Herzschmerz für den Zeitgeist

26. Juni 2012, 17:00
26 Postings

Charles Bradley begeisterte beim Jazzfest Wien mit dramatisch inszeniertem Deep Soul. Sein Herz- und Weltschmerz ist klassisch, gleichzeitig trifft er damit den Zeitgeist der Occupy-Bewegung

Wien - Er streckt den Arm bis in die Fingerspitzen aus. Das Gesicht liegt vor schmerzlichem Verlangen in Falten. Er stößt den Mikrofonständer von sich weg, reißt ihn am Kabel wieder zurück, umarmt ihn, ringt ihn nieder und fällt auf die Knie. Er singt von Herzschmerz und Leid, von "Heartache and Pain", und versinkt buchstäblich im Thema. Ja, die Soulmusik ist eine expressive Kunst. Wer nicht den Mut hat, dafür sein Innerstes offenzulegen, wird in diesem Fach nicht ernst genommen. So betrachtet ist Charles Bradley ein sehr mutiger Mann.

Am Eröffnungsabend des Jazzfests Wien am Montag im ausverkauften Wuk bestätigte der 63-Jährige, was für ein Glücksfall für Soulfans er doch ist. Schließlich ist die große Zeit des Soul rund 40 Jahre her, die Größen von damals entweder tot, vergessen oder beides. Doch Charles Bradley hat eben erst begonnen.

Im Vorjahr veröffentlichte der in New York lebende Sänger sein Debütalbum "No Time for Dreaming", seit damals lebt er seinen Traum als erfolgreicher Soulsänger und begeistert auf allen Kontinenten. Entdeckt wurde Bradley vor rund zehn Jahren, als er als Black Velvet in einschlägigen New Yorker Clubs auftrat. Unter den Fittichen vom Tom Brennek veröffentlichte er auf dem Soul-Revival-Label Daptone erste Singles.

Nachdem Daptone mit der ebenfalls beim Jazzfest Wien auftretenden Sharon Jones (9. Juli, Arkadenhof im Rathaus) und den Dap Kings als Backingband auf Amy Winehouses Album "Back To Black" Bekanntheit und Erfolg erlangte, wurde Bradley mit seinem Debüt der zweite Star des Musikverlags aus Brooklyn.

Bereits im Vorjahr war er unter stiefmütterlichen technischen Bedingungen als Gratis-Act am Rathausplatz zu erleben, sein Konzert im Wuk mit einer etwas schwächeren Band darf nun als sein richtiger Einstand gewertet werden. Der "Black Swan", der "Screaming Eagle of Soul" legt sein Konzert als klassische Soulrevue an. Nach einigen Instrumentalnummern betritt Bradley Kusshändchen und "Love" verteilend die Bühne - um sofort so dramatisch zu werden wie am Anfang beschrieben.

Einsamkeit, Entwurzelung

Für die Zurschaustellung seiner Schmerzen greift er auf seine Biografie zurück. In dieser spielen Einsamkeit, Entwurzelung und der Tod wesentliche Rollen, und so weiß man oft nicht, ob ihm da Schweiß oder Tränen über die Backen kullern. Die sechsköpfige Band, seine "Sons", wie Bradley sie nennt, umrahmt den Mann mit der großen Stimme derweil mit knappen Stößen aus den Hörnern, polstert seinen Gesang mit der Orgel und verleiht ihm mit lockeren Gitarrenlicks eine Funkiness, wie man sie sonst nur auf alten Platten nachhören kann.

Zwischen den Liedern empfängt er die Liebe des Saals und versichert diesem die seine. Show zwar, aber im Kern wohl die Wahrheit. Bradley ist ein demütiger Mann. Bescheiden und glücklich, im Herbst seines Lebens diese Wendung erleben zu dürfen, wie er in der Filmdoku "Soul of America" sagt.

Und so persönlich Bradleys Songs sein mögen, sie treffen den Zeitgeist. Denn Songtitel wie "No Time for Dreaming", "The Whole World Is Going up in Flames" oder Why Is It so Hard (to Make It in America)" klingen wie der Soundtrack der Occupy-Bewegung. Auch das belegt seine Qualität, ist Soul doch immer noch jene Musik, die subjektiv erfahrenes Unrecht universell nachvollziehbar macht. Gleichzeitig macht diese Schmerzensmusik glücklich.

Bradley covert hierfür Clarence Carters "Slip Away", Neil Youngs "Heart of Gold" - das einzig entbehrliche Lied - und wechselt die Garderobe, um in schimmerndem Tuch seine Körpermitte zucken zu lassen ("You make me do it!"). Am Ende herrscht im Saal fröhliche Ekstase, Charles Bradleys Mission ward dankbar empfangen. (Karl Fluch, DER STANDARD, 27.6.2012)

  • Sein bester Song ist es nicht, ein Herz aus Gold hat er allemal. Charles 
Bradley gibt mehr, als er nimmt. Am Montag eröffnete der Soulmann das Jazzfest 
Wien. Die Latte liegt hoch.
    foto: standard/christian fischer

    Sein bester Song ist es nicht, ein Herz aus Gold hat er allemal. Charles Bradley gibt mehr, als er nimmt. Am Montag eröffnete der Soulmann das Jazzfest Wien. Die Latte liegt hoch.

Share if you care.