Schott: "Erhöhung der Parteienförderung ist eine Frechheit"

Chat

ÖH-Vorsitzender über Konsequenzen aus der Causa Café Rosa und die Streitfrage Studiengebühren

ModeratorIn: Wir begrüßen Martin Schott im Chat und bitten die UserInnen um Fragen.

Martin Schott: Hallo! Freu mich auf eine Stunde im Chat und viele spannende Fragen! Hoffentlich geht sich viel aus... :-)

Martin Telex: Was hat die ÖH mit dem nächsten ÖH-Beitrag (den alle Studierenden bezahlen) vor?

Martin Schott: Vieles davon fließt in unsere Projekte die wir planen oder bereits gestartet haben. Weiterentwicklung von Forum Hochschule, Psychologische Studierendenberatung, und so weiter. Ein Großteil fließt in die Infrastruktur - Druck von Broschüren, Angestellte der ÖH, etc. Vom ÖH Beitrag fließen übrigens 85 % an die lokale Universitätsvertretung - bei den FH und PH Vertretungen ist der Schlüssel anders.

ModeratorIn: Userfrage per Posting: Wieso kann man als FH Student seine ÖH-Vorsitzenden nicht direkt wählen? Find es traurig das ihr über irgendwelche FH-Vertreter gewählt werdet.

Martin Schott: Bei der Eingliederung der FHs in die ÖH wurde dieses indirekte Wahlsystem umgesetzt. Wir arbeiten schon lange daran, das Ministerium zu überzeugen überall das gleiche Wahlrecht umzusetzen. Jede Stimme sollte an jeder Hochschule gleich viel Wert sein!

AlphaCentauri: Hallo Martin! Wird sich an der Politik der ÖH durch den Wechsel irgendetwas verändern? Oder setzt diese sich nach wie vor hauptsächlich für Genderkurse, 5.,6.,... Prüfungsantritte und generell die Interessen der faulen (Dauer-)Studenten ein?

Martin Schott: Wie schon die letzten Jahre wollen wir gemeinsam mit anderen HochschulpartnerInnen den Hochschulraum weiterentwickeln. Dabei ist es wichtig die Interessen der Studierenden zu vertreten - sonst denkt an uns leider selten wer. Feminismus, Chancengleichheit und ein faires Prüfungsrecht waren und sind uns ein großes Anliegen! Ein Blick in die Studierendensozialerhebung reicht übrigens, um das Bild der "faulen Studierenden" zu widerlegen - mehr als die Hälfte der Studierenden müssen neben dem Studium auch noch arbeiten.

UserInnenfrage per Mail: Sind Sie das Äquivalent zu Michael Spindelegger in der ÖH?

Martin Schott: Nein!

wayne04: Wie wir ja alle mitbekommen haben, haben sich die österr. Parteien eine ordentliche Gehaltserhöhung inkl. Inflationsanpassung verpaßt. Der/die heutige Student/in verliert aufgrund der Inflation und der nicht angepaßten Beihilfen/Stipendien jedes Jah

Martin Schott: Die Erhöhung der Parteienförderung empfinde ich als Frechheit. Hier zementieren sich die Großparteien ein und füllen ein Jahr vor dem Wahlkampf noch einmal die Kassen auf. Gleichzeitig gibt es seit Jahren keinerlei Veränderungen bei der sozialen Absicherung der Studierenden. Ganz im Gegenteil wurde hundertausenden Studierenden die Familienbeihilfe gestrichen. Man erkennt schnell wo die Priorität der Regierung liegt...

Martin Telex: Was sagen Sie zur Causa "Cafe Rosa"?

Martin Schott: Ein Projekt der ÖH Uni Wien - und hier liegt auch die Verantwortung. Wenn sich die vielen Vorwürfe - die in einer teilweise sehr unseriösen Schlammschlach auf den Tisch geworfen wurden - bestätigen, muss die ÖH Uni Wien auch Konsequenzen daraus ziehen. Aber wie gesagt - ein Projekt der ÖH Uni Wien das leider einen großen Schatten auf die ÖH als Organsisation geworfen hat. Das haben sich viele StudierendenvertreterInnen nicht verdient, wenn alle in einen Topf geschmissen werden.

Sonstwer: Was sind eure Lehren aus der Uni brennt Bewegung. Glaubt ihr, dass sich soetwas in Kürze wiederholen könnte? (Stichwort unzureichende Uni-Finanzierung)Und wieso besetzt man Hörsääle und nicht die Stufen (oder die Cafeteria) des Parlaments -> es s

Martin Schott: Die #unibrennt Bewegung hat vieles verändert. Besonders die Aufmerksamkeit für Hochschulpolitik und die krasse Unterfinanzierung der Hochschulen in Österreich, die fehlende soziale Absicherung, die fehlende Demokratie in vielen Bereichen... auch in den letzten Monaten hat es immer wieder Proteste gegeben. Es ist oft das letzte Mittel um Gehör zu finden, wenn sonst nichts mehr hilft. Die Abschaffung der IE wäre ohne die Proteste der Studierenden wohl niemandem aufgefallen...

abc desf: Nochmal zu den FHs, woran scheitert die Umsetzung eines Direktwahlsystems?

Martin Schott: Vor gut einem Jahr gab es eine ÖH interne Arbeitsgruppe die im "Konsens" ein Maßnahmenpapier erarbeitet hat. Danach wurde dieses im Ausschuss für Bildungspolitik einstimmig beschlossen. Bei der Sitzung der Bundesvertretung machte die Aktionsgemeinschaft einen Rückzieher. Seit dem bremst auch das Ministerium - ich hoffe wir können noch vor der nächsten Wahl etwas erreichen und ein demokratischeres Wahlrecht umsetzen.

UserInnenfrage per Mail: Werden Sie mit Wissenschaftsminister Töchterle in den Dialog treten? Haben Sie eine bessere Gesprächsbasis mit ihm als Janine Wulz?

Martin Schott: Wir hatten auch im letzten Jahr immer wieder persönliche Treffen und eine gute Gesprächsbasis. Die Abschaffung der Voranmeldung und die gemeinsame Ausarbeitung einer neuen Inskriptionsregelung zeigen was alles möglich wäre. Ich hoffe sehr, dass Minister Töchterle endlich erkennt, dass mit ÖH und den Studierenden vieles möglich wäre... in manchen Punkten werden wir aber wohl nicht zusammenkommen.

Manfred Bieder: Wie gehts Ihnen eigentlich im Studium? Was sind die gröbsten Probleme mit denen Sie zu kämpfen haben?

Martin Schott: Ich hab noch zwei Prüfungen und die Diplomarbeit vor mir. Ich studiere übrigens Biotechnologie. Neben der ÖH Arbeit kommt gerade die Diplomarbeit zu kurz...

Alicka: Gibt es von Seiten der ÖH Pläne, das Image der Studierenden in Österreich aufzubessern? Demonstrationen & Co scheinen offenbar nicht zu helfen.

Martin Schott: Diese Aussage halte ich für eine starke Vereinfachung. Unser Anliegen ist es die Hochschulen, die Wissenschaft, die Lehre und die Forschung zu verbessern und den Wert von Bildung, auch für die Gesellschaft, zu vermitteln. Dafür ist es oft notwendig auf die Straße zu gehen - sonst ändert sich nix.

UserInnenfrage per Mail: Haben Sie politische Vorbilder? Auch in Österreich?

Martin Schott: Natürlich gibt es - auch in Österreich - viele beeindruckende PolitikerInnen bzw. poltisiche Menschen. Ein "Vorbild" in dem Sinn habe ich nicht - ich will nicht blind nachstreben sonst geht die eigene Meinung verloren.

abc desf: Von einem Ortsgrünen in Bad Ischel zum ÖH Vorsitzenden von den Fachschaftslisten. Wie war dieser Weg?

Martin Schott: Viele spannende Momente. Nach meiner Zeit in Bad Ischl dachte ich nicht, dass ich jemals in der Politik bleiben werde. Im Zuge einer Studienplanreform bin ich dann zur ÖH gekommen. Die Parteiunabhängigkeit und der sehr sachliche Zugang zur ÖH Politik der FLÖ hat mich beeindruckt. Manchmal kommt es anders als man denkt :-)

Jonny W1: Finden Sie, dass die ÖH Gesellschaftspolitik machen soll? Und wenn ja in welcher Form?

Martin Schott: Bildungspolitik ist Gesellschaftspolitik. Ja, ich denke es ist wichtig, dass sich die ÖH in vielen Bereichen zu Wort meldet. Soziale Lage der Studierenden, Chancengleichheit für Studierende mit Behinderung, feministische, antirassistische Bewusstseinsbildung und und und - die ÖH hat viel zu bieten!

austauschschueler: Stichwort: STEOP udn Verbesserung der Studienwahl, was sind die Lösungsvorschläge der ÖH?

Martin Schott: Im Zuge des Projekts "Forum Hochschule" haben wir eine alternative Orientierungsphase erarbeitet. Dabei sollen Studierende vor der eigentlichen Studienwahl die Chance haben das System Hochschule kennen zu lernen - mit einer "Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten" und einem Tutorium der ÖH für Alle bzw. die Möglichkeit von verschiedenen Studien Einführungslehrveranstaltungen zu besuchen wenn sich Studierende noch nicht sicher in der Studienwahl sind.

Martin Telex: Was halten Sie von der Idee von Zugangsbeschränkungen an Hochschulen? (Seien diese finanzielle oder durch Noten erhoben)

Martin Schott: Von Zugangsbeschränkungen halte ich nichts. Wir brauchen in Österreich einen Ausbau der Kapazitäten - keine Beschränkung. Von Zielen wie - 2 % des BIPs für die Hochschulen oder einer AkademikerInnenquote von ca. 38 % sind wir noch weit entfernt. Jetzt über Beschränkungen nachzudenken ist der falsche Weg.

UserInnenfrage per Mail: Können Sie sich eine Volkabstimmung über Studiengebühren vorstellen, wie es Andreas Khol vorgeschlagen hat?

Martin Schott: Ich verstehe nicht wieso die Politik seit 10 Jahren keine Lösung in dieser Frage auf den Tisch legen kann. Dabei sind die Studiengebühren nur ein sehr kleiner Mosaikstein in der Hochschulpolitik. Mir kommt die Debatte über Studiengebühren im Moment nicht sehr sachlich vor - genau diese sachliche Debatte bräuchte es aber für eine Volksabstimmung. Sonst sind wir schnell bei einer Neiddebatte oder einer Vereinnahmung durch Parteiinteressen...

peraugym: Was halten Sie von der stimmstärksten Oppositonsfraktion in der ÖH - der Aktionsgemeinschaft?

Martin Schott: Ich bin seit fast 5 Jahren in der ÖH aktiv. Auf vielen Ebenen habe ich die Aktionsgemeinschaft als sehr konstruktive Partnerin kennen gelernt. Auf Bundesebene trennen uns bedeutende Sachfragen und man kann sich leider nie sicher sein, wie lange die Meinung der AG hält...

Mia Lavasorb: Soll ihrer Meinung nach Ihr Vorgaenger Janine Wulz zur Rechenschaft gezogen werden???

Martin Schott: Ich habe Janine Wulz als Partnerin im Vorsitzteam der ÖH Bundesvertretung kennen gelernt. Die Arbeit im letzten Jahr war großartig und sehr konstruktiv. Die Vorwürfe rund ums Cafè Rosa beziehen sich auf ihre Zeit an der ÖH Uni Wien. Man wird sehen ob sich davon irgendetwas bewahrheiten wird - und wie sie dann damit umgeht, ist ihre Sache.

Jonny W1: Findest du es richtig, eine Million an Studierendengelder für Klagen gegen die Unis - die ohnehin unterfinanziert sind - zu verwenden? Wegen Studiengebühren, die ohnehin viele nicht stören?

Martin Schott: Studiengebühren sind sozial selektiv, drängen Studierende kurz vorm Abschluss von der Uni und bringen im Gegenzug dem Gesamtbudget nicht viel. Studiengebühren ohne rechtliche Grundlage sind für uns als Vertretung der Studierenden nicht hinzunehmen. Wir wollen und müssen uns für die Rechte der Studierenden einsetzen und hier Rechtssicherheit schaffen - dafür braucht es die Klagen bis vors Höchstgericht.

UserInnenfrage per Mail: Was halten Sie von den Entscheidungen der Uni-Senate zu Studiengebühren? War das eine gute Idee, die Unis selbst entscheiden zu lassen?

Martin Schott: Die Frage der Finanzierung liegt nicht bei den Senaten. Hier hätte die Politik - allen voran das Wissenschaftsministerium - eine Lösung finden müssen. Autonome Studiengebühren ohne rechtliche Grundlage sind nicht in Ordnung. Schade, dass sich viele Senate vom Druck des Ministeriums dazu hinreißen haben lassen...

baabsii: Welche Vorgehensweise und Aktionen plant die ÖH bezüglich der Sparmaßnahmen des Wissenschaftsministeriums bei den Förderungen für Neubauten und Sanierungen von Studentenheimen? Die ÖH sieht hier ja seit einiger Zeit einen „dringenden Handlungsbedarf

Martin Schott: Die Kürzungen bei den Zuschüssen für Studierendenheime sind extrem hart. Es geht dabei um eine sehr kleine Summe die für Studierende große Auswirkungen hat. Wir thematisieren das immer wieder im Ministerium - leider bisher ohne Erfolg. Wir werden weiterhin unser Bestes geben um die Politik davon zu überzeugen, dass die "Loipersdorfer Kürzungen" (neben der Kürzung bei den Heimen auch bei der Familienbeihilfe und der Versicherung) sofort rückgängig gemacht werden müssen.

deprecated: Ihre Fraktion vertritt den Anspruch parteipolitisch unabhängig zu agieren. Aber woran lässt sich das eigentlich festmachen?

Martin Schott: Die Fachschaftslisten sind ein Zusammenschluss von Unigruppen. Wir gehören alle keiner Partei an, sind keine Parteivorfeldorganisation oder finanziell von einer Partei abhängig. Das ermöglicht uns unabhängig von einer Partei, Politik für die Studierenden zu machen...

Jonny W1: wie kann es gelingen, dass mehr Leute die ÖH cool finden?

Martin Schott: In dem die ÖH - nicht nur die Bundesvertretung - ihre Türen öffnet und zum mitmachen einlädt. Es gibt unterschiedlichste Möglichkeiten sich einzubringen - Beratung, Erstsemestrigentutorien, Umsetzung von Projekten, etc.... für alle was dabei! :-)

abc desf: Hahn, Gehrer, Karl, Töchterle oder einE andereR WissenschaftsministerIn?

Martin Schott: Bisher haben mich alle enttäuscht!

Wonnebrocken 4000: Wieso wird dauernd davon gesprochen, dass Studiengebühren "sozial selektiv" seien? Sozial Schwächere wären doch gesetzlich ohnehin von ihnen befreit, oder etwa nicht!?

Martin Schott: Studiengebühren sind eine soziale Hürde für Menschen die möglicherweise Interesse an einem Studium haben. Und der finanzielle Druck, nicht nur durch Studiengebühren, drängt besonders sozial schwächere immer öfter zu Studienabbruch. Deswegen braucht es ein neues Beihilfensystem und keine Studiengebühren!

Milchleber: Gab es seitens der öH schon eine nähere Auseinandersetzung mit den Uni-Budgets, bspw wie sich ein Kassenbestand/Guthaben von EURO 70 Mio im Jahresabschluss der Uni Wien 2010 erklärt

Martin Schott: Ich kennen den Jahresabschluss der Uni Wien nicht. Daher kann ich diese Frage so nicht beantworten.

Jonny W1: Denkst du, dass es in Österreich bald Zugangsbeschränkungen an allen Unis geben wird?

Martin Schott: Wenn es nach uns geht - Nein!

noxius: Lieber Martin, was unterschiedet die FLÖ von der Fachhochschulfraktion, ausser das diese nur auf FH kandidieren?

Martin Schott: Die FEST ist nicht mehr nur auf Fachhochschulen aktiv. Die FLÖ hat sich seit Jahren aus unterschiedlichen Unigruppen entwickelt - die FEST im Zuge der Eingliederung der FHs in die ÖH. Was uns verbindet ist die Unabhängigkeit von einer politischen Partei...

ModeratorIn: Wir danken für den Besuch, lieber Martin Schott. Danke auch an die User für die Fragen.

Martin Schott: Vielen Dank für die vielen Fragen. Die Türen der ÖH stehen immer offen - wenns weitere Fragen gibt, auch gerne per Mail: martin.schott@oeh.ac.at Schönen Sommer! :-)

Share if you care.