Der Mann, der nachts allein zum Kühlschrank ging

27. Juni 2012, 17:14
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Aus der angekündigten Reunion Black Sabbaths ist nichts geworden. Deshalb gastierte Heavy-Metal-Gründervater Ozzy Osbourne mit der Nummernrevue "Ozzy & Friends" in der Wiener Stadthalle

Wien - Wenn man mit seiner unmittelbaren Lebensumgebung sehr vertraut ist, ist es meist nicht notwendig, nachts das Licht einzuschalten, weil man schnell etwas zu erledigen hat. Während die Vernunft schläft, kann man auch blindlings durch Haus und Wohnung tappen, ohne jetzt groß nachzudenken, wo - Aua! - Esstisch oder Kühlschrank stehen. Oder auf welcher Seite die Frau seit 30 Jahren schläft.

Auftritte von Ozzy Osbourne funktionieren seit jeher nach diesem Prinzip. Vorsicht, Einsteigdiebe: Es mag zwar kein großes Licht leuchten, trotzdem ist jemand zu Hause! Hier wohnt nicht nur der Fürst der Dunkelheit, hier residiert der - Aua! - Abgott der Zappendusterheit!

Ozzy Osbourne ist mit seiner alten Band Black Sabbath seit den späten 1960er-Jahren ein Gründervater des klassischen, bis heute tausendfach kopierten und adaptierten Heavy Metal und dessen zig Subgenres: Doom-, Black-, Funeral-, Death-, Thrash- sowie um die Aufmerksamkeit der Erziehungsberechtigten mittels Provokation durch Geschmacklosigkeiten wie Satanismus, Gewaltverherrlichung und die Ablehnung der Amtskirche heischender, tiefer gestimmter Ungustl-Metal - Ozzy Osbourne ist der Mann, der das alles zu verantworten hat.

Außerdem ist er mehrfacher Weltmeister in den Sparten Ausschweifen, Bierkisten-Gliding und Speedballeinwurf.

Auf die Dauer ist sich das nicht wirklich ausgegangen. Gut, der Mann, der nur an einer Stelle - nämlich seinem großen, fröhlichen, rabiaten, pädagogisch wertlosen Bubenherzen - verwundbar ist, gellt und greint noch immer so schrecklich, weil der 2012 angekündigte Weltuntergang kurzfristig einige Terminänderungen machen musste. Er kommt nicht erst im Dezember, sondern: jetzt gleich! Ozzy kann das machen, weil er mit seinem Repertoire bestens vertraut ist. Ansonsten aber hoppertatscht der von der früheren Lebensfreude gezeichnete 63-jährige herum wie ein - Aua! - greiser Tippelbruder.

Aus der angekündigten Comeback-Tour der Originalbesetzung, die bis zu Ozzys Rauswurf wegen seiner Drogenprobleme 1979 bestand, ist nichts geworden. Gitarrist Tony Iommi befindet sich in Krebstherapie, Schlagzeuger Bill Ward bekam von Ozzys Managerin und Ehefrau Sharon nicht genug Geld geboten.

So sieht man mit Ausnahme eines kurzen Gastauftritts von Originalbassist Geezer Butler in der gut gefüllten Wiener Stadthalle leider Ausdrucksmetaller jüngerer Baujahre an seiner Seite. Die schauen aus, als würden sie sich nur von Tattoo-Tinte, Haarspray und Unterhaltungschemie ernähren. Sie geben sich auch von ihren Posen her so, wie sich möglicherweise Lady Gaga vernaschenswerte harte Burschen mit Nietenarmbändern, Kajalaugen und süßen Schmolllippen sowie einer Bereitschaft für längliche Gitarrensoli vorstellt.

Dazu kommt noch - Gott würfelt nicht, er scherzt - Alt-Gitarrenposer Slash von den Guns N' Roses, der jedes noch so einfache Riff alter Black-Sabbath-Klassiker wie Iron Man, N.I.B., War Pigs oder Paranoid versemmelt. Er muss schließlich aufpassen, dass ihm die - Aua! - brennende Zigarette im Mundwinkel nichts tut.

Alles nicht schön anzuschauen. Man hört zudem nachts ohne Licht bewährte Soloklassiker wie Mr. Crowley, Suicide Solution, Crazy Train oder Mama, I'm Coming Home. Ozzy nimmt einen Gartenschlauch und spritzt milchige Flüssigkeit in den Saal.

Ein Lied nennt sich Shot In The Dark. Bauchiger 1980er-Boogie-Woogie-Heavy-Metal trifft auf der Wet-T-Shirt-Party auf behäbige Discorhythmen. Jetzt können auch die älteren Männer im Saal mit ihren Plastikbechern schmusen. Das ist kein schöner Anblick. Aber irgendwie hat es uns dann doch ure getaugt.   (Christian Schachinger, DER STANDARD, 28.6.2012) 

  • Ozzy - Allein zu Haus. Aus der angekündigten Comeback-Tour von Black Sabbath wurde nichts. Und so spritzte Ozzy Osbourne solo milchige Flüssigkeit ins Publikum.
    foto: standard / heribert corn

    Ozzy - Allein zu Haus. Aus der angekündigten Comeback-Tour von Black Sabbath wurde nichts. Und so spritzte Ozzy Osbourne solo milchige Flüssigkeit ins Publikum.

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