Es könnt' so einfach sein

Michael Hausenblas
2. Juli 2012, 17:16
  • "Dinge. schlicht & einfach"Museum für angewandte KunstBis 7. Oktober 2012Zur Ausstellung erschien eine Publikation u. a. mit Texten von Elfriede Jelinek, Elisabeth von Samsonow.
    foto: mak

    "Dinge. schlicht & einfach"
    Museum für angewandte Kunst
    Bis 7. Oktober 2012
    Zur Ausstellung erschien eine Publikation u. a. mit Texten von Elfriede Jelinek, Elisabeth von Samsonow.

Das Museum für angewandte Kunst in Wien beschäftigt sich in einer gelungenen Ausstellung mit dem komplexen Thema Einfachheit und zeigt wunderbare Objekte aus der Sammlung des Hauses

So einfach ist's dann auch wieder nicht, zu sagen, was denn nun einfach ist. Johann Wolfgang von Goethe und Steve Jobs, die derzeit in der Mak-Ausstellung Dinge. schlicht & einfach zitiert werden, sehen die Sache so: Mr. Apple meinte, "einfach kann schwerer als komplex sein: Man muss hart arbeiten, um das eigene Denken so sauberzubekommen, damit man es einfach machen kann."

Goethe lässt einen Apotheker in seinem Epos Hermann und Dorothea die Veränderungen der Gartenmode folgendermaßen bedauern, "... denn alles soll anders sein und geschmackvoll, wie sie's heißen, und weiß die Latten und hölzernen Bänke. Alles ist einfach und glatt, nicht Schnitzwerk oder Vergoldung will man mehr ..." Geschrieben hat der Dichter dies im Jahr 1786. Zu dieser Zeit beginnt laut Mak-Kustode Sebastian Hackenschmidt jene Epoche, in der im Gegensatz zu Asien auch in unserer Kultur das Einfache zu einer eigenen ästhetischen Kategorie wurde, wohin gegen sie zuvor vor allem aus Zweck bzw. aus der Not heraus zu ihrer Form kam. Zu finden ist Goethes Spruch in der Ausstellung neben einem einfachen Gartentisch samt Sessel. Angepinselt wurden die zwei Möbelstücke weiß, aber das ist lange her, wie man den etwas traurig wirkenden Möbeln aus den 1820er-Jahren ansieht.

Einfachheit ist relativ

Einfach haben es sich die drei Kuratoren der Schau, Sebastian Hackenschmidt (Kustode für Möbel und Holzarbeiten), Elisabeth Schmuttermeier (Kustodin für Metall und das Wiener-Werkstätte-Archiv) sowie Johannes Wieninger (Kustode für Asien) nicht gemacht. Einfach geht's auch gar nicht, sagt Hackenschmidt, der zu dem Schluss kommt, dass "Einfachheit relativ ist". Er erklärt dies anhand vieler Möbelstücke von Biedermeier bis hin zu Stücken von Jasper Morrison oder Donald Judds gigantischer Holztafel samt Bänken. "250 Kilo wiegt allein die Tischplatte, und wir brauchten acht Mann, um sie aus dem Depot zu hieven", erzählt Hackenschmidt.

Der Möbelfachmann versucht, so wie seine Kollegen, die Definition von Einfachheit aufzubrechen, Einfachheit zwischen Not, Zweck, Form, aber auch als Ausdruck des Luxus, also des Understatements zu präsentieren. Und das alles im Wandel der Zeit, denn auch das macht diese Schau einmal mehr bewusst: Viele dieser auch noch so einfachen Objekte wären heute aufgrund des Kostenaufwands in Handwerksarbeit nicht mehr denkbar. Apropos Kosten: Die Schau zeigt auch einige der Möbel von Sigmund Járay, die dieser 1899 im Rahmen eines Wettbewerbs für den Entwurf eines "Wohnzimmers eines verheirateten Arbeiters" samt Bett, Kleiderschrank, Sitzmöbel, Kredenz etc. einreichte. Die Ausschreibung des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie (das heutige Mak) verlangte, dass ein Herstellungspreis von 300 Kronen nicht überschritten werden durfte.

Produktionsästhetische Einfachheit

Wenig Chancen auf den 1. Preis hätten seinerzeit die Objekte des Formenspielers Jerszy Seymour gehabt, angesichts derer sich der eine oder andere Besucher fragen mag, warum diese Stücke Einlass in die Ausstellungshalle fanden. Hackenschmidt will mit diesem Ensemble zeigen, dass bei aller optischen Täuschung auch eine produktionsästhetische Einfachheit Platz finden soll. Designer Seymour steckte Holzstöcke in heiße Plastikmasse, drehte die Chose nach Erhärtung auf den Kopf, und voilà, fertig waren Tisch und Bank.

Die Ausstellung, die vom Mak als kuratorisches Experiment bezeichnet wird, ist in drei örtlich den jeweiligen Zuständigkeitsbereichen der Kuratoren entsprechende Bereiche geteilt. Man könnte auch sagen, es sind drei Ausstellungen, die zu einer zusammenfinden.

Im besonders formalistisch ausgerichteten Asien-Teil der Schau zeigt Kurator Wieninger unter gut 120 Exponaten in erster Linie Gefäße, viele davon in archaische Urform gebracht - Schalen aus dem 9. Jahrhundert ebenso wie aus dem Jetzt. Schnell wird einmal mehr klar, dass die Einfachheit in Asien eine ungleich längere und reichere Tradition vorzuweisen hat. Skurriles Detail am Rande: Eine unbezahlbare Schale vom chinesischen Kaiserhof ist in derselben Vitrine wie ein Ikea-Schälchen zu finden. Formal sind die zwei Objekte wie Brüderlein und Schwesterlein.

Schlicht im Gebrauch / Einfach im Luxus

Im dritten Teil der Ausstellung zeigt Elisabeth Schmuttermeier allerhand Exponate, Alltagsgegenstände aus Glas, Metall, Keramik, aber auch Textilien und Schmuck. Hier drehen sich die Gedanken um das Thema "Schlicht im Gebrauch / Einfach im Luxus". So lautet auch der Titel dieses Ausstellungsparts.

Die Schau ist eine sehr angenehme. Sie heißt den Besucher willkommen und lässt Platz zum Denken. Wie kleine Familien stehen sie da, die Möbelgruppen, und die neuen Vitrinen, die kaum besser zur Fassade des Lichthofes im Zentrum der Ausstellungshalle passen könnten. Die Exponate wollen besucht und begutachtet werden. So stumm und regungslos sie auch sein mögen, in ihrer Anordnung vermitteln sie geradeaus, wofür sie geschaffen wurden - um benützt zu werden. Wer sich nach Beendigung des Rundgangs noch immer nicht sattelfest fühlt, wenn es darum geht, die vielen Facetten des Einfachen zu fassen, der könnte Erlösung in den Worten des ebenfalls in der Schau vertretenen Designers und Architekten Josef Frank finden. Dieser schrieb, "Einfachheit ist nicht definierbar, sondern fühlbar." So einfach könnt's sein. (Michael Hausenblas, Rondo, DER STANDARD, 29.6.2012)

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'Design' vs. Einfachheit

Mit der Einfachheit ist das so ne Sache:
wir sie zum Programm, resultieren gekünstelte Entwürfe, die genauso überzogen sind wie deren Gegenpol, das vermeintlich designte.
Wie alles im Leben ist ein guter Entwurf eine Frage der Balance, er beinhaltet Einfachheit genauso wie Komplexität; Geraden wie Kurven, Feindetaillierung wie ungestörte Flächen.
Eigentlich beinhaltet ein gelungener Entwurfe alle diese Gegensatz-Paare und stellt sie – fein tariert – in Spannung zueinander. Dies ist mir aufgefallen, als ich kürzlich die folgende Website entdeckte, die ausschliesslich zeitloses Design zeigt (v.a. Möbel):
<a href="http://www.archetypen.ch/classicon... -bed.html" title="classicon klassiker design">www.archetypen.ch</a>

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