Viel heiße Luft und wenig Wirkung

Klimaforscher haben Politik und Gesellschaft ermüdet - meinen Klimaforscher - Nun werde nicht mehr auf sie gehört

Besteht Grund zur Panik in der Klimafrage? "Als Naturwissenschafter sage ich: Nein", meint Andreas Wahner. Er ist als Direktor des Instituts für Troposphäre des Forschungszentrums Jülich in der Klimaforschung tätig. Grund für seine positive Haltung ist nicht etwa, dass die letzten Rechnungen Entwarnung geben - im Gegenteil. Was ihn zuversichtlich stimmt, ist, "dass wir aus physikalischer Sicht die wichtigsten Zusammenhänge verstanden haben".

Tatsächlich ist seit den 1980er-Jahren viel öffentliches Geld in die Klimaforschung geflossen und hat dieser zu einem weltweiten Aufschwung verholfen. Das enorme Interesse der Politik an der Klimaforschung wurde auch vergangene Woche in Wien deutlich. Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle präsentierte anlässlich des Klimagipfels in Rio die heimische Klima- und Nachhaltigkeitsforschung, um darauf aufmerksam zu machen, dass sie in der internationalen Community durchaus beachtet wird und zunehmend interdisziplinär arbeitet.

Michael Staudinger, Direktor der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), nutzte die Gelegenheit, um bereits veröffentlichte Ergebnisse erneut zu präsentieren: Messungen haben ergeben, dass die gefühlte Temperatur, in die neben meteorologischen Größen wie Lufttemperatur, Sonnenstrahlung und Luftfeuchtigkeit auch physiologische Daten eingehen, in Wien seit 1970 stetig gestiegen ist.

Siebenmal so viele Hitzetage

Zwar gibt es von Jahr zu Jahr Schwankungen, doch im Mittel zeichnet sich ein Trend zur Hitze ab: Während es 1970 nur einen errechneten Tag extremer Hitze mit mehr als 41 Grad gefühlter Temperatur gab, waren es rund 40 Jahre später sieben Tage. Die Anzahl der Tage mit starker Hitze (35 bis 41 Grad Celsius) ist von 15 auf 23 gestiegen, die mit mäßiger Hitze (29 bis 35 Grad) von 32 auf 41.

Elisabeth Koch, die das ZAMG-Forschungsprojekt geleitet hat, wundert vor allem, das von den Medien ein wichtiger Aspekt kaum thematisiert wird: An jedem Hitzetag mit einer gefühlten Temperatur von mehr als 41 Grad sterben elf Prozent mehr Menschen als an einem durchschnittlichen Tag. Bei einer Hitzewelle von einer Woche sind das 100 Menschen in Österreich.

"Dass kaum darüber berichtet wird, liegt daran, dass es ein stiller Tod ist", meint Koch. Zumeist sind ältere, sozial isolierte Menschen betroffen. Dabei wären die Todesfälle mit sehr einfachen Mitteln leicht zu vermeiden: viel Wasser trinken, sich in klimatisierte Räume begeben und die Wohnung nur in der Nacht lüften. Seit einem Jahr gibt es daher einen Hitzeplan mit dem Land Steiermark, um gefährdete Menschen im Vorfeld zu informieren.

Bei anderen Katastrophen würden es 100 Tote sofort in die Medien schaffen, wenn es ums Klima geht "wird nicht einmal auf den Chronikseiten darüber berichtet", sagt ZAMG-Direktor Staudinger. Das gelte nicht nur für die Klimatodesfälle, sondern stehe stellvertretend für einen generellen Trend.

"Die Luft ist raus aus dem Klimathema", meint Hans von Storch, Professor am Institut für Meteorologie der Universität Hamburg und Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht. Trotz des Interesses der Politik an der Klimaforschung gebe es eine Entkopplung der wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, was gegen den Klimawandel getan werden könnte, und dem, was die Politik mache.

Die Klimaforscher wären nicht unbeteiligt daran, dass auf sie nicht mehr gehört werde, meint von Storch. "Die Wissenschaft ist nicht dazu da zu sagen, was eine Gesellschaft tun soll, sondern was sie tun kann." Doch in vergangener Zeit hätten sich Wissenschafter dazu "aufgespielt, der Gesellschaft Vorschriften machen zu wollen". Dabei seien sie "naive Fachidioten" und verstünden politische Vorgänge weit weniger gut als die Physik, meint von Storch. "Dass dann Politik und Gesellschaft sagen: ' Wir haben die Schnauze voll von euren Vorschriften', wundert mich nicht."

Aus der Isolation befreien

Auch aus diesem Grund hält von Storch, der derzeit mit dem Ethnologen Werner Krauss an einem Buch zu diesem Thema (Die Klima-Falle, voraussichtlicher Erscheinungstermin: Frühjahr 2013) arbeitet, interdisziplinäre Zugänge in der Klimaforschung, wie sie derzeit in Österreich vielerorts initiiert werden, für essenziell.

Während von physikalischer Seite die wesentlichen Fragen der Klimaforschung bereits beantwortet seien, gäbe es in Bezug auf Sozial- und Kulturwissenschaften noch viel zu tun. Von Storch sieht darin auch die einzige Möglichkeit, dass sich die momentan meist naturwissenschaftlich ausgerichtete Klimaforschung wieder aus ihrer Isolation befreit.

Warum es schwierig ist, aus dem Blickwinkel der Physik politische Empfehlungen zu formulieren, erklärt Klimaforscher Andreas Wahner damit, dass sich naturwissenschaftliche und politische Aussagen grundsätzlich unterscheiden. Physikalische Aussagen sind immer mit einer berechenbaren Wahrscheinlichkeit gültig und nicht beliebig debattierbar. Bei einer politischen Aussage sei das anders: "Ich habe schon viele politische Argumentationen gehört, die eine Woche später völlig anders waren."

Im medial-politischen Kontext ist die Klimaforschung zudem stärker mit ihren Gegnern konfrontiert als in der Scientific Community. Wie immer wieder aufgedeckt wird, gibt es vor allem in den USA Forscher, die von Thinktanks bezahlt werden, damit sie den menschenbedingten Klimawandel infrage stellen. Es sind teilweise dieselben gekauften Forscher, die in den 1970er-Jahren die tödlichen Folgen des Rauchens im Auftrag der Tabakindustrie bezweifelt haben. Da Medien den Anspruch haben, ausgewogen zu berichten, ging diese Strategie auf: Während nur ein Prozent der Forscher bezweifeln, dass der Mensch an der Temperaturerhöhung Mitschuld trägt, zweifeln 13 Prozent der amerikanischen Bevölkerung daran.

Es bestünde dennoch kein Grund zur Panik, sagt Wahner: "Aber wenn sich nichts ändert, müssen wir uns auf Bevölkerungswanderungen und größere Hilfsprogramme einstellen. Die größte Gefahr ist, dass durch den Klimawandel Kriege initiiert werden." (Tanja Traxler, DER STANDARD, 27.6.2012)

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