"Lexikon der Globalisierung" macht Forschung leicht zugänglich

26. Juni 2012, 13:27
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150 Stichworte von Demokratie bis Identität mithilfe von Praktikern aufgearbeitet

Wien - Oft wird der Wissenschaft der Vorwurf gemacht, sie sei unverständlich und unnahbar. Das "Lexikon der Globalisierung" möchte mit einem betont praxisnahen Ansatz und der Hilfe von Laien den Gegenbeweis antreten. Rund 150 Stichworte von Urbanisierung bis Diversität wurden von 117 nationalen und internationalen Autoren theoretisch aufgearbeitet - stets begleitet von einem konkreten Praxisbeispiel, erklärt Herausgeber Andre Gingrich, Professor für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien.

Ziel sei es gewesen, Forschung in einer Form umzusetzen, die in einem Handgriff zugänglich ist. Dabei habe man vor allem auf die Hilfe von Laien und Praktikern gesetzt. In einer intensiven Testphase wurden etwa Polizisten, Zollbeamte, Entwicklungshelfer oder auch Studenten auf Workshops eingeladen, über die Inhalte zu diskutieren und ihre Wünsche zu äußern. Dabei sei vor allem die Frage im Mittelpunkt gestanden, wie die verschiedenen Gruppen mit Globalisierung in Kontakt kommen und wofür sie das Handbuch brauchen würden. "Das war die allerwichtigste Vorbereitungsphase. Wir wollten aus der wissenschaftlichen Kommunikation heraustreten und die Leute dort abholen können, wo sie in ihrem Alltag stehen", erzählt Gingrich.

Begriffsgeschichte, Diskussionsbereich und praktische Fallbeispiele

Von Risikogesellschaft über Multikulturalismus bis hin zu Terrorismus deckt das Lexikon eine breite Spanne an oft auch aufgeladenen Begriffen ab. Statt emotionalen Klischees biete das Werk zu jedem Eintrag die Begriffsgeschichte, einen Diskussionsbereich und im dritten Teil ein praktisches Fallbeispiel. So soll das theoretisch Dargestellte auch in die Praxis übertragen werden und "wie ein Spot im Fernsehen" eine Geschichte erzählen, erklärt Gingrich. Den Begriff "Identität" begleitet etwa die Geschichte einer etwa 25-jährigen Roma aus dem Südburgenland. Aktivismus und Betroffenheit über Anschläge auf Roma zählen genauso zu ihrer Identität wie etwa Musik oder der katholische Glaube.

Ein Glossar sowie Querverweise helfen, auch nicht explizit angeführte Begriffe zu finden. Das Lexikon entstand aus einer achtjährigen Forschungstätigkeit, die nun im Zuge eines vom Wissenschaftsfonds (FWF) finanzierten Projekts Forschungsmeinungen von fünf Kontinenten für interessiertes Publikum sammelte und "übersetzte".

Dabei wollten die Herausgeber alle Begriffe abdecken, die durch die neue Phase der Globalisierung aktuell geworden sind. Damit distanziere sich das Werk von zwei anderen Strömungen, erklärt der Wittgenstein-Preisträger 2000: Den "Globalisierungsnegierern", die Globalisierung als Modewort einstufen und keine Neuerungen erkennen wollen, sowie den "Globalisierungsfetischisten", die den Beginn der Globalisierung auf einen bestimmten historischen Zeitpunkt, wie etwa den Fall der Berliner Mauer, festlegen. "Seit es den Globus als solchen gibt, hat es auch immer wieder Phasen von Globalisierung gegeben", so Gingrich, "eigentlich schon 1492." Das Lexikon konzentriert sich allerdings auf die aktuelle Phase, mit ihren Veränderungen durch neue Technologien, Medien, Finanzen oder Umwelt. "Erst jetzt sprechen die Leute davon, in einer globalisierten Welt zu leben. Auch diese Bewusstwerdung ist Teil dieser Phase", meint der Kultur- und Sozialanthropologe. Das "Lexikon der Globalisierung" soll helfen, Überblick zu schaffen. (APA, 26.6.2012)

  • Fernand Kreff, Eva-Maria Knoll, Andre Gingrich (Hg.): Lexikon der 
Globalisierung, transcript Verlag, 2011, 536 Seiten, 30,70 Euro, ISBN 
978-3-8376-1822-8
    foto: transcript verlag

    Fernand Kreff, Eva-Maria Knoll, Andre Gingrich (Hg.): Lexikon der Globalisierung, transcript Verlag, 2011, 536 Seiten, 30,70 Euro, ISBN 978-3-8376-1822-8

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