Wenn Literatur in Kärnten auf die Straße geht

  • Literatur für alle: Prominente lesen ihre Lieblingsschriftsteller, Autoren und ihre Leser begegnen einander auf öffentlichen Plätzen der Stadt Klagenfurt.
    foto: kulturabteilung klagenfurt

    Literatur für alle: Prominente lesen ihre Lieblingsschriftsteller, Autoren und ihre Leser begegnen einander auf öffentlichen Plätzen der Stadt Klagenfurt.

"Leseplätze": Im Vorfeld des Ingeborg-Bachmann-Wettlesens gehört die Stadt Klagenfurt (fast) ganz der Literatur

In der Innenstadt kann man zufällig Autoren und deren Werken aus dem deutsch-slowenisch-italienischen Kulturraum begegnen.

Klagenfurt - In seiner Eröffnungsrede zum Bachmann-Preis 2009 wütete der Schriftsteller Josef Winkler gegen politische Ignoranten, die in Klagenfurt zwar ein 70 Millionen teures Fußballstadion finanzierten, aber keine Stadtbibliothek für Klagenfurt.

Im heurigen Sommer hat Klagenfurt als Heimat großer Dichter wie Robert Musil und Ingeborg Bachmann noch immer keine Stadtbibliothek. Und das Public- Viewing zur Fußball-EM verdrängt die Literatur (noch) vom Neuen Platz, dem Zentrum Klagenfurts. Dennoch: Im Vorfeld des heurigen 36. Bachmann-Wettlesens erobern die Literaten und ihre Leser mehr und mehr Stadtraum.

"Die Literatur geht auf die Straße", formuliert Klagenfurts rührige Kulturamtsleiterin Manuela Tertschnig. Eine Fülle von Veranstaltungen ermöglichen einem interessierten oder zufällig vorbeistreifenden Publikum Begegnung mit Literatur. Die Lesereihe "literatur after work" beginnt heute, Donnerstag. Prominente aus Wirtschaft, Kultur und Sport lesen dabei Texte ihrer Lieblingsautoren.

Vollends zu einer Art Freiluftbibliothek gerät Klagenfurt dann am Wochenende mit dem dreisprachigen Literaturfestival "lesePlatz".

Öffentlicher "Lesesalon"

Alter Platz, Adil-Besim-Hof und Arthur-Lemisch-Platz werden gewissermaßen zu einem öffentlichen "Lesesalon" umfunktioniert. Überall stehen Bühnen, auf denen rund 30 Autorinnen und Autoren aus dem Alpen-Adria-Raum und Nachwuchstalente Lesekostproben in Deutsch, Slowenisch und Italienisch geben.

Überreich ist dabei natürlich das Angebot an zeitgenössischer Kärntner Literatur, etwa Egyd Gstättner, Alois Brandstetter oder Janko Messner.

Die Schauspielerin Magda Kropiunig liest aus Peter Handkes Immer noch Sturm / Se vedno vihar in slowenischer Übersetzung. "Auch wenn viele Zuhörer Slowenisch nicht verstehen, kann man dennoch in der Sprachmelodie baden", erläutert Tertschnig. Für angehende Literaten gibt es eine "Readers' Corner" in Anlehnung an die Speakers' Corner im Londoner Hyde Park.

Organisiert wird das "öffentliche Lesen für alle" von der Initiative Kulturraum Klagenfurt, der neben der Klagenfurter Kulturabteilung zahlreiche Kulturinitiativen angehören.

"Wir wollen zeigen, dass Literatur nicht nur Angelegenheit weniger beim Bachmann-Wettlesen ist", sagt Heimo Strempfl, Leiter des Robert-Musil-Museums. "Beim Lesen spult jeder seinen individuellen Film im Kopf ab, das ist auch ein kreativer Akt." Freilich: Josef Winklers Wunsch nach einer eigenen Stadtbibliothek sei damit noch nicht erfüllt. Doch Literatur würde mit den "lesePlätzen" in Klagenfurt "auf Schritt und Tritt sichtbar gemacht".

Aber immerhin: Klagenfurts Stadtpolitiker beginnen schon, über den Bau einer Stadtbibliothek wenigstens nachzudenken.   (Elisabeth Steiner, DER STANDARD, 28.6.2012)

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