Linien aus Sand, Licht und Fäden

27. Juni 2012, 17:20
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Die Ausstellung "tracing paper" in der Galerie Charim zeigt Arbeiten, die das Medium Zeichnung erweitern

 Zwischen Collagen, Projektion und Installationen sieht man aber auch klassischere zeichnerische Blätter.

Wien - Eine Sandspur verläuft am Boden. Schon etwas verwischt, lässt sie sich quer durch die Räume der Galerie Charim bis zu einer Tasche mit einem Loch zurückverfolgen. Am Eröffnungsabend hat Nora Kurzweil damit ihre Bewegung im Raum "dokumentiert": Dort, wo sich viel Sand angehäuft hat, ist sie stehengeblieben, dort, wo die Linie schmal ist, war die Künstlerin schnell unterwegs.

Obwohl weit entfernt vom Medium Zeichnung, verdeutlicht die Performance doch einen zentralen Aspekt: die Unmittelbarkeit, mit der man im Medium Zeichnung sowohl Gedanken als auch Zustände des Körpers ausdrückt.

Die Ausstellung tracing paper versammelt Arbeiten von 18 Künstlerinnen und Künstlern. Allerdings führen nicht alle präsentierten (Um-)Wege auch zum Medium Zeichnung. Neben durchaus sehenswerten malerischen Arbeiten von Erwin Bohatsch, Hubert Scheibl und Robert Muntean oder formal durchaus bestechenden Papierschnitten von Alfons Pressnitz werden etwa Bilder und Objekte einer Performance Roberta Limas gezeigt: Mit Nadel und Faden hat sich die Künstlerin zwar eine Linie durch ihren Oberschenkel gezogen, aber auch diese Körperarbeit ist fern vom Medium Zeichnung.

In den chaotischen Abstraktionen von Franziska Klotz und fragilen Körpern von Chloe Piene kommt noch eine als klassisch zu bezeichnende Unmittelbarkeit zum Vorschein, aber diese scheint insgesamt betrachtet, konzeptuelleren Zugängen gewichen zu sein. Joe Hardesty schreibt den Bildinhalt gleich in Form eines Textes aufs Bild, und selbst eingefleischte Zeichner wie Moussa Kone stülpen nicht mehr ihr Innerstes auf dem Papier aus. Seine Arbeit S_T_I_L_L_E besteht aus sechs Blättern, die jeweils eine Handfläche zeigen. Ihnen ist jeweils ein Zeichen eingeschrieben, das in der Kommunikation taubblinder Menschen für einen Buchstaben steht. Mit dem Fokus auf die taktile Funktion der Hände führt Kones Serie wieder zurück zum Medium Zeichnung: Darin ist schließlich die Hand die wichtigste Übersetzerin von imaginierten Welten und Vorstellungen.

Dass Videoprojektionen da mitunter nicht mithalten können, macht die Gegenüberstellung der Positionen von Adriana Wachholz und Ralf Ziervogel deutlich: Während bei Wachholz die Projektion eines Sonnenaufgangs den Wald kaum zu beleben vermag, quillt Ziervogels " klassische" Zeichnung über vor Leben. Und das, obwohl der Künstler auf seinen kleinteiligen, vor Gewaltexzessen überbordenden Bildern keineswegs die Sonnenseiten der Menschheit zeigt. (Christa Benzer, DER STANDARD, 28.6.2012)

Bis 15. 9.
Galerie Charim, Dorotheergasse 12, 1010 Wien

  • Moussa Kone visualisiert in der Tuschzeichnung-Serie das Alphabet taubblinder Menschen: "S_T_I_L_L_E" (2012).
    foto: galerie charim

    Moussa Kone visualisiert in der Tuschzeichnung-Serie das Alphabet taubblinder Menschen: "S_T_I_L_L_E" (2012).

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