"Uns fehlt nicht das Geld, sondern der Wille, die wichtigen Schritte für die Forschung zu setzen"

26. Juni 2012, 18:31
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Hannes Androsch, Bruno Buchberger, Henrietta Egerth und Klaus Pseiner über die heimische Innovation

Die heimische Innovation leidet unter stagnierenden Budgets und fehlender Dynamik. Was aber braucht man noch neben mehr Geld? Neue Prioritäten der Politik, weniger Gejammer und eine positivere Einstellung, sagen Forschungsrat Hannes Androsch, Bruno Buchberger, Leiter des Softwareparks Hagenberg, und die FFG-Chefs Henrietta Egerth und Klaus Pseiner. Peter Illetschko moderierte.

STANDARD: Die österreichische Bundesregierung träumt davon, das Land zum Innovation-Leader zu machen. Dass man dafür viel Geld bräuchte - zuletzt war von fünf Milliarden Euro allein von der Bundesregierung die Rede -, ist bekannt. Aber wäre es mit einem höheren Budget schon getan?

Egerth: Es dreht sich wirklich vorerst ums Budget. Aber man muss natürlich darauf achten, ob man mit den Mitteln die gewünschte Wirkung erzielt. Ich nenne nur ein Beispiel: Die Unternehmen müssen in Zukunft deutlich mehr für Forschung und Entwicklung ausgeben. Die Berechnungen sagen, dass die Ausgaben von derzeit fünf Milliarden auf elf Milliarden gehen müssten. Das ist viel Geld. Da muss die Mischung aus steuerlicher Förderung und projektbezogener Förderung genug Anreize für Unternehmen bieten, in F & E zu investieren, ansonsten werden wir dieses Ziel nicht erreichen.

STANDARD: Und macht sie das?

Pseiner: Es gibt viele Anreize. Die Innovationsdynamik der Unternehmen ist trotzdem schwach. Wir müssen uns daher fragen, wie wir diese Performance trotz der schwierigen wirtschaftlichen Situation verbessern können. Und da werden wir vor allem mehr Geld brauchen. Das Budget der Forschungsförderungsgesellschaft FFG stagniert seit Jahren. Allein mit jenen 30 Millionen plus, die Infrastrukturministerin Doris Bures als notwendig bezeichnet hat, könnten wir mehr Dynamik reinbringen.

STANDARD: Hängt mehr Dynamik wirklich von 30 Millionen ab? Die FFG konnte 2011 immerhin 406 Millionen Euro auszahlen.

Pseiner: Man muss sich aber auch anschauen, wie sich im Vergleich dazu die steuerliche Förderung, die Forschungsprämie, entwickelt hat. Heuer sollen 450 Millionen Euro ausbezahlt werden, das ist erstmals deutlich mehr Geld als in unserem Budget. Die steuerliche Förderung ist eminent wichtig, um Österreich als Standort für F&E in Unternehmen zu positionieren. Es gibt aber auch Bereiche, in denen sie nicht, sondern nur die direkte Förderung wirken kann: Wie unterstützt man junge kreative Leute mit Ideen für Innovationen? Es muss eine Balance zwischen beiden Instrumenten geben. Die sehen wir derzeit nicht.

Androsch: Die 30 Millionen, von denen Sie sprechen, sind eigentlich ziemlich wenig im Vergleich zu den Summen, die anderswo ausgegeben werden. Uns fehlt nicht das Geld, denn wir sind, bei allem Respekt, nicht Griechenland und auch nicht Italien, uns fehlt der Wille, die entscheidenden Schritte zu setzen. 2008 wurde der sehr ambitionierte Finanzierungspfad verlassen, der nicht auf Stagnation, sondern auf Wachstum beruhte. Seither ist man nicht mehr dorthin zurück gekehrt. Man hat stattdessen Banken gerettet und investiert große Summen in Umschulungsmaßnahmen für wahrscheinlich nicht mehr umzuschulende Arbeitslose. Unsere Zukunftsfähigkeit hängt aber vor allem von Forschung, Innovationen und Bildung ab. Dort müssen wir investieren und Prioritäten setzen, sonst fallen wir in diversen Rankings noch weiter ab und das Ziel, ein Innovation Leader zu werden, rückt in immer weitere Ferne.

STANDARD: Im Ranking Innovation Union Scoreboard, das die Innovationsleistung der Staaten vergleicht, schneidet Österreich nicht schlecht ab. Man ist derzeit immerhin an achter Stelle. Als Politiker könnte man vielleicht erwidern: für ein kleines Land nicht so schlecht.

Androsch: Ich hatte vor kurzem einen Freund aus New York zu Gast. Dem ist aufgefallen, dass wir dauernd hervorheben, dass Österreich ja nur ein kleines Land ist. Dass wir kein großes Land sind, weder flächenmäßig noch was die Einwohnerzahl betrifft, das kann man in jedem Almanach nachlesen. Warum sollte das ein Nachteil sein? Ich habe noch nie Schweizer oder Schweden so jammern hören. Die Skandinavier haben zwar ein größeres Land, aber nicht viel mehr Einwohner als wir. Die Frage ist nicht, ob wir ein kleines oder großes Land sind, die Frage ist, was wir aus uns machen, damit small auch beautiful wird. Und dabei ist von entscheidender Bedeutung, was wir aus unserem wichtigsten Rohstoff und zwar unserer Jugend, den Talenten unserer Kinder machen. Daher brauchen wir ein zeitgemäßes Bildungssystem mit größtmöglicher Chancengleichheit und den Ausbau unseres Landes als hervorragenden Wissenschaftsstandort.

Buchberger: Da sollten wir wirklich mehr Selbstbewusstsein haben. Man darf nicht nur kritisieren, dass die Universitäten in den Rankings nicht gut abschneiden. Man muss auch sehen, dass einige in den technisch-naturwissenschaftlichen Fächern sehr gut sind. Die TU Wien zum Beispiel ist in der Informatik unter den Top-Ten-Universitäten in Europa. Die Mathematik in Linz und Wien ist auch sehr weit vorne. Wir brauchen natürlich auch an den Unis mehr Geld, um die Platzierung in den Gesamtrankings, den wissenschaftlichen Output und die Situation in der Lehre zu verbessern, aber es geht nicht nur darum. Wir müssen an unserer Einstellung arbeiten.

Egerth: Wenn wir die Einstellung kritisieren, dürfen wir aber niemanden ausnehmen. Es ist nicht alles schlecht, was in Österreich bejammert wird. Wenn man aber eine Verbesserung wünscht, mehr Dynamik in die Forschung hineinbringen will, muss man auch selbst bereit sein, dafür mehr zu leisten. Nehmen wir das Beispiel der Forschungsförderung durch die EU-Rahmenprogramme. Die Unis haben sich gut etabliert und werben erfolgreich Drittmittel ein. Wir haben auch eine hohe, sogar überdurchschnittlich hohe Beteiligung österreichischer KMU, aber die größeren Unternehmen haben sich absentiert. Es heißt immer wieder, ihnen sei der Aufwand der Vernetzung zu groß. Aber wenn das die KMU schaffen, lasse ich mir das nicht einreden.

Buchberger: Ich denke auch, dass die Unis zu viel jammern. Ich habe einen Großteil meiner Dissertation auf einem umgebauten Klo geschrieben. Daraus ist das Risc Institut an der Kepler Uni und schließlich der Softwarepark Hagenberg mit über tausend Arbeitsplätzen entstanden.

STANDARD: Das Klo ist für Sie ein Gradmesser für Zukunftsdenken?

Buchberger: Nein, aber es zeigt bei aller Bescheidenheit, was möglich ist. Innovation ist nur möglich, wenn man eine Spannung zwischen zwei scheinbaren Extremen aufbaut. Zum einen die Grundlagenforschung, deren Bedeutung man gar nicht genug betonen kann. Sie hat begonnen, sich gut zu entwickeln, als das Denken frei wurde. Insofern könnte man sagen, dass sie ein Gradmesser für die Demokratie ist. Das andere Extrem sind junge Köpfe mit Ideen, die man mehr fördern sollte, die als Start-ups mehr Dynamik in die Forschung bringen können. Da bräuchte es Kapital, aber gerade bei Gründungen sind wir sehr schlecht.

Egerth: Um die Gründerszene anzukurbeln, müsste man mehr Geld in die Hand nehmen, das stimmt. Da wäre ich durchaus für das Gießkannenprinzip. Da sollten wir einen großzügigeren Zugang finden.

Pseiner: Vielleicht braucht es nicht nur mehr Geld, sondern auch bessere Förderinstrumente, die die Agenturen anbieten müssen, um die politischen Entscheidungsträger zu überzeugen. Vielleicht müssen wir als Förderagentur das überdenken, das meine ich durchaus selbstkritisch. Denn die österreichische Regierungsspitze zeigt schon, dass sie hinter dem Thema Forschung steht. Kanzler und Vizekanzler haben das bewiesen. Da gibt es Länder, in denen F&E weit weniger Rückhalt durch die politische Führung hat.

Androsch: Aber mit diesen Ländern soll man ja gar nicht konkurrieren. So weit unten dürfen wir nicht ansetzen. Außerdem ist mir noch nicht aufgefallen, dass unsere Regierungsspitze Forschung ein so großes Anliegen ist, wie es eigentlich sein sollte.

Buchberger: Ich würde Kanzler und Vizekanzler das Anliegen schon zugestehen, denn heutzutage hat wirklich fast jeder verstanden, dass Forschung wichtig ist, sofern man nicht in Stagnation verharren will. Andernfalls wäre es ja lächerlich. Dass sie von der Forschung und ihrer Bedeutung reden, ist aber noch keine Errungenschaft. Die Frage ist, ob sie das auch gegenüber anderen Menschen sagen, die wichtige Anliegen vertreten und Geld wollen. Das wäre mutig.

Androsch: Unsere Spitzenpolitiker müssen Perspektiven aufzeigen, ohne die derzeitige Situation - Wirtschaftskrise, Eurokrise - auszuklammern. Österreich ist nach wie vor ein reiches Land. Das Geld, das für Bildung, Wissenschaft, Forschung und unsere Unis nötig wäre, ist vorhanden. Es wird nur allzu häufig an den falschen Stellen eingesetzt. Sich immer auszureden, dass kein Geld vorhanden wäre, ist keine Lösung.

STANDARD: Vizekanzler Spindelegger hat in einer Rede sechs Prozent Forschungsquote gefordert. Wie hilfreich, wie realistisch sind solche Aussagen?

Buchberger: Das ist eine symbolische Aussage und als Motivationskarotte zu verstehen, die die Bedeutung eines signifikanten Sprungs der Forschungsausgaben in Österreich zeigt. Wichtig ist, dass wir uns jetzt beherzt weiterhin mit deutlichen Schritten in den Forschungsausgaben nach oben bewegen.

Androsch: Ich halte nichts von diesen Aussagen. Sie sind unrealistisch. Selbst wenn Österreich viel Geld investiert, dann ist das in kurzer Zeit nicht absorbierbar. Das wirkt sich erst später aus. Derzeit zehren wir noch von den Investitionsschüben aus der Mitte des vergangenen Jahrzehnts.

Egerth: Die Rede vom Spindelegger war ein Signal, und mir sind solche Signale lieber als ständiges Schlechtreden.

Androsch: Ich halte auch nichts vom Schlechtreden. Das Forschungsförderungssystem ist gut. Aber ich halte auch nichts vom Gesundbeten. Und das klingt schon stark danach.

Egerth: Ein Politiker hat einmal gesagt: Warum soll man in Forschung mehr investieren, wenn es ohnehin nie reicht und immer schlechtgeredet wird. Das ist der Punkt und hat schon etwas mit der österreichischen Seele zu tun. Wir sehen schnell schwarz und verkaufen uns dabei auch noch schlecht. Eben als kleines Land mit wenig Selbstbewusstsein. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 27.6.2012)


Zu den Personen

Hannes Androsch, Jahrgang 1938, ist Industrieller. Er war von 1970 bis 1981 SPÖ-Finanzminister in der Regierung Kreisky. Danach bis 1988 Generaldirektor der Creditanstalt. Androsch ist derzeit unter anderem Vorstandsvorsitzender des Austrian Institute of Technology (AIT, vormals Seibersdorf) und Vorsitzender des Rats für Forschung und Technologieentwicklung.

Bruno Buchberger, Jahrgang 1942, wollte als Kind eigentlich zum Zirkus und studierte schließlich Mathematik. 1974 wurde der Innsbrucker Professor für Computer-Mathematik in Linz. 1987 gründete er das Research Institute for Symbolic Computation (RISC), 1990 den Softwarepark Hagenberg, den er seither auch leitet. Buchberger tritt in zwei verschiedenen Bands immer wieder als Jazzmusiker auf. Er spielt Klarinette.

Henrietta Egerth, Jahrgang 1971, studierte Handelswissenschaften an der Johannes-Kepler-Universität Linz. Sie ist seit 2004 gemeinsam mit Klaus Pseiner Geschäftsführerin der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG.

Klaus Pseiner, Jahrgang 1956, studierte Biologie und war bei der European Space Agency ESA beschäftigt, ehe er Geschäftsführer der Austrian Space Agency (heute Bestandteil der FFG) wurde.


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  • Gruppenbild im Büro des Ratsvorsitzenden: Klaus Pseiner, 
Henrietta Egerth, Hannes Androsch und Bruno Buchberger reden über 
Forschung.
    foto: standard/heribert corn
    Gruppenbild im Büro des Ratsvorsitzenden: Klaus Pseiner, Henrietta Egerth, Hannes Androsch und Bruno Buchberger reden über Forschung.
  • Softwarepark-Gründer Bruno Buchberger (oben) und Ratsvorsitzender Hannes Androsch (unten) sind gegen die Extreme Krankjammern und Gesundbeten.
    foto: standard/heribert corn

    Softwarepark-Gründer Bruno Buchberger (oben) und Ratsvorsitzender Hannes Androsch (unten) sind gegen die Extreme Krankjammern und Gesundbeten.

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  • Klaus Pseiner (oben) und Henrietta Egerth (unten), die Geschäftsführer der FFG, wünschen sich ein verbessertes Anreizsystem für Unternehmen, um in Forschung zu investieren.
    foto: standard/heribert corn

    Klaus Pseiner (oben) und Henrietta Egerth (unten), die Geschäftsführer der FFG, wünschen sich ein verbessertes Anreizsystem für Unternehmen, um in Forschung zu investieren.

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