Sozialverträgliche Biomasse

  • Seit 1. April sind sechs Männer beim "Sozialen Biomassehof Raabtal" beschäftigt.
    foto: sobio

    Seit 1. April sind sechs Männer beim "Sozialen Biomassehof Raabtal" beschäftigt.

Am 7. und 8. Juli wird der erste "Soziale Biomassehof" Österreichs in St. Margarethen an der Raab eröffnet - Ein Projekt, das beim Wiedereinstieg in den primären Arbeitsmarkt helfen soll

Im Vorjahr waren knapp 153.000 Menschen länger als 180 Tage ohne Beschäftigung, was etwa einem Fünftel der vom AMS erfassten Personen entspricht. Die Wahrscheinlichkeit, langzeitarbeitslos zu werden, steigt besonders mit dem Alter, denn nur vier Prozent der als arbeitslos gemeldeten Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter 25 Jahren waren davon betroffen, aber fast 28 Prozent der über 45-Jährigen. Die Auswirkungen dieser prekären Lebensbedingungen sind vielschichtig und bedeuten in der Regel zunehmende soziale Isolation, Verringerung des Selbstwerts, ein Verlust von Strukturen, die den Tagesablauf bestimmen sowie eine Verschärfung der finanziellen Situation.

Gründe für Langzeitarbeitslosigkeit

Ein regionales Projekt, das speziell für arbeitsmarktferne Personen geschaffen wurde, ist der "Soziale Biomassehof Raabtal" in der Oststeiermark. Insgesamt sechs Männer, die nach mehr als eineinhalb Jahren Beschäftigungslosigkeit wieder in der Arbeitswelt Fuß fassen wollen, sind hier seit dem 1. April 2012 beschäftigt. Ihre Lebensgeschichten unterscheiden sich prinzipiell nicht besonders von denen anderer Menschen, aber häufig ließ die Summe mehrerer tragischer, zeitnaher Ereignisse die Rechnung auf ein glückliches und zufriedenes Leben nicht aufgehen. "Burn-Out, Krankheit, psychische Probleme, Scheidung, fehlender Kontakt zu den Kindern, Schulden oder Alkoholismus sind Gründe, warum die Lebenskurve dieser Menschen plötzlich nach unten gezeigt hat", erklärt Michael Schellauf, gelernter Sozialpädagoge und Forstarbeiter, der für die Schulung sowie Koordination der sechs neuen Mitarbeiter zuständig ist.

"Wir spielen nicht Arbeit"

Der neue Arbeitsalltag gibt strenge Strukturen vor. Begonnen wird üblicherweise um sieben Uhr morgens. "An heißen Sommertagen trifft sich die Mannschaft wegen der drohenden Hitze bereits um sechs in der Früh", erläutert Schellauf. Nach der Lagebesprechung, in der die Arbeitsgruppen eingeteilt und die aktuellen Aufträge durchgegangen werden, machen sich die Männer an ihre Aufgaben. Dabei handelt es sich keineswegs um das Üben des Ernstfalls. "Wir spielen nicht Arbeit, sondern das ist echte, mitunter sehr harte Arbeit" betont der Sozialpädagoge. Das Produzieren von Scheitholz und Hackgut zählt zu den Kernaufgaben, ebenso Aufforstungsarbeiten, Landschaftspflege und der Kampf gegen die Borkenkäfer. Sollte die Witterung schlecht sein, wird der Arbeitsplatz im Freien in die eigenen Werkstätten im Biomassehof verlegt, wo es an die Fertigung rustikaler Staketenzäune und Hochbeete aus heimischem Lärchenholz geht. "Das Seniorenheim hat bereits einige dieser Hochbeete geordert, denn damit kann sogar im Rollstuhl der Gartenarbeit nachgegangen werden", freut sich Schellauf über den Neukunden.

Der Körper muss mitspielen

Das sozialökonomische Angebot richtet sich in erster Linie an Menschen, die länger als 18 Monate arbeitslos gemeldet sind. Nach einer Bewerbung bei einer der Regionalstellen des AMS folgt ein Gespräch mit der Sozialpädagogin des Biomassehofs. "Vorkenntnisse in der Forstarbeit sind nicht notwendig, in erster Linie zählt zunächst einmal der Wille und die Bereitschaft etwas Neues zu erlernen", erläutert Projektleiter Armin Bostjančič das Grundkonzept. Bezahlt werden die Mitarbeiter zu zwei Drittel vom AMS, der Rest wird durch die Arbeit am Biomassehof quasi selbst erwirtschaftet. Eine 14-tägige Probezeit hilft beiden Seiten zu klären, ob die Zusammenarbeit um weitere neun Monate Sinn macht. "Wir haben es schließlich mit Menschen zu tun, die eine längere, meist unfreiwillige Arbeitspause hinter sich haben und die zunächst einmal rausfinden müssen, ob sie körperlich überhaupt in der Lage sind diese Arbeit zu bewältigen", so das Resümee von Michael Schellauf.

Erste konkrete Angebote

Nach erfolgreich absolvierter Probezeit folgen Schulungen, in denen die Handhabung der Arbeitsgeräte - wie der Motorsäge - erlernt werden. Ziel ist es, die Mitarbeiter in diesen neun Monaten möglichst individuell auf die Geburt in eine neue Arbeitswelt vorzubereiten, so dass sie dort erfolgreich reüssieren können. Das Credo von Schellauf lautet dabei: "Grundsätzlich kann jeder jede Maschine bedienen und sich in jeder Arbeit versuchen, aber bei einem jungen Mann, der stark wie der Teufel ist, werde ich ganz woanders ansetzen als bei einem 57-jährigen Menschen mit Rückenproblemen". In so einem Fall wird der Schwerpunkt wohl primär im Bereich der Landschaftspflege liegen, wo der Fokus weniger stark im körperlichen Krafteinsatz liegt.

Für die derzeitige Mannschaft scheinen sich nach Aussagen von Martin Schellauf die ersten Erfolge abzuzeichnen, "denn wir haben jetzt schon die erste Nachfragen von Sägewerken und Forstbetrieben, wo unsere Leute nach den neun Monaten unterkommen können". (Günther Brandstetter, derStandard.at, 26.6.2012)

Service
Am 7. und 8. Juli erfolgt die offizielle Eröffnung des "Sozialen Biomassehofs Raabtal" mit einem umfangreichen Rahmenprogramm sowie einem kostenlosen Shuttle-Dienst vom Bahnhof Takern/St. Margarethen.

Link
www.sobio.net

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