Einfach mehrsprachig

Reportage25. Juni 2012, 19:09
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In den Wiener Volksschulen werden dutzende Sprachen gesprochen. Ein Projekt der multilingualen Alphabetisierung greift die gelebte Mehrsprachigkeit auf dem Schulhof auf, Fähigkeiten sollen nicht verlorengehen

Wien - Während Viktoria* das Wortkärtchen für "Weg" unter die Zeichnung legt, fragt die Muttersprachelehrerin Tomislava Gičulović: "A kako se kaže na našem jeziku?". Mehrere Kinder zeigen eifrig auf. "Put", sagt Marko und sucht die Wortkarte heraus. "Habt ihr vielleicht zu Hause auch einen anderen Ausdruck für "put" gehört?" Nach einigen Versuchen einigt man sich auf "cesta".

Anschließend wird die gleiche Prozedur mithilfe der Lehrerin Fatma Sürmeli auch auf Türkisch wiederholt. Doch dabei bleibt es nicht. Die Klassenlehrerin der 1B lässt die einzelnen Schüler das Wort "Weg" auch noch in Rumänisch, Bulgarisch, Englisch, Polnisch, Arabisch und Tschetschenisch wiederholen. Das ist der übliche Ablauf einer Sachunterrichtsstunde in den ersten zwei Schulstufen der Volksschule Brüßlgasse im 16. Wiener Gemeindebezirk.

Die Brüßlgasse 18 ist eine von zehn Wiener Volksschulen, in denen das Projekt der mehrsprachigen Alphabetisierung durchgeführt wird. Seit drei Jahren erlernen die Taferlklassler hier die Buchstaben parallel in Deutsch und in ihrer Muttersprache. In der zweiten Klasse erweitern sie im Mathematik- und Sachunterricht den Wortschatz multilingual.

Das Projekt der muttersprachlichen Alphabetisierung gehört in den Rahmen des Muttersprachenunterrichts, erklärt Manfred Pintarits vom Sprachförderzentrum Wien, zuständig für die Koordination des Deutschförderunterrichts und des muttersprachlichen Unterrichts in Wiener Schulen. Das Sprachförderzentrum stellt auch standardisiertes Material zur Verfügung, das die Lehrerinnen in der Brüßlgasse in ihrem multilingualen Unterricht verwenden.

Zwölf Sprachen in einer Klasse

Neben den Wortkärtchen für den Sachunterricht stapeln sich im Lehrerzimmer auch unterschiedliche Kinderwörterbücher. Eines davon nimmt Fatma Sürmeli in der zweiten Stunde in die 1A mit. Dort sitzt auch ein arabischsprechendes Mädchen im Kreis ihrer Mitschüler und bringt seine Sprachkenntnisse mit ein. Die Lehrerinnen versuchen immer, so viele Kinder wie möglich in ihrer Muttersprache zu Wort kommen zu lassen. In der 1B sind es insgesamt zwölf Sprachen. "Die Kinder kommen darauf, dass sich viele Ausdrücke sehr ähneln. Das begeistert sie sehr", erzählt Tomislava Gičulović.

Knapp 50 Prozent aller Wiener Volkschüler verwenden im Alltag zusätzlich zu Deutsch auch eine andere Sprache. In einigen Schulen, die in typischen Migrantenbezirken liegen, gibt es Klassen, in denen zu 100 Prozent Kinder sitzen, die von zu Hause eine andere Sprache mitbringen. Dieses Potenzial soll nicht mit dem Schuleintritt verlorengehen. Anstatt die Kinder mit der Alphabetisierung in einer Sprache, die sie unter Umständen nur sehr mangelhaft beherrschen, zu konfrontieren, wird auf Kenntnissen aus dem Elternhaus aufgebaut.

In der Brüßlgasse sind die ersten Ergebnisse schon sichtbar. "Unsere Klassenlehrer, die jahrelange Erfahrung mit sehr bunt gemischten Klassen haben, sagen uns jetzt schon, dass die Kinder, die am Projekt der muttersprachlichen Alphabetisierung teilnehmen, viel schneller das Lesen erlernen", erzählt Schuldirektorin Elisabeth Kutzer. Unterrichtssprache bleibt Deutsch, das wird den Eltern bei der Einschulung auch ausdrücklich kommuniziert. "Wir versuchen aber auch zu erklären, welche Vorteile es hat, wenn die Kinder ihre Muttersprache verbessern und mit vielen anderen Sprachen in Berührung kommen", betont Direktorin Kutzer.

Serbisch und Romanes

Wie das aussehen kann, zeigen an diesem Morgen auch die Schüler der 1A. Zwar werden hier weniger Sprachen gesprochen als in der 1B, aber dafür sitzen in der Klasse Kinder, deren Eltern aus Serbien stammen, zu Hause aber Romanes sprechen. Sie erkennen einige Wörter im Serbischen, bringen die eigenen Romanes-Kenntnisse ein, und als das türkische Vokabel für " Decke" dran ist, sagt Alexander, das habe er be- reits von seinen türkischen Freunden im Hof gehört.

Ein solcher Unterricht ist eine logische Fortsetzung der mehrsprachigen Alltagswirklichkeit der Volksschüler, sagen die meisten Sprachwissenschafter. Ihre gelebte Mehrsprachigkeit werde integriert und ausgebaut. Erste konkrete Evaluierungsergebnisse des Projekts sind für den kommenden Herbst zu erwarten. (Olivera Stajić, daSTANDARD, 26. Juni 2012)

Dieser Essay ist in Rahmen der Spezialbeilage daSTANDARD entstanden. Diese Woche können Sie weitere Geschichten aus der Beilage nachlesen.

  • In der 1A der Volksschule Brüßlgasse wird multilingual unterrichtet.
    foto: standard / christian fischer

    In der 1A der Volksschule Brüßlgasse wird multilingual unterrichtet.

  • Das Vokabular wird dreisprachig erarbeitet.
    foto: standard / christian fischer

    Das Vokabular wird dreisprachig erarbeitet.

  • Das ist ein Weg: Viersprachige Lehrmittel in der Volksschule.
    foto: standard / christian fischer

    Das ist ein Weg: Viersprachige Lehrmittel in der Volksschule.

  • Kinderwörterbuch Deutsch-Türkisch
    foto: standard / christian fischer

    Kinderwörterbuch Deutsch-Türkisch

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