"Der Nachteil des Jobs ist: Wir wissen, wie es um die Welt steht"

Interview28. Juni 2012, 12:44
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WWF-Meeresexperte Georg Scattolin über einen Beruf zwischen Idealismus und Frustration

Der Meeresbiologe Georg Scattolin engagiert sich seit 2001 bei der Naturschutzorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) für Nachhaltigkeit über und unter Wasser. Mit derStandard.at spricht er über die Vor- und Nachteile eines Green Jobs und die Frage, wie sich selbst in einem Binnenland wie Österreich ein Meeresprogramm realisieren lässt.

derStandard.at: Welche Aufgaben umfasst Ihre Tätigkeit beim WWF Österreich?

Scattolin: Als Leiter des Naturschutzprogramms betreue ich alle internationalen Projekte von WWF Österreich. Seit meinem Einstieg 2001 bin ich über diverse Arbeitsbereiche zum marinen Programm gekommen, das ich selbst ins Leben gerufen habe. Das betrifft Projekte in Brasilien, Südostasien und im Pazifik. Im Konkreten bin ich für die Koordination von Mitarbeitern zuständig, die zum Beispiel im Regenwald in Laos arbeiten, gemeinsam mit Unternehmen nachhaltige Fischprodukte nach Österreich liefern oder Klimawandel-Adaptierungen auf pazifischen Inseln implementieren.

derStandard.at: Wie werden diese Projekte finanziert?

Scattolin: Es handelt sich um EU-Projekte. Wir bereiten also, um eine Genehmigung zu erhalten, eine detaillierte Beschreibung der Situation vor Ort und die Projektziele vor.

derStandard.at: Welche Herausforderungen gibt es dabei?

Scattolin: Die Verbindungen zwischen Klimaveränderungen und Bedürfnissen der Menschen in den Ländern, wo der WWF aktiv ist, müssen berücksichtigt werden. Naturschutz funktioniert nur, wenn die Projekte mit der Bevölkerung vor Ort gemeinsam gestrickt werden. Wir fragen also nach dem Problem und stellen Lösungsansätze zur Verfügung, die mit den ökonomischen Interessen der Menschen ausbalanciert werden müssen. Dabei verfolgen wir die Vision, die Menschen wieder in Einklang mit der Natur zu bringen.

derStandard.at: Inwieweit ist die Vision "Den Menschen in Einklang mit der Natur bringen" heute noch möglich?

Scattolin: Es ist nicht nur möglich, sondern notwendig. Derzeit beobachten wir einerseits ein starkes Wachstumsdogma in der Wirtschaft, und niemand weiß, wie weit das geht. Andererseits haben wir eine endliche Ressource, und zwar einen Planeten. Und das funktioniert nicht - zumindest nicht ewig.

derStandard.at: Welchen Beitrag leisten Green Jobs dazu?

Scattolin: Es gibt unterschiedliche Methoden, an das Problem heranzugehen. Die letztendliche Lösung ist die Kostenintegrierung, also die Einberechnung der sozialen und ökologischen Kosten in ein neues Wirtschaftssystem. Wir bezahlen ja nicht den wahren Wert eines Produktes oder von Energie, zahlreiche Komponenten gehen bei dieser Berechnung verloren. Auf dem Weg des neuen Systems sind Green Jobs ein Schritt in die richtige Richtung.

derStandard.at: Was sind für Sie Vorteile eines Green Jobs - im Speziellen beim WWF?

Scattolin: Was eine Tätigkeit beim WWF sehr erstrebenswert macht, ist, dass man seine Ideen und Visionen gut umsetzen kann. An diesem Aspekt mangelt es in vielen Berufssparten. Wie zum Beispiel meine Idee für ein Meeresprogramm, das in einem Binnenland wie Österreich eher schwer vorstellbar war. Jetzt sind wir damit von Thailand bis zum pazifischen Raum aktiv. Außerdem ist gerade heute zu sehen, wie Menschen quasi im Autopilot dem Wachstumsdogma hinterherrennen, da kommen meistens die eigenen Ideale zu kurz.

derStandard.at: Würden Sie jungen Menschen einen Beruf im Umweltsektor empfehlen beziehungsweise wie begeistert man Jugendliche für einen Green Job?

Scattolin: Ja, definitiv. Als ich mich für das Studium Ökologie und Zoologie mit Schwerpunkt Meeresbiologie entschieden habe, war ich mit der Kritik konfrontiert, dass mich das brotlose Studium nicht weiterbrächte. Der große Pluspunkt eines Green Jobs ist aber das gemeinsame Ziehen am gleichen Strang. Das geniale Arbeitsklima sorgt dafür, dass ich jeden Tag weiß, wofür ich das alles mache. Wir haben heute total den Bezug zur Natur verloren, Natur ist für uns der Grünstreifen zwischen den Autobahnen. Der Schlüssel zum Problem liegt darin, Menschen - dazu zählen Regierungsvertreter, Unternehmen genauso wie Jugendliche - für die Natur zu begeistern. Das gelingt mir immer wieder in meinem Job.

derStandard.at: Welche internationalen Projekte betreuen Sie?

Scattolin: Wir haben zum Beispiel ein Klimawandel-Adaptierungsprojekt im Südpazifik gestartet, da Industrienationen dafür verantwortlich sind, dass die Menschen dort wörtlich untergehen. Wir versuchen mit Maßnahmen, die Betroffenen in den Regionen widerstandsfähiger gegen den steigenden Meeresspiegel zu machen. Eines unserer Projektgebiete befindet sich im Fidschi-Archipel.

derStandard.at: Wie sehen diese Maßnahmen aus?

Scattolin: Gemeinsam mit den 3.000 Inselbewohnern arbeiten wir an Strategien zu Landnutzung, Wiederaufforstung von Mangrovenwäldern, Betreuung von Meeresschutzgebieten und nachhaltiger Nutzung von Fischgründen.

derStandard.at: Wie läuft ein solches Projekt ab?

Scattolin: Das Projekt rund um das Problem mit der Küstenerosion wurde von den Bewohnern formuliert und an den WWF kommuniziert. Vor Ort habe ich mit den Kollegen festgestellt, dass der Mangrovengürtel rund um die Insel abgeholzt wurde, um etwa Hütten zu bauen. Nachdem wir neue Flächen definiert und mit der Wiederaufforstung begonnen haben, können wir jetzt nach zwei Jahren einen Rückgang der Erosion beobachten.

Eine weitere Meeresstrategie wurde im Pazifik nördlich von Papa-Neuguinea umgesetzt, wo der Großteil unseres Thunfisches herkommt. Thunfischfischerei im großen Stil ist nicht nachhaltig und hat eine Menge Beifang, wenn Haie und Schildkröten an die Haken geraten. Mit der Entwicklung und dem Einsatz von Rundhaken konnten wir eine Beifangreduktion bei der Thunfischfischerei erreichen.

derStandard.at: Gibt es bei so viel Idealismus und den Möglichkeiten zur Verwirklichung von eigenen Ideen auch Nachteile an Ihrem Beruf?

Scattolin: Einen großen sogar: Wir, die in Umweltjobs arbeiten, wissen, wie es um die Welt steht. Das ist die tägliche Herausforderung, nicht zum Zyniker zu werden. Auch im NGO-Bereich gibt es hohe Burn-out-Raten, weil die Menschen so für ihre Anliegen brennen und Milliarden von Menschen auf der Welt "gegenüberstehen", die den Bezug zur Natur verloren haben. Die Motivation, diese Rückschläge in Form von politischen Veränderungen beispielsweise zu verarbeiten, hole ich mir dann in der Natur zurück.

Besonders geprägt hat mich aber das halbe Jahr in Papa-Neuguinea. Da geht's nicht um die Performance des Kontos, sondern darum, ob und wie du die nächsten Tage lebst. Eine hohe Kriminalität, Korruption und das Einströmen von Industrieländern prallen hier auf eine wunderschöne Artenvielfalt in der Natur. Da wird einem bewusst, dass die biologische Vielfalt unsere Versicherung ist. Wir sind besessen von Monokulturen wie der Zucht von Einheitsfischen oder Fichtenmonokulturen, die von einem einzigen Windwurf entwurzelt werden können. Dann brauchen wir uns nicht wundern, wenn wir anstatt auf Vielfalt auf Einfalt setzen. (Eva Zelechowski, derStandard.at, 28.6.2012)

Zur Person:

Georg Scattolin studierte Ökologie und Zoologie mit Schwerpunkt Meeresbiologie und ist seit 2001 beim WWF Österreich tätig. In seiner Funktion als Leiter des Naturschutzprogramms ist er für alle internationalen Projekte von WWF Österreich, insbesondere im Bereich Meeresstrategien, verantwortlich.

Sushi-Ratgeber

Der WWF hat einen Sushi-Ratgeber erarbeitet, mit dem Konsumenten Tipps und Informationen zum Zustand der Fischbestände, Umweltauswirkungen der Fischereien sowie allgemeine Empfehlungen erhalten.

  • Georg Scattolin auf einem Handleinen-Fischerboot vor den Philippinen. Im Gegensatz zur industriellen wird in der traditionellen Handleinenfischerei mit Rundhaken gefischt, um den Schildkrötenbeifang bei der Thunfischfischerei zu verhindern.
    foto: wwf

    Georg Scattolin auf einem Handleinen-Fischerboot vor den Philippinen. Im Gegensatz zur industriellen wird in der traditionellen Handleinenfischerei mit Rundhaken gefischt, um den Schildkrötenbeifang bei der Thunfischfischerei zu verhindern.

  • Das Projekt zum Wiederaufforsten von Mangroven an der Küste von Gau im Fidschi-Archipel zeitigt erste Erfolge.
    foto: wwf

    Das Projekt zum Wiederaufforsten von Mangroven an der Küste von Gau im Fidschi-Archipel zeitigt erste Erfolge.

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