich dadurch wenig. Die Lusitanier suchten den Abschluss aus der Ferne (Hugo Almeida, Ronaldo), die Hispanier meist vergeblich ein Durchkommen in der Mitte.

Konsequenz war galoppierende Harmlosigkeit beider Teams, die nur durch individuelle Schnitzer kurz aufgehoben wurde, etwa als nach einem Fehlpass vier Portugiesen gegen drei Spanier konterten, Ronaldo aber den Ball von der Strafraumgrenze aus über das Tor setzte (90.).

Erst in der unumgänglichen Verlängerung, die die Portugiesen wegen des größeren Aufwandes für ihr Spiel deutlich mehr schmerzte, fanden die Spanier zu ihrem Kombinationsspiel zurück. Vor allem der ebenfalls eingewechselte Pedro Rodriguez rührte um. Eine seiner Vorlagen offerierte die goldene Chance für Iniesta, der an Goalie Rui Patricio scheiterte (104.). Die folgende Gelegenheit von Navas war um nichts schlechter, die Reaktion von Rui Patricio auch nicht (111.). Die Konsequenz: Elferschießen.

In dem riss der viermalige Welttorhüter Iker Casillas das Spiel für die Spanier aus dem Feuer. Der 31-jährige Kapitän parierte den Versuch von Joao Moutinho, Bruno Alves traf nur die Latte. Weil bei den Spaniern nur Xabi Alonso scheiterte, konnte Fabregas alles klar machen. Er tat es mit Hilfe der Stange. Ronaldo, Portugals letzter Schütze, konnte nicht mehr eingreifen, konnte sich nur der Verzweiflung hingeben. (red, DER STANDARD, 28.6.2012)

EM-Halbfinale:
Portugal - Spanien 0:0 - 2:4 im Elfmeterschießen
Donezk, Donbass Arena, 48.000, SR Cakir/TUR.

Elfmeterschießen:
0:0 Alonso vergibt (gehalten)
0:0 Moutinho vergibt (gehalten)
0:1 Iniesta trifft
1:1 Pepe trifft
1:2 Pique trifft
2:2 Nani trifft
2:3 Ramos trifft
2:3 Alves vergibt (Latte)
2:4 Fabregas trifft

Portugal: Patricio - Pereira, Pepe, Alves, Coentrao - Moutinho, Veloso (106. Custodio), Meireles (113. Varela) - Nani, Almeida (81. Oliveira), Ronaldo

Spanien: Casillas - Arbeloa, Pique, Ramos, Alba - Busquets, Alonso - Silva (60. Navas), Xavi (87. Pedro), Iniesta - Negredo (54. Fabregas)

Gelbe Karten: Coentrao, Pepe, Pereira, Alves, Veloso bzw. Ramos, Busquets, Arbeloa, Alonso

Spiel-Statistik:

Torschüsse: 2 bzw. 5
Schüsse: 10 bzw. 11
Fouls: 31 bzw. 21
Eckbälle: 6 bzw. 7
Abseits: 2 bzw. 3
Ballbesitz: 55 bzw. 45 Prozent

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