Massenmedien: Meinungsmacher und Meinungskiller

Blog23. Juni 2012, 11:38
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"Bild" feiert 60. Geburtstag - Über den Boulevard als Komplizen des Alltagsterrorismus

Sie hat Deutschlands Nachkriegsgeneration geprägt: Axel Springers "Bild"-Zeitung. Kaum ein Blatt hat so polarisiert. Der revoltierenden 68er Generation war sie der ideologische Feind schlechthin. Am 24. Juni feiert "Bild" ihren 60. Geburtstag. Lange Zeit war das Boulevardblatt die auflagenstärkste Tageszeitung Europas. Ihr österreichisches Pendant, die Neue Kronenzeitung, ist sieben Jahre jünger. Der Philosoph Peter Sloterdijk definierte dieser Tage in Wien Massenmedien als "Komplizen des Terrorismus".

Druck der Massen-Meinungsmacher

Die inhaltliche Palette ist weit gestreut: Gemein ist beiden Blättern der Ehrgeiz, als Massen-Meinungsmacher die Regierungen ihrer Länder bei politischen Entscheidungen unter Druck zu setzen. Nicht minder ambitioniert und Auflagen fördernd ist beider Blattlinie, mögliche menschliche Niederungen mit dem Instrumentarium der Vorverurteilungen medienwirksam auszuschlachten. Sei es die unrechtmäßige Bezeichnung einer Pflegerin als "Schweinchen" oder die Schlagzeile "Griechen raus". Allfällige Förderungen solcher Medien sind ein eigenes Thema.

Peter Sloterdijk konzentriert seine medienkritische Analyse "Medien sind Komplizen des Terrorismus" zunächst auf die einäugige, euphorische Berichterstattung von "embedded" JournalistInnen während des Ersten Weltkrieges des 20. Jahrhunderts. Dies als erster Sündenfall und Beginn der heutigen massenmedialen Berichterstattung.

Servierte Ansichten

Massenmedien sind vor allem auch Meinungskiller. Sie kauen gezielt Standpunkte durch, servieren Ansichten und Interpretationen, die von den Lesern kaum hinterfragt werden. Ein gefährliches Spiel. Eine Informationspolitik, die das demokratische Menschenrecht Meinungsfreiheit mitunter leichtfertig unterwandert. Was zählt ist die Auflage, sind primär ökonomische Interessen. Auf der Strecke bleibt nicht selten die korrekte Information.

Bei Angriffen auf die Demokratie müsse jedoch "demokratisches Schweigen" herrschen. Als singulär positives Beispiel nennt Sloterdijk hierbei stille Agreements zwischen Medien und Verwaltungsinstitutionen, in diesem Fall den Wiener Verkehrsbetrieben. Geheimgehalten wird, wenn sich verzweifelte Menschen in Selbstmordabsichten auf die Schienen werfen. Dies um anderen kein Vorbild zu liefern. Menschen ohne Glaube, ohne Liebe, ohne Hoffnung - gerade wieder im Rahmen der Wiener Festwochen von Christoph Marthaler in seiner Horvath-Inszenierung exemplarisch herausgearbeitet. Sieht Sloterdijk, jenseits seiner Theorien, auch die Tragik dieser Wirklichkeiten?

Alltäglicher Terror

"Das arme Mensch" ist die neue Neonazi-Definition für Arbeit suchende Nichtösterreicher. Offenbar ist dies eine neue Form von political correctness im ausländerfeindlichen Milieu. Kürzlich wurde einem solchen "armen Menschen" von einem Wiener Mitbürger willkürlich ein Kübel Wasser über den Kopf geschüttet. Die hinzu gerufene Polizei sah keinen strafwürdigen Tatbestand. Dies nur als kleines Beispiel alltäglichen Terrors ohne jedweden intellektuellen Überbau. Wie gesagt, Sonntag feiert die "Bild"-Zeitung ihren 60. Geburtstag.

Die erste Ausgabe der Kronenzeitung allerdings erschien bereits am 2. Januar 1900. Der monatlichen Preis betrug eine Krone, daher auch der Name. Das Boulevardblatt war bekannt für seine einfach gestrickten Zeitungsromane, seine Popularität schien grenzenlos. Anlässlich der zehntausendsten Nummer widmete sogar Franz Lehar der "Krone" einen Walzer. Am 31. August 1944 schlossen die Nazis das Blatt. Nach dem Zweiten Weltkrieg kaufte Hans Dichand den Titel und brachte 1959 die Neue Kronenzeitung auf den Markt. Wie "Bild" schürt auch die "Krone" und deren Gratis-Nachahmungen ausländerfeindliche Ressentiments - als "Komplizen des Alltagsterrorismus".

Einer, der stets gegen solche Terrorismen anschrieb, feiert übrigens dieses Wochenende einen anderen runden Geburtstag: Gerhard Roth. (Rubina Möhring, derStandard.at, 23.6.2012)

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    Kaum ein Blatt hat so polarisiert: Die "Bild" feiert ihren 60. Geburtstag.

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