Junger Markt mit Ambition und Widerspruch

Andreas Schiller
24. Juni 2012, 20:53
  • Neuland: "Skolkovo" soll das russische "Silicon Valley" werden. Hier baut unter anderem der Londoner Architekt David Adjaye die Moscow School of Management, Fertigstellung 2012.
    foto: ed reeve / corbis

    Neuland: "Skolkovo" soll das russische "Silicon Valley" werden. Hier baut unter anderem der Londoner Architekt David Adjaye die Moscow School of Management, Fertigstellung 2012.

Internationale Standards halten in Russland bereits Einzug, aber noch ist viel zu tun, das zeigte der "Russian Real Estate Summit"

In Moskau galt es, ein Jubiläum zu feiern: Bereits zum 10. Mal fand kürzlich der "Russian Real Estate Summit" statt. Das ist ein von Adam Smith Conferences organisiertes Zusammentreffen wichtiger Marktteilnehmer, um über Trends und Tendenzen auf den Immobilienmärkten Russlands zu diskutieren.

So groß sich der russische Immobilienmarkt darstellt, so umfassend fiel auch das thematische Spektrum der Jubiläumsveranstaltung aus: Es ging um Handelsimmobilien und Wohnungsmärkte, um die Strategien heimischer Immobilienunternehmen und um die Markteintritte internationaler Interessenten. Einen roten Faden bildeten die Erfahrungen und Erwartungen auf einem Markt, der trotz der gigantischen Dimensionen und der damit verbundenen vielfältigen Chancen im internationalen Vergleich immer noch recht jung ist.

Allerdings spielen in der Immobilienwirtschaft nicht nur zeitliche, sondern auch primär gebaute Strukturen eine Rolle. Und diese spiegeln - zumindest in Moskau - sowohl die Widersprüche als auch die Intensität wider, mit der Projektentwickler und Investoren auf diesem Markt agieren.

Chaotisches Nebeneinander

Im Alltag sieht das so aus: Gebäude, die nicht zueinanderpassen, stehen eng beieinander. Sogenannte Class-A-Buildings internationalen Standards und Bauwerke der russischen Vergangenheit - häufig sogar aus stalinistischer Zeit - sind oft miteinander verbunden. Auch das unmittelbare Nebeneinander historischer orthodoxer Kirchen sowie anderer über viele Jahrhunderte gewachsener Baudenkmäler und fragwürdigen architektonischen Ambitionen, deren Ansprüche weit ins 21. Jahrhundert zu reichen scheinen, sind immer wieder zu sehen.

Dazwischen taucht die praktische Funktionalität dessen auf, was Profit verspricht: Handelszentren, Bürogebäude, Wohnprojekte, Hotels und temporäre Nutzungen. Doch auf dem diesjährigen "Russian Real Estate Summit" zeigte sich zur Freude vieler Beteiligter auch: So verbindend der Gedanke der Profitmaximierung ist, so sehr entwickelt sich zunehmend auch eine an internationalen Standards orientierte Professionalität.

Ein beherrschendes und Zukunft versprechendes Thema war die massive Flächenerweiterung des Territoriums der Stadt Moskau. Schließlich wurden Moskau rund 150.000 Hektar aus dem bisherigen Moskauer Umland (Moscow Oblast) zugeschlagen. Damit wächst die russische Hauptstadt um das fast 2,5-Fache und umfasst somit mehr Fläche als die deutschen Städte Berlin und Hamburg zusammen.

Pläne fürs neue Moskau

Derzeit sind zehn Architekturbüros, darunter einige internationale Unternehmen, mit der Entwicklung neuer Masterpläne beschäftigt. Auf Föderationsboden hingegen laufen die Planungen für "Skolkovo", das in unmittelbarer Nachbarschaft die russische Antwort auf das nordamerikanische "Silicon Valley" darstellen soll.

Landesweit jedoch gehört der Bau von frei stehenden Einfamilienhäusern und adäquaten Quartieren - im Gegensatz zur Plattenbau-Fabrikation vergangener Zeiten - zu den vorrangigen Themen. Ein echter Dauerbrenner auf dem Parkett der Probleme ist abseits der Hauptstadt die nach wie vor bestehende Unterversorgung in Sachen Infrastruktur.

Zu wenige Spitäler

Erste Umsetzungen zur Lösung finden bereits statt. So sind mittlerweile die drei Moskauer Flughäfen durch Expresszüge - vergleichbar dem CAT in Wien - mit innerstädtischen Bahnhöfen verbunden. Das entlastet den Straßenverkehr und sichert den Reisenden kalkulierbare Fahrzeiten.

Gleichwohl bleibt sowohl in Moskau als auch landesweit noch eine Menge zu tun. Den größten Brocken stellt die soziale Infrastruktur dar. Noch immer besteht ein akuter Mangel an Krankenhäusern, die internationalen Standards entsprechen. (Andreas Schiller, DER STANDARD, 23./24.6.2012)

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