Zar Nikolaus und der König der Wälder

  • Größtes lebendes Landsäugetier: ein Wisent im Urwald von Bialowieza, einem der polnischen Nationalparks.
    foto: gabriele lesser

    Größtes lebendes Landsäugetier: ein Wisent im Urwald von Bialowieza, einem der polnischen Nationalparks.

  • Aus der Großstadt an den Rand der Wildnis: Katarzyna und Michal 
Drynkowski mit Sohn Aleksander vor einem Bild von Zar Nikolaus II.
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    Aus der Großstadt an den Rand der Wildnis: Katarzyna und Michal Drynkowski mit Sohn Aleksander vor einem Bild von Zar Nikolaus II.

  • Der alte Zarenbahnhof von Bialowieza, in dem die Drynkowskis ein Restaurant betreiben.
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    Der alte Zarenbahnhof von Bialowieza, in dem die Drynkowskis ein Restaurant betreiben.

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Die Fußball-EM geht vorbei, das polnische Natur- und Kulturerbe bleibt. In Bialowieza an der Ostgrenze, wo Wisente in Europas letztem Urwald leben, entdecken die Menschen eine lang verfemte Epoche neu: die Zarenzeit in Polen.

Bialowieza ist ein verwunschenes Dorf weit im Osten Europas. Einst jagten in den umliegenden Wäldern Polens Könige und Russlands Zaren. Später wilderten hier die Nazis und manch ein KP-Chef. Heute gehen im letzten Urwald Europas vor allem Naturliebhaber und Wissenschafter auf Kamera-Pirsch. Denn nirgends sonst in die Chance so groß, den "König der Wälder"- einen Wisent - in freier Wildbahn zu sehen.

Die Dorfbewohner, die vor knapp hundert Jahren erstmals auf Zeitreise gingen und das größte Landsäugetier vor dem Aussterben retteten, entdecken heute eine jahrzehntelang verfemte Epoche neu, die Zarenzeit in Polen. "Es war Liebe auf den ersten Blick. Als ich den Bahnhof sah, lugte er aus einem Meer von Grün hervor. Bäume, Farn, Moos, soweit das Auge reichte, und mittendrin ein atemberaubend schönes Holzhaus", begeistert sich Katarzyna Drynkowska (40). "Das war wie ein Ruf aus einer anderen Zeit."

"Mach was draus!"

Ihr Mann Michal (55) lässt den Blick durch das ganz im russischen Empire-Stil gehaltene Restaurant schweifen: "Mir ging es genauso. Hinter dem Bahnhof lagen noch die Gleise, darauf ein vergessener Wagon. Dann entdeckten wir noch einen Wasserturm, weitere Holzgebäude. In einem der Häuschen wohnte noch der ehemalige Pumpenwärter. Der flüsterte mir ins Ohr: ,Kauf den Bahnhof! Mach etwas draus!'"

Doch obwohl die Drynkowskis - sie Diplom-Betriebswirtin aus Posen, er studierter Landwirt aus Warschau - immer davon geträumt hatten, von Warschau aufs Land zu ziehen, war die konkrete Aussicht auf ein Dorf an der Grenze zu Weißrussland gewöhnungsbedürftig. Aleksander, der zwölfjährige Sohn, war zunächst nicht begeistert. Von Gastronomie und Tourismus hatten weder Michal noch Katarzyna eine Ahnung.

Helena Gwaj legt den Finger auf den Mund. Die zwei Wanderer, denen die lizenzierte Waldführerin den streng geschützten Teil des Bialowieza-Nationalparks zeigt, sollen sich auf die Geräusche konzentrieren. "Dieser Wald ist einzigartig in ganz Europa", schwärmt die 70-Jährige, "die polnischen Könige und russischen Zaren nutzen ihn als Jagdgebiet, schonten und schützten ihn aber auch. Ohne königliche Genehmigung kam niemand in den Wald."

So konnte sich über Jahrhunderte eine vom Menschen weitgehend unberührte Fauna und Flora entwickeln mit bis zu 50 Meter hohen Fichten, Eichen, Weißbuchen, Linden und Ahornriesen. Neben Wisenten leben hier auch Wildpferde, Wölfe, Luchse, Elche, seltene Käfer und Schmetterlinge.

Als die Rentnerin das Holztor zum streng geschützten Teil des Urwalds schließt, deutet sie auf die alten Backsteingebäude in der Ferne. "Die Kommunisten konnten die Erinnerung an die Zarenzeit nicht ganz auslöschen. Gott sei Dank haben sie nicht alles abgerissen. Aber als wir hörten, dass zwei Warschauer den stillgelegten Bahnhof in ein , Zaren-Restaurant' verwandeln wollten, haben wir uns doch an die Stirn getippt." Denn all die Jahre hätten sie sich ein bisschen geschämt, wenn die Rede auf Zar Alexander III. oder dessen Sohn Zar Nikolaus II. kam. " Ganz Polen hatte in der Teilungszeit unter den Zaren gelitten. Nur uns hier in Bialowieza ging es immer gut, wenn sie kamen."

Vor dem holzverkleideten Betonklotz, dem Museum des Nationalparks, zieht sie ein vergilbtes Foto aus der Tasche. "Früher stand hier das Zarenschloss mit über 120 Zimmern. Obwohl Zar Nikolaus nur alle drei Jahre mit der ganzen Familie zur Jagd und Sommerfrische nach Bialowieza kam, arbeiteten die ganze Zeit über Verwalter, Zimmermädchen und Stalljungen im Schloss und den Wirtschaftsgebäuden. Die Nazis haben das Schloss abgefackelt, aber wir hätten es wiederaufbauen können. Ende der 1950er-Jahre rissen die Kommunisten es aber aus ideologischen Gründen ab."

Salonwagen als Gästezimmer

Am späten Nachmittag taucht die Sonne den einstigen Zaren-Bahnhof in ein unwirkliches Licht. Katarzyna Drynkowska beaufsichtigt auf der Gleisanlage die letzten Arbeiten an den vier alten Salonwagen, die jetzt Gästezimmer sind. Im Restaurant dreht Michal an einem "antiken" Radio. Als das Wort Bialowieza fällt, stellt er die Frequenz genauer ein: "Die Wisente haben zu wenig Platz", stellt der Moderator fest und fragt: " Soll der Bialowieza-Urwald vergrößert werden?"

Als die Debatte zwischen Umweltschützern, Gemeindemitgliedern und Holzhändlern zu heiß wird, dreht Michal ab. "Da sind wir vor der Politik aus Warschau geflohen, und nun holt uns die Politik hier wieder ein." Er lacht: "Aber wenn Warschau entscheidet, das Naturschutzgebiet zu vergrößern, die Bahngleise bis nach Bialowieza instand zu setzen und bis nach St. Petersburg zu verlängern, sind wir dabei. Sofort!" (Gabriele Lesser aus Bialowieza, DER STANDARD, 26.06.2012)

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