"Die Presse" als Papst-Postille

  • Wenn sich im "Presse"-Kommentar tatsächlich alle wichtigen Argumente finden, die ein Kircheninsider zur Beschönigung der aktuellen Papst-Krise aufbringen kann, dann sieht es mit der Verteidigungslinie ziemlich traurig aus.
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    Wenn sich im "Presse"-Kommentar tatsächlich alle wichtigen Argumente finden, die ein Kircheninsider zur Beschönigung der aktuellen Papst-Krise aufbringen kann, dann sieht es mit der Verteidigungslinie ziemlich traurig aus.

Eine Unterstützung päpstlicher Positionen ist in den Kommentaren unabhängiger Zeitungen selten geworden. Haben sich die meisten Journalisten gegen den Vatikan verschworen? Oder gibt es tatsächlich zu wenige Argumente, um die römisch-katholische Kirchenleitung in Schutz zu nehmen?

Vergangene Woche versuchte sich "Die Presse" in einer ausführlichen Apologie des Pontifex maximus ("Was soll der Papst sein? 'Raben' wollen mehr als nur Indiskretion", 18.6.2012). Mit Hans Winkler griff dabei ein regelmäßiger Kommentator zur Feder, dem man eine umfassende Bewertung zutrauen kann - immerhin war er auch sechs Jahre lang Vorsitzender des Verbandes der Katholischen Publizisten.

Schauen wir uns an, was er an Argumenten zu liefern hat:

Als Ausgangspunkt wählt er die "Vatileaks"-Affäre rund um das Zuspielen von Papieren des päpstlichen Schreibtisches an Medien - ein Delikt, das er zunächst als harmlos darstellt: "Über den Tisch eines wichtigen Mannes wie des Papstes geht vieles, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist, ohne dass man gleich von 'Geheimhaltung' reden muss. Dass Briefe und persönliche Mitteilungen, Redeunterlagen und Aktennotizen bei dem bleiben, an den sie gerichtet sind, ist die Grundlage jedes Vertrauens."

Wenn es nur um Vertrauensbruch geht, bleibt allerdings die Frage offen, warum der Verdächtigte nun schon mehrere Wochen in Untersuchungshaft sitzt; ein bloßer Hinauswurf hätte auch gereicht.

So landete Winkler dann doch folgerichtig beim Problemkreis der Vatikanbank, dem Istituto per le opere religiose (IOR). Auch hier versucht sich Winkler zunächst in einer Verniedlichung: "Wie sein Name sagt, ist es weniger eine Bank - mit einer Bilanzsumme von 5 Milliarden Euro übrigens ein sehr kleines Institut -, sondern eine Überweisungsstelle von Hilfsgeldern an Kirchen und kirchliche Einrichtungen rund um die Welt. Die Mehrheit der Ortskirchen ist ja arm und auf Hilfe aus Rom und den wohlhabenden Ländern angewiesen."

An dieser Stelle argumentiert der "Presse"-Kolumnist leider unter seinem journalistischen Niveau. Ein kleiner Anruf bei der Caritas hätte ihm Gewissheit gebracht, dass es genügend Bankinstitute gibt, mit denen man sicher Geld in arme Länder transferieren kann. Wo auch ein Raiffeisen-Institut das nicht mehr schafft, wird es auch eine Vatikanbank nicht mehr zustande bringen.

Auch ist bekannt, dass das IOR satt Gewinne abwirft, die nicht aus bloßer Überweisungstätigkeit stammen können. Vielleicht aber von finanzakrobatischen Haifischmethoden, die der Papst gern zu verurteilen pflegt.*

Dann setzt Winkler noch einen Schuss Robin-Hood-Romantik obendrauf: "Aus dieser Aufgabe erklären sich auch die Praktiken des Instituts, ein Aspekt, der bisher völlig untergegangen ist. In vielen Ländern wird die Kirche verfolgt. Zuweisungen müssen also oft an staatlichen Kontrollen und örtlichen Banken vorbeigeschleust werden. Daher gibt es viele intransparente Vorgänge, versteckte Konten und undurchsichtige Kontobewegungen."

So viel Naivität überschreitet die Schmerzgrenze. Dort, wo die Kirche verfolgt wird, kann gerade ein offizielles kirchliches Institut am wenigsten aktiv werden.

Noch abenteuerlicher werden die Rechtfertigungsthesen des ehemaligen Publizisten-Chefs, wenn er meint: "Das könnte auch von Anlegern missbraucht worden sein."

Sollte es einigen römischen Prälaten tatsächlich gelungen sein, eine bis dato unbekannte Konstruktion zu schaffen, mit der sie beispielsweise unerkannt in China, Nordkorea oder Syrien operieren können, gibt es überhaupt keinen Grund, diese Struktur für externe Anleger zu öffnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass mafiose Strukturen auch tatsächlich der Mafia dienen, ist daher sehr hoch.**

Eigentlich hätte dem "Presse"-Autor selbst schwanen müssen, dass diese Sache faul ist, wenn er auf einen Brief der vatikanischen Finanzaufsichtsbehörde hinweist, worin sich der zuständige Kardinal darüber beschwert, "dass das IOR sich weigere, verdächtige Bankbewegungen offenzulegen".

Hier wird nämlich deutlich, dass die Verschleierung nicht nur gegenüber der internationalen Bankenaufsicht vorgenommen worden ist, sondern auch gegenüber den kirchlichen Organen. Vielen ist in diesem Zusammenhang nicht bekannt, dass das IOR nicht die Staatsbank des Vatikans, sondern ein direkt dem Papst unterstelltes Institut ist.

Anstatt der Frage nachzugehen, warum gerade ein Papst, der für die "Entweltlichung der Kirche" (© Josef Ratzinger) eintritt, an einer derart undurchsichtig konstruierten Bank festhält, kommt die "Presse"-Analyse rasch und ohne Beleg zu der These: "Das eigentliche Ziel ist der Papst selbst. Es geht um die Bewertung seines Pontifikats und den Kurs, den er der Kirche gibt und zu geben versucht. "

Warum setzt man sich dem Vorwurf der Geldwäsche aus? Winkler ist das egal. Er behauptet lieber, die Wurzel aller Diskussionen liege im Angriff auf den Papst. Die "Presse"-Analyse schwenkt daher zum kritischen italienischen Vatikanisten Marco Politi, der dem Papst einige Entgleisungen vorwirft: die "Krise mit den Juden", die "Krise mit dem Islam", die "Krise wegen der Piusbrüder" und die "Krise mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft".

Dem hält Winkler entgegen: "In allen Fällen, die er aufzählt, hat der Papst nichts anderes getan, als die katholische Glaubenslehre zu definieren und auf allerhöchstem intellektuellen Niveau zu verteidigen ..." Jegliches Beispiel, wo hier "auf allerhöchstem intellektuellen Niveau" vom Papst "katholische Glaubenslehren verteidigt" worden wären, bleibt der "Presse"-Kommentar freilich schuldig.

Wir erinnern uns: Die Krise mit den Juden wurde durch die Rückholung des Holocaust-Leugners Williamson ausgelöst, womit auch der Piusbrüder-Schlamassel zusammenhängt. Ebenso durch eine neue Bekehrungsbitte für die Juden in der Karfreitagsliturgie nach altem Ritus. Die Krise mit dem Islam folgte auf ein abwertendes Zitat in der Regensburger Rede, für das der Papst anschließend sein Bedauern ausdrückte.

Mit all dem hat Benedikt XVI. nicht katholische Positionen gefestigt, sondern Irritationen in der eigenen Kirche erzeugt. Die Krise mit den Wissenschaften ergibt sich schließlich dort, wo der oberste Hirte meint, dass der Glaube den Naturgesetzen geradezu widersprechen müsse, zum Beispiel bei den Wunder-Prozessen rund um die Heiligsprechungen.

Wenn sich im "Presse"-Kommentar tatsächlich alle wichtigen Argumente finden sollten (Winkler wäre das zuzutrauen), die ein Kirchen-Insider zur Beschönigung der aktuellen Papst-Krise aufbringen kann, dann sieht es mit der Verteidigungslinie ziemlich traurig aus.

Vielleicht ist das auch Verständnis-Schlüssel dazu, warum diese Analyse so umfangreich ins Blatt gerückt wurde. Möglicherweise ist es nicht nur das Menschenrecht der Meinungsfreiheit, warum es ein inhaltlich so dünner Beitrag ins große Format der "Presse" schaffte. Der sonst so reformfreudige Chefredakteur Michael Fleischhacker operiert bekanntermaßen oft hintergründig. Er weiß wohl genau, dass es die schwach aufgestellte Verteidigung ist, die in einem Match die Niederlage bringt.

Gut denkbar, dass er, der auch ein paar Semester Theologie am Buckel hat, um der Kirchenreform willen sogar in Kauf nimmt, dass sein Medium als plumpe Papst-Postille dasteht.

PS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig.

* Schön belegt auch in Gianluigi Nuzzis Buch "Die Vatikan AG" durch das handschriftliche Schreiben vom 16. März 1994 des damaligen Bankchefs an Johannes Paul II., worin der Banker mitteilte: "Ich betrachte es als meine Pflicht, Eure Heiligkeit direkt von der Summe in Kenntnis zu setzen, die das IOR Eurer Heiligkeit zu Verfügung stellen kann. Es sind 72,5 Milliarden italienische Lire, die nach Rückstellung von mehr als 170 Milliarden für Risiken unterschiedlicher Art übrig bleiben." (Seite 258)

** Die Nähe zur Unterwelt zeigte jüngst ein anderes Beispiel: Der Leichnam des italienischen Gangster-Bosses Enrico De Pedis war ursprünglich in der römischen Basilika Sant'Apollinare beigesetzt worden. Dazu merkt die Kathpress an: "Nicht ganz geklärt ist, wie De Pedis in einer Kirche beigesetzt werden konnte. Dieses Privileg erhalten in der Regel nur Bischöfe und höhere Geistliche. Die Genehmigung soll der damalige Kardinalvikar der Diözese Rom, Ugo Poletti, erteilt haben." (18.6.2012)

Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

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