Trinkfestigkeit ist gefragt!

Blog27. Juni 2012, 09:00
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Dass Asiaten keinen Alkohol vertragen, entspricht kein bisschen der Realität - im Gegenteil: Alkoholismus ist bei den Minderheiten im chinesischen Süden weit verbreitet

Ich weiß nicht, wer die Mär von den Asiaten erfunden hat, die keinen Alkohol vertragen. Diese Person war sicherlich nie in einem Minderheitengebiet Chinas unterwegs, wo Alkohol billiger ist als Wasser und in großen Mengen konsumiert wird.

Wenn es um den Alkoholkonsum in China geht, gibt es einige Besonderheiten: Generell trinken die meisten nicht alleine, sondern mit anderen zusammen. Wer nicht trinkt, braucht gute Gründe wie etwa religiöse Vorschriften oder eine Krankheit, denn Trinken ist positiv konnotiert. Beim Trinken wird meist gesungen, es werden Sonnenblumenkerne geknabbert und Geschichten erzählt. Zudem trinken fast ausschließlich Männer große Mengen - abgesehen von den Minderheitengebieten.

Vom Leben auf dem Dorf

"Das Erste, was ich gelernt habe, war, große Mengen Alkohol zu trinken und wie man noch größere Mengen höflich ablehnt", erzählt mir eine Freundin von ihren ersten Wochen in einem Dorf der Lahu-Minderheit in Yunnan. Sie war dort hingezogen, um Feldforschung für ihre Doktorarbeit zu betreiben. Doch sie hatte nicht geahnt, dass die wichtigste Voraussetzung dort nicht ihre ethnologischen Fähigkeiten, sondern ihre Trinkfestigkeit werden würde.

Fast alle Minoritäten haben eine eigene Alkohol- und Trinkkultur; jede Region hat eigene Herstellungsweisen und traditionelle Arten, den Alkohol zu trinken. Als Neuankömmling oder Besuch in einem Dorf wird man normalerweise reihum in alle Häuser eingeladen und muss dort jedes Mal trinken. Das Harmloseste ist Bier, aber meist hat man nicht so viel Glück und bekommt selbst gebrannten hochprozentigen Schnaps vorgesetzt, den man becherweise reihum kippen muss. Nur mit viel Geschick bleibt man so unter einem viertel Liter pro Tag. Und wenn man selbst irgendwann nicht mehr der Neuankömmling ist, kommt garantiert wieder Besuch aus einem anderen Dorf, und das Ganze geht von vorne los. Was anfangs sehr herzlich ist und interessant, nervt irgendwann einmal: Nicht jeder will jeden Abend sturzbetrunken sein. Der erste Satz, den ich also auf Lahu lernte, war: Ma do. Ich trinke nicht.

Ganz oder gar nicht

Man kann nämlich nicht wenig trinken oder nur jeden zweiten Tag. Entweder man trinkt - und dann trinkt man richtig, immer und mit jedem, der einen einlädt. Oder man trinkt nicht - und dann fasst man am besten von Anfang an kein Glas an.

Die meisten Gastgeber können sehr hartnäckig sein und sind das unter anderem deshalb, weil nicht oft Ausländer in ihre Dörfer kommen. Wer von seinem Haus behaupten kann, dass er einen Laowai (Fremden) aufgenommen und ihn zur vollsten Zufriedenheit bewirtet hat, erntet viel Bewunderung. Wer sich nicht gut um einen Besuch kümmert, verliert das Gesicht - das will keiner riskieren.
Nicht nur mit dem Alkohol wird deswegen manchmal vollkommen übertrieben, viele Ausländer tauschen auch Strategien darüber aus, wie man viel zu viel Essen höflich ablehnen kann.

Alkoholismus

In den Dörfern in Zentralyunnan dachte ich deshalb immer wieder, dass der hohe Alkoholkonsum sicherlich mit meiner Anwesenheit als Ausländerin zu tun hatte und zeitlich begrenzt war. Und schließlich ist ja nichts dagegen einzuwenden, wenn man stets so herzlich empfangen wird. Ich änderte meine Meinung aber, als ich in der Nujiang- und Dulongjiang-Region reiste. Die Bewohner der Nujiang-Schlucht erzählten mir, dass sie praktisch jeden Tag trinken. Wenn man Leuten zu Fuß begegnete, hatten diese Bierflaschen statt der typisch chinesischen Heißwasserbehälter bei sich. Die dörflichen Müllhalden haben eine eigene Abteilung für Bierflaschen, die größer war als der restliche Mist zusammen.

Zum Jahresfest der Lisu in Liuku wurden hunderte Liter fermentierter Obstsaft gratis verteilt - wer nicht trinken wollte, wurde ausgebuht. Noch Tage später musste man sicherstellen, dass man nicht ohne ein gutes Frühstück aus dem Haus ging - man wurde ab 9 Uhr morgens an jedem öffentlichen Platz so lange festgehalten, bis man mit allen Anwesenden getrunken hatte.

Im Alkoholhimmel

Je weiter nördlich man reist, desto abgelegener werden die Ortschaften, und wenn man in der Dulongjiang-Schlucht ankommt, ist man wirklich im Alkoholhimmel. Starker Schnaps wird in Zwei- bis Fünf-Liter-Behältern zu lächerlich niedrigen Preisen in jedem kleinsten Laden verkauft. Den ganzen Tag wird selbst gebrannter Alkohol gereicht, der getrunken wird wie Limonade. Alkohol wurde den ganzen Tag über auch in Anwesenheit von Kindern konsumiert und auch von Müttern, die noch stillen.

Ethnologische Texte weisen immer wieder auf die kulturelle Bedeutung von Alkohol hin, doch nach drei Wochen in diesen abgelegenen Regionen frage ich mich, wo die Grenze zwischen Kultur und handfestem Alkoholismus liegt. In den letzten Jahren gibt es immer mehr wissenschaftliche Artikel, die eine zunehmende Zahl von Alkoholabhängigkeit in China feststellen, doch es gibt kaum Forschung über die Minderheitengebiete. Präventionsprogramme gibt es nicht.

Als wir drei Tage Bergsteigen gehen, nehmen unsere Guides als Verpflegung kein Wasser, sondern mehrere Liter starken Alkohol mit und trinken ununterbrochen. Gerade als wir uns Sorgen zu machen beginnen, ob sie überhaupt fähig sind, so betrunken den Weg zu finden, geht ihnen der Alkohol aus und wir merken, dass es Schlimmeres gibt als betrunkene Guides: Guides ohne Alkohol. (An Yan, daStandard.at, 27.6.2012)

  • Die obligatorische Bewirtung, wenn man in einem Dorf frisch angekommen ist.
    foto: an yan

    Die obligatorische Bewirtung, wenn man in einem Dorf frisch angekommen ist.

  • Die Alkoholflaschen sind in den Nujiang- und Dulongjiang-Schluchten größer als die Wasserflaschen.
    foto: an yan

    Die Alkoholflaschen sind in den Nujiang- und Dulongjiang-Schluchten größer als die Wasserflaschen.

  • Ein normaler Vormittag für die Dorfjugend: Billard und Biertrinken.
    foto: an yan

    Ein normaler Vormittag für die Dorfjugend: Billard und Biertrinken.

  • Kaum jemand achtet auf dieses Gebot: Don't drink and drive.
    foto: an yan

    Kaum jemand achtet auf dieses Gebot: Don't drink and drive.

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