Orthomolekulare Medizin: Hohe Kosten für Patienten

  • Zwischen drei und fünf Präparate, meist Nahrungsergänzungsmitteln, wurden der Testperson verordnet.
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    Zwischen drei und fünf Präparate, meist Nahrungsergänzungsmitteln, wurden der Testperson verordnet.

Die Gabe hoher Vitamindosen soll chronische Erkrankungen vor­beugen oder heilen - Der Verein für Konsumenteninformtion rät von dieser Heilmethode ab

Wien - Viele Patienten vertrauen auf alternative Heilmethoden, gerade bei immer wieder kehrenden medizinischen Problemen und chronischen Krankheiten. Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) hat jetzt eine Testperson zu fünf Wiener Ärzten - unter Anführung angeblicher Schlafstörungen, Überbelastung und Erschöpfung - geschickt, die sogenannte Orthomolekulare Medizin anbieten. Fazit: Auf jeden Fall kommen auf die Konsumenten hohe Kosten zu, so ein Beitrag in der Zeitschrift "Konsument".

Die orthomolekulare Medizin führt chronische Krankheiten auf eine Unterversorgung mit Nährstoffen zurück. Die Gabe hoher Vitamindosen kombiniert mit Mineralstoffen und Spurenelementen soll derartigen Erkrankungen vorbeugen bzw. diese heilen. Wissenschaftlich belegt und somit Teil der modernen Evidenz-basierten Medizin (EBM) ist sie nicht: Von 2,4 Millionen Einträgen über medizinischen Studien in der dafür weltweit größten Datenbank (Pubmed, Nationale US-Gesundheitsinstitute) finden sich nur 96 Einträge zu diesem Thema. Wissenschaftlich bewiesen wirksame Medikamente und Behandlungsmethoden werden hingegen zumeist in zahlreichen Studien an bis zu Zehntausenden Patienten erprobt.

Überdosis Nahrungsergänzungsmittel

Der Testpatient erhielten meist einen Termin beim Arzt, Laboruntersuchung und die Verschreibung unterschiedlicher Produkte. Zwischen drei und fünf Mittel wurden der Testperson verordnet. Dabei handelte es sich meist um Nahrungsergänzungsmittel, die dem Gesetz entsprechend keinerlei Therapeutikum darstellen dürfen. Die von den Ärzten empfohlene Dosierung der Mittel hätte jedoch in einigen Fällen zu einer massiven Überversorgung mit Vitamin D geführt. Vor solchen Überversorgungen warnt die Europäische Lebensmittelbehörde ausdrücklich. Eine Überdosierung kann etwa zu Appetitlosigkeit, Erbrechen und in schweren Fällen bis hin zu Nierenschäden und Nierenversagen führen.

Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente werden mit der Nahrung aufgenommen. Wenn an sich gesunde Menschen ausgewogen essen, ist die Versorgung in Österreich bis auf wenige Ausnahmen, etwa bei Folsäure in der Schwangerschaft, gedeckt. Eine Ergänzung mit Vitaminpräparaten ist daher unnötig und kann in manchen Fällen sogar gefährlich werden.

Das Ergebnis, so der Bericht in dem Magazin: "Hätte unsere Testperson die ausgestellten Rezepte eingelöst, so hätte sie inklusive Laboruntersuchungen und Ordinationsgebühren zwischen 230 und 492 Euro hinblättern müssen. (...) Zudem handelt es sich lediglich um 'Einstiegskosten' für die Therapie. Bei der jeweils prognostizierten mehrmonatigen Behandlungsdauer würden sich diese Beträge noch deutlich erhöhen." Diese Kosten werden von den Krankenkassen aufgrund mangelnder wissenschaftlicher Beweise der Wirksamkeit nicht übernommen, sind also privat zu tragen.

Schwere Nebenwirkungen möglich

Die Aktion war ein "Test" ausschließlich in Bezug auf die Feststellung möglicher Kosten. Den Konsumenten - so der Bericht - sollte auch klar sein, dass hoch dosierte Präparate mit Vitaminen durchaus potenziell schwere Nebenwirkungen haben können. Freilich, an der Donauuniversität Krems gab es in der Vergangenheit immer wieder Ausbildungsveranstaltungen für Ärzte in Orthomolekularer Medizin. Die Österreichische Ärztekammer bietet dazu ein Diplom an.

Fazit: Die Kosten, aber auch die Risiken einer Behandlung mit orthomolekularer Medizin können erheblich sein, während die therapeutische Wirksamkeit bis dato nicht ausreichend nachgewiesen ist. "Angesichts unserer Testergebnisse kann man nicht einmal sagen: Wenn's nicht hilft, dann schadet's nicht", resümiert VKI-Gesundheitsexpertin Bärbel Klepp. Der VKI rät daher davon ab, sich auf die Behandlungsmethoden einer orthomolekularen Medizin einzulassen. (red/APA, 27.6.2012)

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Weitere Informationen

Auf www.konsument.at und ab dem 28.6. in der Juli-Ausgabe des "Konsument".

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