"Wassermangel trifft Frauen und Kinder besonders hart"

Interview27. Juni 2012, 19:30
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Wasser gibt es genug, die ungleiche Verteilung ist das Problem, sagt der Wasserexperte Alaistar Morrison

Standard: Wasser - ein zunehmend kostbares Gut, das in seiner wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung dem großen Bruder Erdöl bald den Rang ablaufen wird?

Alaistar Morrison: Möglich. Wir haben es im Wasserbereich mit ständig neuen Herausforderungen zu tun. Länder wie Indien mögen einen beachtlichen Zugang zu Wasserressourcen geschaffen haben. Andererseits konkurrieren auch dort die Interessen der Agrarindustrie mit den Notwendigkeiten der Trinkwasserversorgung. Der Preis, der bezahlt wird, ist hoch.

Standard: Kampf um Wasser kann in Kriege münden?

Morrison: Wir hatten ein Programm in Südsudan. Das Sicherheitsteam der UNDP, des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, wollte das. Es sollte beitragen, die Lage zu stabilisieren und den ländlichen Raum zu befrieden. Das Team ging zu den verschiedenen Stämmen und fragte, was der Hauptgrund für den Konflikt ums Wasser sei. Alle antworteten im Grunde ident: Zugang zu Wasser für landwirtschaftliche Zwecke und zum Trinken.

Standard: Ein neues Programm?

Morrison: Es war die Antwort auf ein Bedürfnis. Es gab zwei Stämme, die sich wegen einer Wasserstelle stritten. Indem eine Wasserstelle für jeden Volksstamm geschaffen wurde, konnte viel Konfliktpotenzial beseitigt werden.

Standard: Als Österreicher fällt es schwer zu glauben, dass es Wasserknappheit gibt.

Morrison: Dennoch haben weltweit rund 800 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Voriges Jahr war ich in Dschibuti. Äthiopien ist ein extrem trockenes Land. Das gesamte Wasser kommt aus dem Hochland, aus einem Untergrundsee. Dschibuti liegt an der Küste, das Wasser gelangt über Leitungen dorthin. Die sind aber ziemlich leck. Weil das Wasser kostenlos abgegeben wird, besteht kein Anreiz, Lecks zu beheben oder gar Wasser zu sparen. Dabei wäre es so wichtig, die lokalen Ressourcen zu bewahren. Alles andere wird in diesen Ländern fast unbezahlbar.

Standard: Was heißt Wassersicherheit für Sie?

Morrison: Genug Wasser zu haben zur Befriedigung sämtlicher Grundbedürfnisse. Wir haben uns angesehen, wie es weltweit damit bestellt ist. Dabei konnten wir feststellen, dass es erhebliche Verbesserungen in Indien und China gegeben hat, was die Wasserversorgung breiter Bevölkerungsschichten betrifft. Auch in Afrika sind wir gut unterwegs. Was dort aber noch sehr zu wünschen übrig lässt, sind sanitäre Einrichtungen.

Standard: Warum hinkt gerade Afrika da so weit hinterher?

Morrison: Gute Frage. Es gibt am afrikanischen Kontinent viele Länder, in denen es bis vor kurzem kriegerische Auseinandersetzungen gab. Dort ist es noch immer sehr schwer, gute Arbeit zu machen. Die Betriebskosten zum Pumpen des Wassers sind hoch, mitunter gibt es Hindernisse beim Zugang zu Wasser, etwa Landrechte, die das erschweren. Viele Spendenorganisationen und Entwicklungsagenturen sind in diesen Ländern gar nicht aktiv.

Standard: Ist es nicht auch so, dass es Wasser oft einfach auch physisch nicht gibt?

Morrison: Nur in wenigen Gegenden ist das so, etwa in der Sahara. Generell verfügt Afrika über enorme Wasserreserven, auch wenn diese ungleich verteilt sind. Aber im Hochland von Kenia, in Angola oder im Kongo beispielsweise gibt es Wasser im Überfluss. Es gibt aber auch schwache Staaten, wo die Infrastruktur am Boden liegt. Die sind schlicht nicht in der Lage, das zu managen.

Standard: Wer leidet erfahrungsgemäß am meisten unter beschränktem Wasserangebot?

Morrison: Generell sind es Frauen und Kinder, die es besonders trifft. Die müssen mitunter lange Wege auf sich nehmen, um Wasser für die Familie zu besorgen. Auch für Menschen mit Behinderung ist es unendlich mühsam. (Günther Strobl, DER STANDARD, 28.6.2012)

Alaistar Morrison (44) ist Experte für das Wasser- und Hygieneprogramm beim Stockholm International Water Institute Siwi. Der Brite berät auch Regierungen. Er war auf Einladung des Instituts zur Kooperation bei Entwicklungsprojekten (Icep) in Wien.

  • Der Wasserexperte Alaistar Morrison sieht das Hauptproblem in der ungleichen Wasserverteilung.
    foto: der standard

    Der Wasserexperte Alaistar Morrison sieht das Hauptproblem in der ungleichen Wasserverteilung.

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    Oft müssen Frauen und Kinder lebensnotwendiges Wasser von weit her transportieren wie etwa hier im Nordosten Kenias.

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