Palästinensisches "Friedensdorf" durch den Mauerbau bedroht

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  • Das Dorf Batir und sein Bewässerungssystem könnten bald UNESCO-Kulturerbe werden.
    foto: derstandard.at/hackl

    Das Dorf Batir und sein Bewässerungssystem könnten bald UNESCO-Kulturerbe werden.

  • Akram Badir, Leiter des Dorfkomitees, ist besorgt um die Zukunft seines Dorfes.
    foto: derstandard.at/hackl

    Akram Badir, Leiter des Dorfkomitees, ist besorgt um die Zukunft seines Dorfes.

Die Bewohner von Batir haben stets den Frieden mit Israel gehalten. Jetzt fühlen sie sich betrogen

Akram Badir blickt auf sein Dorf hinab und hat es immer noch nicht ganz verdaut: Bald soll die israelische Sperrmauer die Aussicht auf das schöne Tal versperren. Sie wird das historische Bewässerungssystem im Dorf beschädigen und die Dorfbevölkerung von großen Teilen ihres Ackerlandes trennen. Erst vor kurzem hat die palästinensische UNESCO-Kommission die Bewässerungsanlagen im Dorf als Weltkulturerbe vorgeschlagen.

"Es ist einfach nur ein Verbrechen, diese Terrassen zu zerstören. Wie kann man eine meterhohe Betonmauer durch dieses Kulturgut ziehen?", sagt Badir, der das Dorfkomitee von Batir leitet. Nur einen Katzensprung außerhalb Jerusalems gelegen, könnte sein Dorf bald das nächste Opfer in einer Reihe von Dörfern sein, deren Lebensgrundlage durch die israelische Sperrmauer beschädigt wird. Nach dem angrenzenden Al-Walajah muss nun auch Batir der Betonmauer Platz machen, die Israel Sicherheit bringen soll.

Seit mehr als 2.000 Jahren versorgen Wasserquellen die Bewohner und die Landwirtschaft von Batir. Dabei wird das Wasser über römische Terrassen und Kanäle von Familie zu Familie weitergeleitet. Jede der acht Familien im Dorf hat eine bestimmte Menge Wasser zur Verfügung. Ist es verbraucht, wird per Hand ein Mechanismus betätigt, und das Wasser fließt weiter zu den Ländereien der nächsten Familie.

Doch diese Tradition ist nun in Gefahr, sagen die Dorfbewohner. Denn die israelische Sperrmauer würde der vorgesehenen Route nach das Dorf zerschneiden. Akram Badir ist deshalb gemeinsam mit dem Anwalt Giat Nasser vor Gericht gegangen. Dort wollen sie durchsetzen, dass die geplante Route der Mauer aus Sicherheitsgründen nicht gerechtfertigt sei und dass sie dem Dorf einen großen Teil der Lebensgrundlage nehmen würde. Dabei war Batir lange als ein Beispiel für israelisch-palästinensischen Frieden bekannt. Denn für Israel hat es eine wichtige Funktion erfüllt: den Schutz der Eisenbahnlinie zwischen Jerusalem und Tel Aviv, die nur wenige Meter neben der Dorfschule vorbeiläuft.

"Friedensdorf" gegen Mauer

Im Tausch für den Schutz der israelischen Eisenbahnlinie durfte Batir weiterhin Ländereien innerhalb der Grenzen Israels bewirtschaften. Das legte ein Abkommen zwischen dem israelischen Militär und Vertretern des Dorfes fest.

"Jedes Schulkind in unserem Dorf lernt, dass diese Eisenbahn respektiert werden muss. Nie haben wir auch nur einen Stein auf einen Zug geworfen", sagt Akram Badir vor der Dorfschule. Die Eisenbahnlinie ist in der Tat nur einen Steinwurf davon entfernt, völlig ungeschützt: eine Tatsache, die überrascht. Denn jede israelische Straße, die durch das besetzte Westjordanland verläuft, ist zumindest teilweise durch Zäune oder Mauern gesichert.

"Hier kommen zwei Züge pro Tag vorbei, immer zur selben Zeit. Es wäre so leicht, diese Route ohne eine Mauer zu sichern, wenn es wirklich um Sicherheit ginge", sagt Badir. Er und sein Anwalt verlangen, dass die Mauer auf der anderen Seite der Eisenbahnlinie verläuft. Damit blieben das Dorf, seine Landwirtschaft und die historischen Terrassen unbeschädigt.

"Ich bin aber nicht besonders optimistisch", sagt Giat Nasser in seiner Anwaltskanzlei in Ostjerusalem. Auf seinem Tisch sind Landkarten und Karteien aufgestapelt. Er hat viel Energie dafür aufgewendet, den Standpunkt der Dorfbevölkerung zu untermauern. Seit 2007 arbeitet er an dem Fall.

"Die Terrassen werden einstürzen, wenn die Mauer darauf gebaut wird. Die Kanäle, die das Wasser aus der Quelle leiten, werden beschädigt. Und die Dorfbewohner werden durch ein von israelischen Soldaten gesichertes Tor in der Mauer gehen müssen, um zu ihrem Land zu gelangen", listet Nasser die Gefahren auf, die er abwenden will.

Zwischen 200 und 300 Hektar Land liegen auf der anderen Seite, sagt er. Das sei eine zentrale Einkommensquelle der Menschen im Dorf. Das israelische Verteidigungsministerium versicherte, dass der Zugang zu den Ländereien durch ein Tor in der Mauer gewährleistet werden würde. Doch im Dorf glaubt niemand daran. Eine Mauer ist eine Mauer, sagt Akram Badir.

Sein Dorf habe bisher keine Demonstrationen abgehalten, weil man erst den Rechtsweg ausschöpfen möchte. Doch diese Ruhe sieht er jetzt gefährdet. "Wir haben den Frieden mit den Israelis und dem Zug respektiert. Die Mauer wird dieses Stück Land zerschneiden, den Frieden und das Kulturerbe zerstören. Wie soll das zu mehr Sicherheit beitragen?" (Andreas Hackl, derStandard.at, 27.6.2012)

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