"The Amazing Spider-Man": Ein Superheld fängt noch einmal von vorn an

25. Juni 2012, 17:13
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50 Jahre nach seiner Geburt als Comic-Held feiert "The Amazing Spider-Man" im Kino eine Neuauflage. In der Titelrolle überzeugt der britische Schauspieler Andrew Garfield aufs Charmanteste

Wien - Peter Parker, ein eigenbrötlerischer US-Oberschüler, wird von einer mutierten Spinne gebissen. Das verleiht ihm außergewöhnliche Fähigkeiten. Zum ersten Mal machte der von Stan Lee und Steve Ditko erdachte Comicheld diese Erfahrung 1962 - fünfzig Jahre später beginnt die Geschichte unter dem Originaltitel "The Amazing Spider-Man" im Kino von Neuem. Dabei ist es gerade einmal zehn Jahre her, dass Sam Raimi mit "Spider-Man" eine Leinwandversion glückte, die popkulturelle Kredibilität hatte und gleichzeitig als Blockbuster funktionierte. An dieser Fassung muss sich der neue Film nun ebenso messen wie an jenen Superhelden-Kollegen, die aktuell sonst noch die Kinos besetzen.

Der Vergleich fällt in jedem Fall zufriedenstellend aus: "The Amazing Spider-Man" setzt sich schon mit den ersten Szenen geschickt von seinem Vorgänger ab. Ein kleiner Bub sieht sich darin mit seltsamen Vorgängen konfrontiert. Seine Eltern reißen ihn eines Nachts atemlos aus der gewohnten Umgebung. Sie bringen ihn bei Verwandten unter. Einige Jahre später ist klar, dass die überstürzte Trennung von Vater und Mutter endgültig war. Aus dem scheuen Kind Peter Parker ist ein schlaksiger Teenager geworden. Der gleitet auf dem Skateboard durch die Gänge seiner High School und betrachtet das Leben am liebsten durch den Sucher seines Fotoapparats.

Sein Herz hat er an seine Mitschülerin Gwen Stacy verloren. Die ersten vorsichtigen Annäherungsversuche werden aber bald von einem anderen Interesse durchkreuzt: Auf der Suche nach seiner Herkunft gerät Peter Parker in jenes Versuchslabor, in dem Gwen nebenbei volontiert und wo feingliedrige Spinnen schimmernde Wunderfäden weben. Eines dieser Tierchen verfängt sich in Peter Parkers Kragen. Nachdem es zugebissen hat, beginnt die Transformation des jungen Skater-Nerds in einen Nachwuchssuperhelden.

Superheld mit viel Gefühl

"The Amazing Spider-Man" hat von der Raimi-Serie also klugerweise den Hang zum großen Gefühl - und zum noch größeren Gefühlskonflikt - übernommen. Das unterscheidet ihn schon einmal aufs Angenehmste von den "Avengers", die vor allem mit Spektakel punkten wollen. "The Amazing Spider-Man" dosiert Action und spektakuläre Ausstattungs- und Tricksequenzen - eine besonders schöne lässt Autos an Spinnenfäden wie blinkenden Weihnachtsschmuck von der Seite der Brooklyn Bridge baumeln.

Im Vordergrund steht jenes moralische Dilemma, das jeden Neo-Superhelden umtreibt: Wie sind die ungeahnten Fähigkeiten einzusetzen und zu wessen Nutzen? Und es geht um die Entwicklung von Charakteren. Dazu passt die Verpflichtung des Regisseurs Marc Webb, der sich mit der romantischen Indie-Komödie "(500) Days of Summer" empfohlen hat. Als Hauptdarsteller hat Sony den 28-jährigen Briten Andrew Garfield engagiert, der etwa in David Finchers "Social Network" als geschasster Partner von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg überzeugte und für die TV-Verfilmung von David Peaces "Red Riding"-Trilogie vor der Kamera stand. In seiner jüngsten Rolle erweist sich Garfield nun als hervorragender Darsteller jugendlicher Verlegen- wie Verwegenheit. Sein Peter Parker ist lässiger, geschmeidiger und eine Spur skrupelloser als der von Vorgänger Tobey Maguire.

Jede Menge Charakterköpfe

Parkers weibliches Gegenüber verkörpert Nachwuchshoffnung Emma Stone dagegen vergleichsweise farblos. Dafür bietet "The Amazing Spider-Man" rund um dieses zentrale Gespann jede Menge Charakterköpfe auf: Martin Sheen und Sally Field als Onkel und Tante des Helden; Rhys Ifans als einstiger Partner von Papa Parker, Denis Leary als Polizeichef Stacy - oder Stan Lee im Gastauftritt.

Seine Herkunft als Comic sieht man dem fantastischen Spider-Man diesmal dafür weniger deutlich an. Ein emblematisches Bild wie jenes vom ersten Kuss Peter Parkers (Maguire hing dabei kopfüber vorm Gesicht von Kirsten Dunst) wird hier nicht generiert. Dass sich der Spinnenmann nun zusätzlich auch in 3-D durch die New Yorker Straßenschluchten schwingt, ergibt keinen wesentlichen Mehrwert.

Den ganzen Film über wird Peter Parker übrigens in einen paternalistischen Schuld-Diskurs eingesponnen. Aber an entscheidender Stelle spricht Tante May dann ein Machtwort. Nicht nur deshalb ist "The Amazing Spider-Man" eindeutig der Mädchenfilm im Blockbuster-Line-up dieses Sommers. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 26.6.2012)

Ab Donnerstag im Kino.

  • Nach dem Nackenbiss der Spinne steht Peter Parkers Welt erst einmal Kopf: Andrew Garfield als "The Amazing Spider-Man" im Kino-Neustart der erfolgreichen Comic-Serie.
    foto: sony pictures

    Nach dem Nackenbiss der Spinne steht Peter Parkers Welt erst einmal Kopf: Andrew Garfield als "The Amazing Spider-Man" im Kino-Neustart der erfolgreichen Comic-Serie.

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