ORF-Radiochefredakteur: Belastungsgrenze ist überschritten

27. Juni 2012, 14:35
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ORF-Radio plant "Runde der Chefredakteure" und mehr Medienberichte - Wehrt sich gegen parteipolitische Punzierungen

Wien - Stärke zeigen, lauter auf die Bedeutung und Interessen der ORF-Radios im ORF-Konzern hinweisen und die Qualität der Radioinformation halten und wenn möglich ausbauen - das sind die Pläne des neuen ORF-Radio-Chefredakteurs Hannes Aigelsreiter. So will Aigelsreiter selbst operativ tätig bleiben und etwa eine "Runde der Chefredakteure" installieren, die Medienberichterstattung in den Ö1-"Journalen" wiederbeleben und die Europa-, Innenpolitik- und Wirtschaftsberichterstattung noch mehr in Richtung Hintergrunderklärung und Analyse positionieren, wie er im Interview berichtet.

Mit "Hängen und Würgen"

Um die Qualität der Radioinformation zu halten, braucht Aigelsreiter die Unterstützung der Geschäftsführung. Der Sparkurs der vergangenen Jahre bereite den Radio-Journalen nämlich Probleme. "Die Situation ist nicht so, dass wir aus dem Vollen schöpfen können, manchmal geht es nur mit Hängen und Würgen. Bei Krankenständen zapfen wir für Moderationen die Ressorts an, und es kommt vor, dass Redakteure in Sendungen zwei- bis dreimal vorkommen. Allein daran kann man erkennen, wie schwierig die Situation in Grippe- und Urlaubszeiten ist", so Aigelsreiter. "Die Grenze der Belastbarkeit ist leider schon überschritten." Es brauche wieder Nachbesetzungen von Planposten. "Die Radioinformation ist das Rückgrat des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Das weiß die Unternehmensführung auch. Und man bricht sich nicht selbst das Rückgrat." Weitere Einschnitte würden wohl Qualität und Umfang der Angebote beeinträchtigen. "Ich gehe davon aus, dass das Unternehmen weiß, was auf dem Spiel steht."

"Diskussionrunde der Chefredakteure"

Inhaltlich seien unterdessen bei der "Übersetzung" von Info-Themen noch Verbesserungen möglich. "Radiojournalisten sind wie Lotsen in der Informationsflut." Der Radio-Chefredakteur möchte darüber hinaus in Sachen Medienberichterstattung wieder an Qualität und Umfang früherer Jahre anschließen, als es mit Ernest Hauer und Manfred Steinhuber zwei ausgewiesene Medienexperten gab. Weiters geplant: ein eigenes investigatives Rechercheteam. Und im Rahmen des "Journal-Panorama" will Aigelsreiter eine "Diskussionrunde der Chefredakteure" installieren.

Auch wichtige Personalentscheidungen stehen demnächst an. Aigelsreiter, der in den vergangenen zehn Jahren die Innenpolitik-Redaktion des ORF-Radios geleitet hatte, muss Radiodirektor Karl Amon einen Vorschlag für seine Nachfolge präsentieren. "Die Ausschreibung erfolgt in Kürze. Es gibt mittlerweile um die 15 Personen aus Fernsehen, Radio, Zeitungen, die sich für den Job interessieren, und ich habe mit allen geredet. Es gibt zwischen fünf und sieben Personen, die wirklich das Zeug dazu haben, die Innenpolitik zu führen. Aber ich habe ganz ehrlich noch keine Entscheidung getroffen, wen ich mir wünsche. Ich will auch nicht vorwegnehmen, wer sich letztendlich bewirbt. Jetzt die Tür zuzumachen, wäre zu früh. Worauf ich bestehe: es muss in jedem Fall ein Hearing geben, mit einer Kommission, die wirklich aus journalistischen Entscheidungsträgern besteht, und da kann man dann auch noch klüger werden, was die Eignung für diesen wichtigen Job betrifft."

Andreas Jölli

Dass Andreas Jölli, derzeit interimistischer Leiter der Radio-Innenpolitik, logischer Nachfolger wäre, bestreitet Aigelsreiter nicht. "Absolut ein logischer Kandidat, ein Spitzenjournalist." Als Wunsch von Radiodirektor Amon wird indes Radio Wien-Wortchef Edgar Weinzettl kolportiert, was Aigelsreiter so aber nicht wahrgenommen haben will. "Hörfunkdirektor Karl Amon ist Profi genug, um zu wissen, dass man erst nach Vorliegen der Bewerbungen und nach dem Hearing klarer sieht und eine Entscheidung treffen kann. Weinzettl hat Interesse, letztlich weiß ich aber nicht, wie seine persönlich Planung aussieht, ob das Landesstudio Wien auf ihn verzichten kann und ob er sich bewerben wird. Er hat momentan nur den Nachteil, dass er mit mir im Gespräch gesehen wurde und deshalb immer wieder als Kandidat genannt wird." Ob unter den fünf bis sieben potenziellen Kandidaten auch Frauen sind? Aigelsreiter: "Ja natürlich, es sind mehr Frauen als Männer, und ich hoffe auch, dass sich alle bewerben werden."

Gabi Waldner vor Rückkehr ins Radio

Eine Frau könnte auch Aigelsreiters Stellvertreterin in der Radio-Chefredaktion und zugleich Ö1-Infochefin werden, wenn Birgit Schwarz, wie zwischen ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz und Radiodirektor Amon bereits akkordiert, aus familiären Gründen als Korrespondentin ins ORF-Büro Berlin wechselt. Gabi Waldner soll vom TV-"Report" ins Radio zurückkehren, hört man im ORF. Aigelsreiter dazu: "Gabi Waldner ist eine Spitzenjournalistin und absolut mögliche Kandidatin." Der neue Radio-Chefredakteur gehört auch nicht zu jenen, die es für problematisch halten, dass Waldners Bruder als VP-Staatssekretär tätig ist. "Gabi Waldner war jahrelang meine Stellvertreterin in der Innenpolitik, und ich weiß ganz genau, dass sie sich weder ihren Bruder, noch seine Funktion aussuchen konnte. Ich traue ihr hundertprozentig zu, dass sie ihre Arbeit perfekt und unabhängig von familiären Dingen erledigt. Ich kenne sie einfach zu gut und weiß, dass sie eine professionelle, unabhängige und ausgezeichnete Journalistin ist."

Parteipolitische Punzierungen

Wenig Freude hat ORF-Radio-Chefredakteur Aigelsreiter mit parteipolitischen Punzierungen rund um seine Bestellung. Dass er als ÖVP-Wunsch für den Posten des Radiochefredakteurs und als Teil eines zwischen den Parteien akkordierten Personalpakets rund um die jüngste ORF-Wahl gilt, hält der frischgebackene Radio-Chefredakteur für teilweise rufschädigend. "Ich habe mit niemandem vorweg geredet, und es hat mich auch niemand gefragt, ob ich auf eine Liste will, weil mich der siebente Zwerg von links da drauf setzen möchte. Ich denke, für manche in Österreich ist es schlicht und ergreifend notwendig, jeden irgendwie zuordnen zu müssen", so Aigelsreiter.

"Wenn man aus dem Landesstudio Niederösterreich kommt, ist man ein Schwarzer, wenn man aus dem Landesstudio Wien kommt, ein Roter. Das ist echt daneben, teilweise sogar bösartig, aber in diesem Land nicht auszurotten. Ich habe aufgegeben, mich damit zu beschäftigen. Es zählt nur, was jemand tut. Unabhängiger Journalismus ist das oberste, was wir zu verfolgen haben - beinhart in der Sache, aber freundlich im Ton."

"Journalismus tritt nie außer Kraft"

Sympathiebekundungen für politische Initiativen auf Facebook oder die Kommentierung politischer Vorgänge auf Twitter sind für Aigelsreiter denn auch Tabu. Er würde nichts dergleichen abgeben und empfiehlt dies auch seinen ORF-Kollegen. "Den Teufel würde ich tun. Ich bin Journalist. Ich lege Journalismus nicht am Ausgang des Funkhauses ab. Journalismus tritt nie außer Kraft. Ich weiß, dass ich auch Vorbild bin, und dieses Vorbild bin ich auch privat. Wenn ich Journalist bin, ist das eine andere Situation als wenn ich einen anderen Beruf habe. Das nenne ich Glaubwürdigkeit. Natürlich gehe ich wählen und mache mein Kreuzerl. Jeder darf eine Meinung haben, aber es macht einen Unterschied, ob ich diese öffentlich auf Facebook oder Twitter transportiere, wenn ich in einem Medium wie Fernsehen oder Radio Journalist bin, oder wenn ich einfach nur einfacher Staatsbürger bin. Ich würde dringend empfehlen, sich hundertmal zu überlegen, ob man seine persönlichen politischen Meinungen öffentlich macht."

Politischen Interventionen will Aigelsreiter nicht nachgeben, denn das würde die Mannschaft knicken, wie er meint. "Als Inlandschef war mir immer egal, ob jemand interveniert hat, weil ich Interventionen immer so gesehen habe, dass die Person das machen muss. Einer Intervention nachzukommen wäre das Fatale gewesen. Ich denke, es ist uns in den vergangenen zehn Jahren in der Radio-Innenpolitik sehr gut gelungen, damit umzugehen. Es gab während der schwarz-blauen Koalition zwar Zeiten, wo es manchmal sehr sehr intensiv war, wo Wortwahl und Art und Weise der Intervention unterste Grenze waren, aber letztlich haben wir uns auch da durchgesetzt. Das hat uns nicht umgebracht, sondern nur stärker gemacht." Er habe etwa auch die Praxis abgeschafft, dass Interventionen direkt auf der Durchwahl von Redakteuren landen.

Funkhaus nicht sakrosankt

In Sachen ORF-Standort kommt es Aigelsreiter vor allem auf die Rahmenbedingungen an. "Ich möchte dort arbeiten, wo ich die besten Rahmenbedingungen habe. Wenn das Unternehmen die Entscheidung trifft, es soll für die Radioinformation einen anderen Standort als das Funkhaus geben, ist mir das auch recht, aber ich werde dann unleidlich, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen sollten. Ich gehe davon aus, dass es irgendwann einen gemeinsamen Newsroom von Fernsehen, Radio, Online und Teletext geben wird. Meine Aufgabe wird es schlicht und ergreifend sein, die Radioinformation so stark und einflussreich zu positionieren, dass Pluralität, Professionalität und Eigenständigkeit sowie Unabhängigkeit gewahrt bleiben. Immerhin verlassen sich darauf alle Radiosender des ORF, also Ö3, Ö1, FM4, und wir beliefern auch noch die Landesstudios. Ob das dann am Standort X, Y oder Z passiert, ist eigentlich zweitrangig."

Dass politische Begehrlichkeiten über einen gemeinsamen Newsroom leichter kanalisiert werden könnten, sei dann eine Gefahr, wenn das falsche Führungsteam ans Ruder kommt. Aigelsreiter: "Wenn dieses Projekt klug gemacht ist, kann es einen unglaublichen Mehrwert für alle Redaktionen haben. Aber es ist auch ein sensibles Thema. Es kann sein, dass die Führungsmannschaft, die heute die Entscheidungen trifft, morgen nicht mehr die selbe ist. Sollten jemals journalistisch schwache und biegbare Menschen an den Entscheidungshebeln sitzen, dann wäre die Gefahr relativ groß, dass es einen Einheitsbrei gibt und wir uns die Stärke der Pluralität und Vielfalt im Radio nehmen. Man kann für niemanden die Hand ins Feuer legen, deshalb sollte die Struktur so sein, dass bei grundsätzlichen Entscheidungen ein Vier-Augen-Prinzip beziehungsweise Vier-Ohren-Prinzip herrscht."

Infokompetenz beim Radio

Aigelsreiter plädiert auch dafür, dass Radiojournalisten eine führende Rolle in einem möglichen neuen gemeinsamen Newsroom übernehmen. "Es hätte ein gewisse Logik, Personen aus jenem Bereich zu Entscheidungsträgern in einem gemeinsamen Newsroom zu machen, wo die Informationskompetenz des Unternehmens liegt." Der Chefredakteur will die Radioinformation ORF-intern übrigens insgesamt stärker positionieren. "Tue Gutes und sprich darüber - das muss man auch laut tun und laut aufzeigen, dass das Radio nicht nur Superqualität liefert, sondern auch ein unglaublich wichtiger Faktor in diesem Unternehmen ist. Vielleicht ist das in den letzten Jahren ein bisschen zu kurz gekommen, vielleicht waren wir ein bisschen zu leise und zu zurückhaltend, aber das sollte sich ändern. Ich wünsche mir auch von der Geschäftsführung, dass sie möglichst keine Gelegenheit auslässt, um das Radio in die erste Reihe zu stellen." (APA, 27.6.2012)

  • ORF-Radio-Chefredakteurs Hannes Aigelsreiter will die Medienberichterstattung ausbauen.
    foto: orf/pichlkostner

    ORF-Radio-Chefredakteurs Hannes Aigelsreiter will die Medienberichterstattung ausbauen.

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