Spitalsreform: "Auch gmahte Wiesen sind rutschig"

Interview25. Juni 2012, 18:47
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Gesundheitsstadträtin Wehsely rührt in Wiens Spitalslandschaft um. Die Elisabethinen sollen ab 2020 keine Akutbetten mehr haben

STANDARD: Sie waren maßgeblich daran beteiligt, die Gesundheitsreform auf den Weg zu bringen. Was wird sich dadurch konkret für die Wiener verändern?

Wehsely: Die Patienten sollen künftig konkret dort hinkommen, wo sie hinsollen, und nicht mit Kompetenzstreitereien belästigt werden. Ein gutes Beispiel ist das Dialysezentrum Donaustadt. Man hätte trefflich darüber streiten können, ob die Spitäler oder niedergelassene Ärzte dafür zuständig sind. Wie das ausgegangen wäre, weiß ich nicht. Nun teilen sich Stadt und Gebietskrankenkasse die Kosten, geführt wird es von den Barmherzigen Brüdern.

STANDARD: Was hat denn die Einsicht bei den Verhandlern bewirkt, dass sich etwas ändern muss? Ist es der finanzielle Druck?

Wehsely: Schon die Verantwortung, die alle gefühlt haben, die in dieser Arbeitsgruppe waren. Wir haben einen Teil des Weges hinter uns, jetzt geht es darum, die 15a-Vereinbarung über den Sommer zu erarbeiten. Ich bin optimistisch, aber es ist keine g'mahte Wiesen, und auch g'mahte Wiesen sind rutschig. Auf der anderen Seite will man es sich nicht mehr leisten, dass durch unterschiedliche Zuständigkeiten Geld verschwendet wird.

STANDARD: Wird der Erfolg der Reform letztlich nicht auch von den Sanktionen abhängen?

Wehsely: Die Sanktionen werden sicher ein harter Punkt in den Verhandlungen. Falls es keine Einigung auf einen gemeinsame Planung gibt, muss es eine Schiedsstelle geben. Aber die Stimmung unter den Landesräten und bei den Sozialversicherungen ist nicht, schauen wir, dass die Sanktionen nicht so stark sind, weil wir wollen uns eh nicht daran halten. Ich habe sehr darauf gedrungen, dass es Sanktionen geben muss. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass die gleich zur Anwendung kommen werden müssen.

STANDARD: In Wien soll es sogenannte Erstversorgungszentren geben, um die Ambulanzen zu entlasten. Wäre diese Idee ausbaufähig?

Wehsely: Erstversorgungszentren sind im Regionalen Strukturplan Gesundheit, den wir diese Woche beschließen, vorgesehen - vorgelagert bei allen großen Spitälern. Die Idee ist, dass nur Menschen ins Spital aufgenommen werden, die den stationären Bereich wirklich brauchen, und wir sehen bei ersten Versuchen, dass die stationären Aufenthalte zurückgehen. Ich bin nicht für den additiven Wandel zu haben, sprich: Alle Planstellen im niedergelassenen Bereich bleiben gleich, und wir bringen noch mehr Ärzte ins Spital. Es wird im niedergelassenen Bereich zu Veränderungen kommen müssen. Wenn ich die Ärztedichte im neunten Bezirk mit der im 21. Bezirk vergleiche, muss man sich etwas überlegen.

STANDARD: Bis 2030 wird die Zahl der städtischen Spitäler auf sieben reduziert. Wie werden Krankenhäuser andere Träger in diese Reform eingebunden?

Wehsely: Vorgesehen ist, von 10.500 Betten, die wir 2010 hatten, auf 9800 Betten in ganz Wien zu reduzieren - obwohl die Bevölkerung steigt. Das geht auf der einen Seite damit, dass man Pflegebetten aufbaut, aber auch die Abläufe werden geändert. Erstaufnahmezentren, neue Strukturen, keine Pavillonspitäler mehr. Wir haben natürlich auch das Hanuschspital (wird von der Gebietskrankenkasse betrieben, Anm.) und die Ordenskrankenhäuser eingebunden. Das Haus der Elisabethinen in der Landstraße wird künftig kein Akutspital mehr sein.

STANDARD: Was heißt das konkret?

Wehsely: Bei den Elisabethinen wird es 2020 null Akutbetten geben. Derzeit haben sie 135 Betten. Wir werden uns gemeinsam überlegen, ob man da ein Pflege- oder Rehabilitationszentrum einrichtet. Es ist wichtig, in allen Krankenhäusern noch genauer die Schwerpunktsetzung festzulegen. Zum Beispiel wird es zwischen dem Hanuschkrankenhaus und dem Göttlichen Heiland eine Kooperation bei der Urologie geben. Die Geburtshilfe vom Göttlichen Heiland kommt wiederum nach Sankt Josef.

STANDARD: Die Betten werden ja nicht nur reduziert, sie werden auch durch die ganze Stadt geschoben. Vor allem die Ärzte werfen der Politik immer vor, da würde am Reißbrett etwas entworfen, was nichts mit der Realität zu tun habe. Wir machen Sie Spitalsplanung?

Wehsely: Auf der einen Seite ist die Verteilung in der Stadt wesentlich, darum bauen wir das Krankenhaus Nord. Es gibt aber auch wissenschaftliche Grundlagen. Zum Beispiel macht es Sinn, dass man bei gewissen Operationen eine gewisse Fallzahl haben muss. Das ist gemeinsam mit der demografischen Entwicklung die Grundlage für die Planung der Leistungsentwicklung. Und dann muss man auch schauen, wie die bauliche Struktur ist. Natürlich ist es gescheit, eine Abteilung dort wegzunehmen, wo man irrsinnig viel investieren müsste.

STANDARD: Sie haben gesagt, durch die Gesundheitsreform werden Mauern niedergerissen. Trifft das auch auf die Mauern zwischen den Ländern zu, etwa zwischen Wien und Niederösterreich?

Wehsely: Wir arbeiten viel besser zusammen als früher, man könnte aber die Leistungsplanung besser abstimmen.

STANDARD: Wie kann man sich das vorstellen? Rufen Sie den niederösterreichischen Landesrat Wolfgang Sobotka an, um ihm zu sagen, ich baue ein riesiges Spital in Floridsdorf, wäre es nicht sinnvoll, wenn Sie Klosterneuburg verkleinern?

Wehsely: So ist es nicht, aber wir haben einen ähnlichen Zugang zu der Frage, wo Mauern sind, die da nicht unbedingt sein müssen. Und Landesrat Sobotka hat einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass die Gesundheitsreform dort ist, wo sie ist. Wir sind beim Spitalskonzept 2030 natürlich davon ausgegangen, dass der Anteil der Gastpatienten gleich bleibt - das sind derzeit 20 Prozent, 16 Prozent sind Niederösterreicher. Wer dafür zahlen soll, da sind wir uns nicht immer so einig.

STANDARD: Sie treten dafür ein, dass die Elektronische Gesundheitsakte rasch beschlossen wird. Die Ärzte sagen, das würde ihre Arbeitsbelastung deutlich steigern.

Wehsely: Elga muss natürlich so sein, dass es Arbeit spart und nicht Arbeit mit sich bringt. Ich halte das aber trotzdem für eine Schutzbehauptung - genauso, wie wenn die Ärztekammer ihre Ablehnung mit dem Datenschutz argumentiert. Da fehlen mir fast die Worte, und das ist selten der Fall. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 26.6.2012)

Sonja Wehsely (42), studierte Juristin, startete ihr rote Karriere in der Leopoldstadt. 2004 wurde sie Stadträtin für Integration, 2007 übernahm sie das Gesundheitsressort von Renate Brauner.

  • Stadträtin Wehsely hat viel zu sagen - nur beim Protest der Ärzte gegen ELGA fehlen ihr die Worte.
    foto: der standard/urban

    Stadträtin Wehsely hat viel zu sagen - nur beim Protest der Ärzte gegen ELGA fehlen ihr die Worte.

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