"Bei Interpreten gehe ich von denkenden Menschen aus"

Gespräch |
  • Zwischen Wienerlied, Jazz und Moderne: Komponist Hannes Löschel.
    foto: standard/heribert corn

    Zwischen Wienerlied, Jazz und Moderne: Komponist Hannes Löschel.

Pianist und Komponist Hannes Löschel über den Tod der CD, das Komponieren und Qualitätskriterien

Wien - Man spricht zwar immer vom Untergang der CD als solcher. "Wenn ich mich jedoch hypothetisch fragen würde", so Hannes Löschel, "wie man die CD als Form umbringen könnte, wüsste ich auch nicht, wie das zu bewerkstelligen wäre. Es geht offenbar nicht so einfach. Man hat mit ihr etwas Informatives in der Hand, das, wenn es gut gemacht ist, einen Zusammenhang zwischen dem Äußeren und dem musikalischen Inneren bietet. Aber das sind wohl nur Gedankengänge eines älteren Menschen."

Dennoch folgt daraus ganz persönlich: Löschel, Jahrgang 1963, in Wien geboren, nimmt CDs auf - allerdings nicht aus rein dokumentarischen Gründen. Da würde er "eher etwas ins Netz stellen oder Videos erstellen". Es sollte schon ein CD-Gesamtkonzept dahinterstehen; und dies hängt wohl auch damit zusammen, dass Löschel vor allem als Komponist tätig ist, also ohnedies immer bewusst das Ganze seiner Kunst im Verhältnis zu deren Details denken muss. Wie ihm konzeptuell-kompositorische Vorhaben gelingen, das lässt sich bald anhand einer Doppel-CD, die bereits aufgenommenes Material thematisch noch einmal sinnvoll bündelt, studieren.

Und: Live wird man dies ausschnittsweise nun beim Festival Glatt & Verkehrt (am Sonntag) hören können, wenn Löschel mit seiner Stadtkapelle und dem Projekt Herz.Bruch.Stück quasi ins Wirtshaus entführt. Auch mit Material von Schubert und Strauß, das in interessante Arrangementkleider gesteckt wird. Bei Löschel, der für seine Projekte "gerne selbst auf der Bühne" steht, aber "dann gerne eher am Rande", muss man natürlich immer auf der Stilhut sein. Diesbezüglich ist er von bemerkenswert selbstverständlicher Flexibilität. Da kann sich in seinen Ideen Rockiges entfalten wie auch Avantgardistisches, das eher dem klassischen Genre zuzuordnen ist. Löschel wählt Stile jedoch nicht spekulativ, vielmehr immer nach jenem Ausdruck aus, der ihm für seine Stücke vorschwebt.

Sein Kriterium für eine gute Komposition? "Neben vielem anderen muss für den einzelnen Interpreten nachvollziehbar bleiben, wo eigentlich für ihn der Spaß zu finden ist. Wenn man nur darauf achtet, ist das natürlich auch zu wenig. Aber bei Interpreten gehe ich immer von denkenden Menschen aus, die Frage haben, die ich im Stück beantworten muss. Es muss in einer Komposition jedenfalls Herausforderndes wie auch Entspannendes in eine Balance gebracht werden."

Löschels Vielseitigkeit lässt sich auch an Aufführungsorten festmachen: Seine Stücke konnte man bei den Bregenzer Festspielen ebenso hören wie beim Festival Wien Modern oder beim Jazzfestival Saalfelden. Auch der mittlerweile wegen der seltsamen Indifferenz der Kulturministerin verblichene Hans Koller Jazzpreis wurde ihm 1997 überreicht.

Überhaupt war das bei Löschel alles von Anfang an so angelegt: Seine Ausbildung war klassisch. Am liebsten jedoch ging er in Jazzclubs. Wobei: Auch als Veranstalter war er tätig. Im Wiener Odeon hat Löschel interessante Festivals veranstaltet und gezeigt, dass auch hier Konzeptdenken zu interessanten Gebilden führen kann. Bei dieser Tätigkeit, die zurzeit ruht, da erst geklärt werden soll, wie es mit dem ehrenwerten Odeon langfristig weitergeht, hat Löschel bei sich indes auch Interessen entdeckt, "bei denen man aufpassen muss, dass sie einen zeitlich nicht umbringen".

Es habe ihm "zum Beispiel großen Spaß gemacht, Programmhefte sorgfältig vorzubereiten. Das ist allerdings so ziemlich das Altmodischste und Dümmste, was man tun kann. Monatelang mit Autoren wegen schöner Texte zu diskutieren ist doch ein wenig zu ambitioniert - bedenkt man jedenfalls die Lebensdauer von Programmheften ..." (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 27.6.2012)

1. 7., Glatt & Verkehrt in Dürnstein, 12.00

Share if you care