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Internationale Experten diskutieren auf Einladung des Rondo: Stefan Siegel, Alain Moreaux, Michael Michalsky und Anne Petersen (v. li.).
Wer keinen festen Wohnsitz hat, ist schwer zu finden. Auch in der Modebranche ist unter den eingetragenen Adressen längst nicht mehr immer der Stand der Dinge zu verorten: Durch das Internet mit Laufsteg-Livestreams und Online-Shops hat sich ein Teil des modischen Diskurses ins Netz verlagert. Die Deutungshoheit von Modehauptstädten wie Paris, Mailand und London bekommt damit Risse. Eine Rondo-Diskussion, moderiert von Stephan Hilpold, stellte vergangene Woche die Frage: "Braucht Mode einen Ort?"
"Durchaus" - ist anfänglich der allgemeine Tenor in der Runde. Laut Alain Moreaux, Manager des Marken-Onlineshops Vente Privée, ist es kein Zufall, dass sich der Hauptsitz dieses Unternehmens in Paris befindet. "Wir wollen im Einklang sein mit dem, was in der Mode passiert." Die Anbindung an die Mode-Metropolen sei auch für reine Onlineunternehmen wichtig, um mit Markenpartnern effektiv zusammenzuarbeiten und über neue Trends auf dem Laufenden zu bleiben. "Die Mode entsteht überall", sagt dagegen Stefan Siegel, Gründer der Jungdesignerplattform Not Just A Label. Siegel arbeitet mit Designern weltweit von Georgien bis Marrakesch zusammen, und gerade die Designer mit einer eigenen regionalen Identität, unabhängig von Trends der Metropolen, seien die Erfolgreichsten der Plattform.
Demokratisierung
Auch Stardesigner Michael Michalsky hält nichts von einer Fixierung auf die Mode-Metropolen: "Haute Couture hat für das wirkliche Leben keine Bedeutung." Dass die Fashion-Hauptstädte durch das Internet ihr Monopol in Sachen Trendsetting und exklusiver Mode verlieren, hält er für eine Entwicklung, die zu begrüßen sei: "Es hat eine Demokratisierung stattgefunden: Nun kann ich auch, wenn ich in der Pampa wohne und mich für Mode interessiere, darauf online zugreifen." Anne Petersen, Modechefin von Brigitte, gibt zu bedenken, dass dadurch die Mode aber auch etwas von ihrem Glanz verliert, wenn einst exklusive Produkte nun überall zugänglich sind: "Es geht Exklusivität verloren, da es die räumliche Begrenzung nun nicht mehr gibt. Auch durch die Demokratisierung der Mode sind wir fast bei einer Art Bulimie angekommen: Die Leute rennen in die Fußgängerzonen, shoppen sich drei, vier Tüten, ziehen die Sachen viermal an und kotzen alles wieder aus."
Exklusivität und Internet
Michalsky pflichtet zwar bei, dass der Reiz des Modekonsums darunter leidet, wenn durch eine Vereinheitlichung der Sortimente überall alles zugänglich ist. Aber dem Verlust der Exklusivität trauert er nicht nach: "Das ist kein zeitgemäßes Konzept mehr. Warum soll ich das nicht online bestellen, wenn ich nicht die Möglichkeit habe, in diese Orte zu fahren?" Alain Moreaux verweist zudem auf das veränderte Kaufverhalten: "Die Konsumenten haben heute immer weniger Zeit und leben anders. Onlineshopping macht es möglich, auf Produkte zuzugreifen, die man sonst nicht bekommt."
Ohnehin, sagt Stefan Siegel, müssen sich Exklusivität und Internet nicht ausschließen. Es komme darauf an, sich im Überangebot durch Wertarbeit hervorzutun. "Es gibt derzeit zu viel von allem. Deshalb wird es in den nächsten Jahren vor allem auf Kuratierung ankommen." Die geringe Zugänglichkeit oder die Reduktion auf einen Ort sei kein Kriterium der Qualität, da ausgefallene Produkte überall nachgefragt werden: "Wir schicken Teile nach Kansas oder Australien, wo man sich schon fragt: Was machen die Leute im Lederkorsett auf der Farm?" (Johannes Lau, Rondo, DER STANDARD, 29.6.2012)
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