"Vielleicht sind wir alle Marsianer"

26. Juni 2012, 19:05
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Ein neu erworbenes Stück Mars im Naturhistorischen Museum Wien, regt wieder einmal die Spekulation um Leben am roten Planeten an - Wissenschafter und Künstler räumten mit Mythen auf und ließen die Fantasie schweifen

Er kommt von weit her, ist uralt und hat schon einiges mitgemacht. Seit gestern, Dienstag, hat der Marsmeteorit Tissint in einer Vitrine im Naturhistorischen Museum (NHM) Wien, hinter einem Guckloch und vor einer Landschaftsaufnahme seines Heimatplaneten, ein verhältnismäßig ruhiges Plätzchen gefunden.

Vor 200 bis 300 Millionen Jahren wurde der Stein infolge eines Einschlages von der Marsoberfläche in den Weltraum katapultiert und kreiste seither hunderttausende Male um die Sonne, bis er zufällig in das Gravitationsfeld der Erde kam und am 18. Juli 2011 über Marokko vom Himmel fiel.

Was der graue Brocken mit der angeschmolzenen Spitze über die Vergangenheit des Mars erzählen kann, müssen eingehende Untersuchungen an kleineren Bruchstücken erst klären. Wie es um mögliches Leben am roten Planeten steht und wie sich Kunst und Wissenschaft von diversen Spekulationen inspirieren lassen, debattierte Christian Köberl, NHM-Leiter und Meteoritenexperte, am Dienstagabend bei einer gemeinsam mit dem Standard veranstalteten Podiumsdiskussion mit dem Astronomen Franz Kerschbaumer von der Uni Wien, Kunsthalle-Kuratorin Cathérine Hug und Clemens Leuschner von der Künstlergruppe Mahony. Standard-Redakteur Klaus Taschwer moderierte.

"Wenn Gestein vom Mars zur Erde gelangt, könnte es auch sein, dass irdisches Material auf den Mars geschleudert wurde und Bakterien, die möglicherweise auf dem Mars gefunden werden, eigentlich von der Erde stammen", regte Köberl zu Gedankenexperimenten an. "Da es früher am Mars wärmer war, könnte es auch sein, dass dort irgendwann Leben existierte, das dann mit Meteoriten auf die Erde kam. Vielleicht sind wir alle eigentlich Marsianer."

Schon lange gibt es Hypothesen, dass etwa "kohlige Chondrite", eine kohlenstoffhältige Form von Meteoriten, Bausteine organischer Substanzen auf die Erde gebracht haben könnten und so den Grundstock für irdisches Leben bildeten. Experimente mit Meteoriten, die Weltraumbedingungen ausgesetzt wurden, hätten immerhin gezeigt, dass ins Gestein eingekapselte Bakterien auch nach langer Zeit wieder freigesetzt werden, schilderte Köberl.

Auf der Suche nach Leben im All richten Astronomen ihre Teleskope vor allem in die Weiten außerhalb unseres Sonnensystems: "Der heilige Gral ist ein habitabler Planet, der eine gewisse Größe, Temperatur und chemische Zusammensetzung der Atmosphäre haben muss", sagte Franz Kerschbaum, der das Entstehen und Vergehen von Sonnen erforscht. "Wir sind glücklich, wenn wir zusätzlich zur Fernerkundung Meteoriten untersuchen können, die echten Sternenstaub enthalten. So können wir feststellen, ob wir die Teleskopmessungen richtig interpretiert haben."

Mars-Mission sucht Methan

Auf dem Mars wird demnächst der Hightech-Roboter Curiosity der Nasa nach Lebensspuren buddeln: Anfang August soll das Fahrzeug am roten Planeten bei einem komplizierten Manöver möglichst weich landen. Die Mission könnte auch klären, ob es tatsächlich Methan gibt und wie es entstanden ist, hofft Christian Köberl. Denn bisherige Messungen seien "mit Vorsicht zu genießen", ebenso wie die These, dass das Gas von Mikroorganismen gebildet wurde. Fest stehe nur: "Wasser auf dem Mars gibt es und gab es, das konnte man schon in den 1960er-Jahren mit Spektrometern von der Erde aus messen. Die Frage ist: Waren die Umweltbedingungen irgendwann lebensfreundlich?"

Welche Faszination das All und ungeahnte Lebensformen darin auf bildende Künstler ausüben, hat Cathérine Hug als Kuratorin der Ausstellung " Weltraum. Die Kunst und ein Traum" erkundet, die 2011 zum 50. Jubiläum von Gagarins erstem Weltraumflug in der Kunsthalle Wien gezeigt wurde. " Man glaubt gar nicht, wie weit die Kooperation von Kunst und Wissenschaft geht, vor 30 Jahren genauso wie heute", sagte Hug.

Clemens Leuschner, dessen Gruppe Mahony sich schon öfter künstlerisch mit Meteoriten und ihrer Aufnahme auf der Erde auseinandergesetzt hat, fand die ersten abstrakten Bilder vom Mars, die die Sonde Viking an die Erde sandte, "aus ästhetischer Sicht wunderschön". Immer bessere Bilder aus dem All würden eher zu einer "Entmythisierung" führen, sagte er. Der Mythos vom Leben im All jedenfalls bleibt - solange es keinen Beweis dafür gibt. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 27.6.2012)

  • Ob Marsmeteorit Tissint Neuigkeiten aus der Vergangenheit bringt, ist noch 
ungeklärt. Ebenso wie die Frage, ob es Leben am Mars gab oder gibt.
    foto: standard/christian fischer

    Ob Marsmeteorit Tissint Neuigkeiten aus der Vergangenheit bringt, ist noch ungeklärt. Ebenso wie die Frage, ob es Leben am Mars gab oder gibt.

  • Christian Köberl (oben links), Leiter des Naturhistorischen Museums, der Künstler Clemens Leuschner (oben rechts), der Astronom Franz Kerschbaumer (unten rechts) und die Kuratorin Cathérine Hugdiskutierten über Meteoriten, Sternenstaub und außerirdisches Leben.
    foto: standard/christian fischer

    Christian Köberl (oben links), Leiter des Naturhistorischen Museums, der Künstler Clemens Leuschner (oben rechts), der Astronom Franz Kerschbaumer (unten rechts) und die Kuratorin Cathérine Hugdiskutierten über Meteoriten, Sternenstaub und außerirdisches Leben.

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    foto: standard/christian fischer
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