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vergrößern 750x500Jacques Le Rider in Wien: Sein neues Buch über Fritz Mauthner harrt noch der Übersetzung ins Deutsche.
Wien - Den Titel seines Gastvortrags in der Akademie der bildenden Künste wählte Jacques Le Rider mit Blick auf den Sprachphilosophen Fritz Mauthner: "Das Wort, das Wort, das Weh gerade an diesem Ort". Aber das "Weh des Wortes" ist nicht die einzige Krankheitsbeschreibung auf dem Diagnosezettel, den die Wiener Intellektuellen der österreichischen Kultur um 1900 ausstellten.
Der Franzose Le Rider (58) ist einer der beredtesten Chronisten der Wiener Jahrhundertwende. Sein 2004 auf Deutsch erschienenes Arthur-Schnitzler-Buch ("Arthur Schnitzler oder Die Wiener Belle Epoque") enthält nach wie vor das packendste Bildnis des Autors. Ein immer einsamer werdender Dichter steht vor den brennenden Kulissen Altösterreichs. Schnitzler - er wäre heuer 150 Jahre alt - lehnte es dennoch ab, sich mit dem Ungeist der neuen, sachlichen Epoche gemeinzumachen.
Le Rider, der in Paris einen Lehrstuhl für deutsche Kulturgeschichte innehat, begann seine Beschäftigung mit der todesverliebten Wiener Kultur bereits in den 1970ern: "Ich arbeitete über die Romane Heimito von Doderers, und Doderer war ein großer Otto-Weininger-Leser." Le Rider prallte unvermittelt auf eine der wahnwitzigsten Figuren der letzten Epochenwende. Der Judenfeind und Frauenhasser Weininger, der sich 1903 im Beethoven-Haus 23-jährig das Leben nahm, gab den Stoff ab für sein erstes Buch. "Seitdem hat mich dieses Interesse für Wiener Themen immer getragen", sagt Le Rider.
Ob nach der Boom-Dekade der 1980er das Thema "Wien um 1900" noch einmal zündet? Das Ambivalenzgefühl der damaligen Kulturschaffenden mag in der jetzigen Krisengereiztheit seine Entsprechung finden. Le Rider deutet das Ambivalenzphänomen noch weiter aus: "Die Vertreter der Wiener Moderne waren durchaus optimistisch in der Erkundung neuer Gebiete wie dem der Seele in der Psychoanalyse. Zugleich enthielten ihre Arbeiten aber auch Trauer über die schwerwiegenden Verluste, die mit der Modernisierung verbunden waren."
Die Poster mit der Abbildung von Gustav Klimts "Kuss" mögen inzwischen abgehängt sein. Doch auf den Rausch der 1980er-Jahre folgte "die nüchterne Aufarbeitung, die systematische Ordnung der Ergebnisse". Le Rider nennt das die Kartografie "toter Städte": "Nach ihrer Entdeckung beginnt die Archäologie der Moderne. Vergleicht man heute die Freud-, die Schnitzler-, die Wittgenstein-Forschung mit dem Zustand Anfang der 1970er, so ist der Kontrast verblüffend. Wittgenstein las man damals in Verbindung mit Cambridge. Freud kam vor im Kontext der Frankfurter Schule, mit Adorno, Horkheimer und Marcuse. Das sind gute Referenzen! Aber es entfernte Freud doch sehr von Wien."
Schnitzler sei zu jener Zeit "etwas untergeordnet gewesen in der deutschen Literaturgeschichte. Inzwischen hat sich aber eine Aufwertung vollzogen, wozu die Edition der kompletten Tagebücher sehr viel beigetragen hat." Nun beginne auch endlich die Aufarbeitung des umfangreichen Nachlasses. Forschungsstellen in Wien, Cambridge und Wuppertal arbeiten an der Erstellung einer historisch-kritischen Ausgabe. Was wir bisher von Schnitzler kennen, sagt Le Rider, sei nur "die Spitze des Eisbergs".
Mit Blick auf die abzutragenden Zettelberge ergibt sich das Bild eines Schreibwütigen. Es ist schwer vorstellbar, wie Schnitzler daneben noch die Zeit fand, die vielen Damen seines Herzens mit Proben seiner Gewogenheit zu erfreuen. Le Rider: "Die großen Schriftsteller der klassischen Moderne schrieben ununterbrochen: Sie führten Tagebuch, schrieben Briefe und führten mehrere Projekte parallel. Das hat unsere Zeit, man mag sie postmodern nennen oder nicht, etwas aus den Augen verloren. Literatur dient nicht zur Unterhaltung, sie vermittelt auch nicht zuallererst Wissen. Literatur bildet nach einer solchen Auffassung das Leben selbst."
Verfinsterte Weltsicht
Als die eigentliche Katastrophe hat der Erste Weltkrieg zu gelten: dies nicht aus Nostalgie. Le Rider: "Mit ihm setzt eine Verfinsterung des Welt- und Menschenbildes bei Freud und Schnitzler ein. Der Weltkrieg wird von einem Ausbruch des ungehemmten Antisemitismus begleitet. Das bewirkt bei beiden, Freud wie Schnitzler, eine tiefe Erschütterung des Identitätsgefühls, einen Zweifel an ihrer Zugehörigkeit zu Wien." Schnitzler verwirft obendrein die zionistische Idee. Der Autor bleibt als Kritiker seiner Umwelt bis zu seinem Tod 1931 hellwach. Er ist, in Begriffen der Identität gesprochen, mutterseelenallein.
Le Rider: "Bei Schnitzler ist die Dimension der Ablehnung stark ausgeprägt. Das macht ihn so interessant: Seine eigene Identität unterliegt einer ständigen Vibration. Er befindet sich in permanenter Schwingung, ist nie stabil." (Ronald Pohl, DER STANDARD, 28.6.2012)
Le Riders Schnitzler-Buch ist beim Passagen-Verlag erhältlich.
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seien s' nicht so überkritisch.
wenn ronnie "mr. bean" pohl nicht gerade einen dekonstruktivistischen text (eloge, verriß, eigene ergüsse) verfaßt, kann ein derartiger lapsus schon passieren.
allerdings: die vorstellung, wie arthur mit 150 jahren aussehen würde...
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