"Wien lässt einen angenehm in Ruhe"

Ljubiša Tošić
25. Juni 2012, 17:20
  • Gitarrist und jetzt auch Sänger: Wolfgang Muthspiel.
    foto: apa/roland schlager

    Gitarrist und jetzt auch Sänger: Wolfgang Muthspiel.

Ein Gespräch mit Gitarrist Wolfgang Muthspiel, der sich beim Jazzfest Wien als Sänger präsentiert

Wien - Es gab Solokonzerte, bei denen Wolfgang Muthspiel en passant die instrumentale Version eines Beatles-Songs einstreute. Und auch manche Komposition des international als Gitarrist geschätzten Steirers wirkte mitunter wie ein Lied ohne Worte, dessen Umsetzung zwar ausschließlich mit Saitenmitteln erfolgte. Die Entfaltung improvisatorischer Fähigkeiten stand jedoch nicht im Vordergrund.

Insofern konnte man schon länger vermuten, dass in der Ideenwelt des Vielseitigen, der auch noch sein eigenes CD-Label betreibt (material records), abseits des mitunter komplex-virtuosen Jazz etwas Poppiges vor sich hinschlummerte. Dennoch, das ist jetzt schon eine ziemliche Volte. Mit "vienna naked" ist Muthspiel unter die Singer/Songwriter gegangen.

Unwichtige Komplexität

Und siehe da: Die Stimme des Neosängers hat durchaus ein gewisses Etwas. In den folkigen Popsongs, die zuweilen mit souligen Refrains munter werden ("Another Round") und wohl bei "vanilla & champagne" zu ihrer Bestform auflaufen, ist sie ein tragfähiges und respektables "Instrument" des Ausdrucks, dem bisweilen ausgiebige, allerdings diskret-malerische Gitarrenintros vorausgehen.

Komplexität steht nicht im Vordergrund: "Die Songs sind relativ einfach gehalten. In der Zeit, als sie entstanden, hatte ich allerdings wenig konzeptuelle Klarheit." Muthspiel schrieb, "ohne groß nachzudenken, wohin sich das ästhetisch hinentwickeln würde. Aber natürlich: In gewisser Weise habe ich versucht, so lange wie möglich naiv zu bleiben. Ich wollte auf jeden Fall vermeiden, die Lieder durch mein Gitarrenspiel zu retten."

Die kleine Vorgeschichte: "Vor eineinhalb Jahren kam so eine Welle von Songs, und ich ging dann zu einer Gesangslehrerin. Selbst zu singen ist für einen Instrumentalisten schon ein ziemlicher Schritt: Man hat nicht mehr diese Spielfertigkeit zur Verfügung, die beim Instrument immer da ist. Man ist ungeschützt, kann nicht mit technischem Können punkten. Sicher singst du als Jazzmusiker immer, wenn du irgendwelche Lines für das Instrument schreibst."

Jedoch, so richtig vors Mikro "gehen und quasi Zentrum eines Songs sein, das ist dann doch etwas Neues. Das Ganze ist durch die Texte auch ein Schritt ins Private. Eines gewissen Mutes bedurfte es schon." Vor seinem Auftritt beim Jazzfest Wien hat Muthspiel im Trio die neuen Songs live ausprobiert, und "die Atmosphäre des Repertoires scheint anzukommen. Man wird auch sehen, in welche Richtung sich das live entwickelt." Schließlich ist man doch Jazzmusiker; und das heißt, sich im Konzert einige Freiheiten zu nehmen.

Übrigens wird noch weiter gelernt: "Ich freue mich jedes Mal auf die Gesangsstunde. Meine Lehrerin ist eine Dame, die aus der Klassik kommt, die Stimme aber relativ stilfrei herausholt. Singenlernen war und ist ein ganzkörperlicher Prozess. Jedes Mal bedeutet es aber auch eine extrem tolle, erholsame Zeit. Man ist belebt, ich übe, wann immer es möglich ist. Auf Tourneen ist das natürlich nicht immer einfach, aber ich belästige meine Hotelzimmernachbarn durchaus mit meinen Gesangsübungen."

Ruhige Donaustadt

Ach ja, Wien. Was immer Sesshaftigkeit für einen Musiker bedeutet, der international tätig ist, die Donaustadt wurde für Muthspiel zu einem Ruhepunkt. Die Stadt findet sich denn auch im Titel der CD: "Ich lebe hier seit zehn Jahren. Und ich denke mir, vielleicht ist das Tolle an Wien, dass man von dieser Stadt - auf gute Art und Weise - in Ruhe gelassen wird." Mit anderen Worten: "Es ist ein guter Ort für Künstler, in dem Sinne, dass man ohne viel Infos von außen etwas machen kann. New York ist anders. Da kommen ständig Impulse." Wenn man sowieso gerne arbeitet, sei "Wien gut", so Muthspiel. "Wenn man viele Eindrücke von außen braucht, ist Wien vielleicht die falsche Stadt." (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 26.6.2012)

30. Juni, WUK, 21 Uhr

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8 Postings
nunja.

Vieles von Muthspiel finde ich ausgezeichnet, und dass er ein Ausnahmegitarrist ist, der sich lobenswerterweise immer für neue musikalische Territorieren interessiert, ist natürlich auch außer Frage. Gerade "Daily Mirror" empfand ich als tolles Album mit fantastischer Songschreiberei ("Nowhere" sticht da z.B. heraus).

Sänger ist Muthspiel allerdings genauso wenig wie Texter, und der überkandidelte Habitus der Promo-Videos ging mir, auch als WM-Gutfinder, ein wenig auf die Nerven. Verzeihen Sie die Subjektivität.

claro

heisst er doch Muthspiel und nicht Muthsing!

Habe die CD jetzt seit einigen Wochen immer wieder gehört, und meine Meinung dazu ist nachwievor zwiespältig. Kompositorisch und gitarristisch gibts ja nix zu meckern - gerade als Begleiter hat WM oft seine besten Momente, aber die Stimme ist doch etwas gewöhnungsbedürftig. Sosehr ich den Mut bewundere, den Gesangspart selbst zu übernehmen, stelle ich mir doch gelegentlich vor wie die Stücke klingen würden, wenn sie jemand mit einer ausdrucksvolleren, kantigeren Stimme singen würde...

man muss ja nicht gleich an die duoaufnahmen mit rebekka bakken denken, die waren wirklich top!
aber: hab die cd in den "spielräumen" gehört, ein grosser sänger ist/wird er nicht. aber respekt, dass er sich traut.

Die duoaufnahmen mit bakken waren wirklich gut !
Aber bakken wollte ja superstar werden - ist nun todlangweilig !!!!

Die duoaufnahmen mit bakken waren wirklich gut !
Aber bakken wollte ja superstar werden - ist nun todlangweilig !!!!

Die duoaufnahmen mit bakken waren wirklich gut ?
Aber bakken wollte ja superstar werden - ist nun todlangweilig ?

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