Wer gerne in die Schule geht, der geht auch hin

  • Rund 5000 Schüler der Oberstufe schwänzen regelmäßig. "Schulfrust ist der häufigste Grund", sagt Bildungsforscher Stefan Hopmann.
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    Rund 5000 Schüler der Oberstufe schwänzen regelmäßig. "Schulfrust ist der häufigste Grund", sagt Bildungsforscher Stefan Hopmann.

Die aktuelle Diskussion rund um Geldstrafen fürs Schulschwänzen wirft die Frage nach dem Warum auf - "Schulfrust" sei der Hauptgrund, sind sich Schüler und Bildungsforscher einig

Wien - Mit Freunden ins Café gehen, ausschlafen, im Park die Sonne genießen, oder vielleicht doch zur Schule gehen? Rund zwei Schüler pro Oberstufenklasse und damit rund 4000 bis 5000 Jugendliche entscheiden sich regelmäßig gegen das Klassenzimmer. In Pflichtschulen sind es circa 200 bis 300.

Zu viele, befand die Regierung. SPÖ-Bildungsministerin Claudia Schmied will die Strafen nun bei einer Verletzung der Schulpflicht von derzeit 220 auf 440 Euro erhöhen. Laut Schmieds Entwurf ist das ab zehn unentschuldigten Fehltagen oder 60 unentschuldigten Fehlstunden der Fall. Zuvor sollen die Schüler mit einem Stufenplan zur Teilnahme am Unterricht bewegt werden. Dieser sieht verpflichtende Gespräche mit Schülerberatern und Schulpsychologen sowie eine Überprüfung nach vier Wochen vor.

Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz, der die Strafen auf 1500 Euro erhöhen wollte, ist damit prinzipiell zufrieden. Mit den ersten Maßnahmen ist auch der 19-jährige Maximilian Eberharter einverstanden: "So können Probleme der Jugendlichen oder der Familie, die zum Schulschwänzen geführt haben, über die Schule gelöst werden." Strafen hält er aber nicht für sinnvoll: "Die Geldstrafen werden zwar bezahlt, aber die Jugendlichen gehen deshalb nicht unbedingt regelmäßiger in die Schule. Das zugrunde liegende Problem bleibt ungelöst."

Für die 14-jährige Schülerin Chiara Klebl ist Schulschwänzen absolut verständlich: "Bei dem faden Unterricht, den wir immer wieder über uns ergehen lassen müssen, würden sogar Lehrer einpennen." Man könne diese Zeit sinnvoller verbringen, zum Beispiel draußen etwas Lustiges machen, und zum interessanten Unterricht wiederkommen, erklärt sie ihre Strategie. Maja Gätz, ebenfalls 14 Jahre alt, meint, es sei jedem selbst zu überlassen, ob er in die Schule kommt oder nicht.

Vertane Lebenschancen

"Schule schwänzen kostet Lebenschancen", ist hingegen Horst Tschaikner überzeugt. Er ist seit wenigen Monaten neuer Schulschwänzbeauftragter des Stadtschulrats Wien. Zwischen 30 und 40 Prozent aller Schüler würden vor der Matura die Schule abbrechen. "Natürlich führt Schulschwänzen nicht zwangsläufig zu einem Schulabbruch, aber dass es einen Zusammenhang gibt, steht außer Frage", sagt Tschaikner.

Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Entwicklung von Hilfsangeboten für Betroffene, Datensammlung und Rechtsberatung sowie die Entwicklung eines Leitfadens für die Schulen. "Es kommt darauf an, wer dem Unterricht fern bleibt", meint Bildungsforscher Stefan Hopmann. Jemand, der schulisch gut sei und für sein Lernen nicht vom Unterricht abhänge, könne ziemlich viel Schwänzen, ohne dass das nennenswerte Folgen für die Schulleistungen hätte. "Für jemanden, für den die Schule aber der primäre Lernort ist, können sich schnell kaum mehr überbrückbare Lücken ergeben", erklärt Hopmann.

Die Gründe für das Fernbleiben seien "so vielfältig wie das Leben selbst", darin sind sich Tschaikner und Hopmann einig. So gesehen wird man Schulschwänzen wohl nie ganz verhindern können.

"Schulfrust" als Hauptgrund

Dennoch: "Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Erwachsene, die hinsehen und nicht milde lächeln", sagt Tschaikner. Das seien in erster Linie die Eltern, aber auch die Schulpartner: Eltern, Lehrer und Schüler. Landesschulsprecher Christoph Girbinger stimmt dem zu: "Es ist oft einfach ein Verständigungsproblem. Die Situation würde sich erheblich verbessern, wenn dieses Dreiergespann funktionieren würde."

Ob Motivforschung, Elterngespräche oder die Entwicklung eines Leitfadens, das alles können nur ergänzende Maßnahmen sein, meint Hopmann. Denn der Forschung nach scheint der häufigste Grund für das Schwänzen "Schulfrust" zu sein. Man sieht keinen Sinn im Schulbesuch oder leidet direkt darunter. Die Schule müsse die Situation und die Bedürfnisse der Schüler ernst nehmen und nicht nur billigend oder missbilligend in Kauf nehmen.

Davon sei die österreichische Obrigkeitsschule, die stur ihr Programm abspule, aber oft meilenweit entfernt. "Wer gern zur Schule geht, schwänzt auch kaum. Wer sich dort unbeachtet oder gar missachtet fühlt, bleibt früher oder später weg", fasst Hopmann die Schulforschung zusammen. "Wenn man im Unterricht nichts lernt, bringt es auch nichts hinzugehen. Verhindern lässt sich Schwänzen also mit kompetenten und guten Lehrern", bestätigt Isabel Gurtner (18). (Annika Althoff, DER STANDARD, 27.6.2012)

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