"Ohren nicht vor mehrsprachiger Realität verschließen"

Interview27. Juni 2012, 09:00
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Mehrsprachigkeit solle nicht nur ihren Platz haben, ist Thomas Fritz überzeugt, sondern genutzt und zelebriert werden

STANDARD: Was bedeutet Mehrsprachigkeit für Sie?

Thomas Fritz: Für mich ist sie der Normalfall, bis auf ein paar Inseln, wo sie noch nicht wahrgenommen wird, unter anderem gehört da der Sprachunterricht dazu. Auch dort sollte sie zum Normalfall und auch verwendet werden.

STANDARD: Dass die Förderung der Muttersprache bei Kindern wesentlich ist, um eine weitere Sprache gut zu erlernen, wird heute von kaum jemandem mehr bezweifelt. Wie sieht es bei Erwachsenen aus? Welche Rolle spielt da die Muttersprache beim Lernen der Zweitsprache?

Fritz: Die Muttersprache - oder Erstsprache - ist immer die Basis, auf der die neue Sprache aufgebaut wird. Das heißt, die Strukturen der Erstsprache werden dafür verwendet, um die neue Sprache zu verstehen. Bei Erwachsenen ist es meistens aber nicht nur eine Muttersprache, oft sind es mehrere Erstsprachen. Speziell bei Leuten, die aus dem afrikanischen Raum kommen, sind es oft vier oder fünf Sprachen, die sie nach Österreich mitnehmen. Mit denen können sie dann vergleichen, Parallelen ziehen und Unterschiede zum Deutschen sehen.

STANDARD: Findet man das Thema Mehrsprachigkeit in den Lehrunterlagen, die derzeit für Deutschkurse mit Erwachsenen verwendet werden?

Fritz: Wenig bis gar nicht. Es wird ja immer davon ausgegangen, dass man Deutsch lernt. Es gibt ja auch diesen Druck, Deutsch zu lernen und alles andere zu vergessen. Die Leute werden nicht darüber definiert, dass sie schon fünf Sprachen beherrschen, sondern dass sie nicht Deutsch können.

STANDARD: Warum halten Sie es für wichtig, die Mehrsprachigkeit in den Sprachunterricht zu integrieren?

Fritz: Es geht nicht nur darum, Deutsch zu lernen. Es geht auch darum, die Mehrsprachigkeit auszunutzen und zu zelebrieren. Man sollte sie sichtbar machen und schätzen, das ist psychologisch für die Leute sehr wichtig, denn das motiviert. Und Motivation ist ein ganz wesentlicher Faktor beim Lernen.

STANDARD: Wie können die Erstsprachen der Menschen im Deutschkurs konkret beim Deutschlernen helfen?

Fritz: In dem Praktikumskurs, den ich gerade leite, hat die Gruppe der Lernenden zu einem großen Teil Englisch als Lingua franca, und die Leute verwenden sie zum Klären von Inhalten und besprechen, wie die Übung geht, die sie gerade machen müssen. Dann gibt es noch Menschen aus Georgien und China, Usbekistan und Afghanistan. Für sie ist Englisch vollkommen uninteressant, die klären das in anderen Sprachen. Deutsch ist für alle das Ziel und gleichzeitig das Werkzeug, aber eigentlich das schlechteste Werkzeug, das sie haben. Wenn ich Deutsch erst lerne, ist es die Sprache, mit der ich die größten Kommunikationsprobleme habe. Und sie als einziges Mittel einzusetzen ist in Wahrheit verrückt.

STANDARD: Welche Verantwortung tragen die österreichischen Institutionen, die Lehrpersonen für die Deutschkurse für Erwachsene ausbilden?

Fritz: Ich glaube, dass die Ausbildung derjenigen, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten, immer eine Ausbildung zu Mehrsprachigkeitsunterricht sein sollte. Möglicherweise heißen diese Kurse auch irgendwann einmal nicht mehr Deutsch als Zweitsprache, sondern Mehrsprachigkeitsunterricht. Das wäre meine Vision. Das richtet sich aber keinesfalls gegen das Deutschlernen, ganz im Gegenteil.

STANDARD: Kann ein Mehrsprachigkeitsunterricht genauso effektiv sein wie der herkömmliche Unterricht? Besteht nicht die Gefahr, das erklärte Ziel, nämlich rasch Deutsch zu lernen, aus den Augen zu verlieren?

Fritz: Ich glaube, dieser Unterricht wird viel effektiver sein. Für mich ist der psychologische Aspekt ganz wichtig. Wenn ich fünf Sprachen spreche, in ein anderes Land kommen, und plötzlich gilt keine von diesen fünf Sprachen mehr, dann ist das sehr demotivierend. Jedenfalls heißt Mehrsprachenunterricht nicht, dass Deutsch nicht mehr vorkommt, sondern dass die Erstsprachen der Leute zugelassen werden. Wir leben in einer mehrsprachigen Realität, davor die Ohren zu verschließen ist naiv.

STANDARD: Das Deutsche verfügt ja auch über eine innere Mehrsprachigkeit. Wie sinnvoll ist es, die Lernenden im Unterricht auch mit österreichischen Dialekten zu konfrontieren?

Fritz: Ich glaube, die Umgangssprache des Umfeldes muss auf jeden Fall vorkommen. Wenn jemand in Wien lebt, muss er oder sie auch das Deutsch verstehen lernen, das hier gesprochen wird. Wenn man mit Leuten redet, die nach Österreich kommen und vorher schon ein paar Jahre lang Deutsch gelernt haben, lautet oft der erste Satz: "Ich habe sechs Jahre Deutsch studiert und habe in Wien nichts verstanden." Das darf jemanden, der in Wien Deutsch lernt, nicht passieren. (Jasmin Al-Kattib, DER STANDARD, 26.6.2012)

Thomas Fritz (54) ist Leiter des lernraum.wien der Wiener Volkshochschulen und Lektor am Institut für Germanistik der Universität Wien. In seiner Projekt-, Lehr- und internationalen Vortragstätigkeit befasst er sich mit den Themenschwerpunkten Mehrsprachigkeit, Sprachenpolitik, Didaktik und Methodik des Zweitsprachenunterrichts.

  • Thomas Fritz' Vision ist, dass sich aus dem Unterrichtsfach "Deutsch als 
Zweitsprache" ein echter Mehrsprachigkeitsunterricht 
entwickelt.
    foto: richard kromp

    Thomas Fritz' Vision ist, dass sich aus dem Unterrichtsfach "Deutsch als Zweitsprache" ein echter Mehrsprachigkeitsunterricht entwickelt.

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