Ein Erdgipfel der Schande für die kommenden Generationen

22. Juni 2012, 19:38
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Es fehlte an einer Vision für eine wirklich grüne Kreislaufwirtschaft

Der dritte Tag des Erdgipfels geht langsam seinem Ende zu. Im Park hinter den Konferenzhallen fand gerade eine Aktion statt. Zwei unterschiedliche gesellschaftliche Kräfte versuchten sich im Seilziehen. Auf der einen Seite die Manager der transnationalen Konzerne in ihren dunklen Anzügen. Auf der anderen Seite ziehen die Zivilgesellschaft und die Umweltorganisationen. Es geht um 1.000 Milliarden Dollar an Subventionen für die Ölindustrie.

Mitten drin im Geschehen eine Pappmachefigur der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff. Sie hätte es in der Hand gehabt, den Erdgipfel nicht zu einem Minimalkompromiss werden zu lassen. Die Aktivisten skandieren "Save Rio+20! - Rettet den Erdgipfel!". Doch dafür ist es jetzt schon zu spät. Das Ergebnis des Gipfels lag bereits vor, bevor diese UN-Konferenz für Nachhaltige Entwicklung (UNCSD) begonnen hatte. Die Konferenz war geprägt von blutleeren schwachen Formulierungen, fehlenden klaren Zielen und einer Roadmap für deren Verwirklichung. 

Keine große Vision, aber Ideen im Kleinen

Rio+20 wurde zum Gipfel der Schande für kommende Generationen. Es fehlte an einer Vision für eine wirklich grüne Kreislaufwirtschaft. Die umweltschädigenden Subventionen werden in absehbarer Zeit nicht abgeschafft. Öl, Kohle, Gas, Atomkraft werden weiter fleißig subventioniert. Die Landwirtschaft und industrielle Fischerei darf weiterhin unsere natürlichen Ressourcen ausbeuten. Der ökologische Fußabdruck vergrößert sich immer mehr und die Artenvielfalt wird weiterhin dezimiert. Es gibt kein klares Bekenntnis für einen Fahrplan zur Implementierung nachhaltiger Entwicklungsziele.

Ganz umsonst war der zweite Erdgipfel der Geschichte nicht. Die Regierung Großbritanniens kündigte an, dass 1.000 Unternehmen ihren ökologischen Fußabdruck messen müssen. Das könnte sich zu einem Modell für Europa entwickeln. Acht Entwicklungsbanken wollen in den nächsten Jahren 175 Milliarden Dollar in den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und die Radwege der Städte stecken. Die brasilianische Umweltministerin Izabella Teixeira kündigte gestern Abend an, 250 Millionen Dollar aus öffentlichen und privaten Geldern zum Schutz von zehn Prozent des brasilianischen Amazonasregenwaldes aufzutreiben. Natürlich ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein im Vergleich zu dem, was die Welt brauchen würde, um genügend Wasser, Nahrung und nachhaltige Energie bis zum Ende dieses Jahrhunderts bereit zu stellen - ohne Gentechnik, ohne Atomkraft, aber "erdräglich" angesichts der zur Neige gehenden Ressourcen.

Wolke aus Valium

Draußen vor dem Konferenzzentrum dröhnen noch immer die Militärhubschrauber. Soldaten und Polizisten bewachen die letzten Premierminister der reichen Länder, die heute bis spät am Nachmittag ihre Reden der Rechtfertigung halten. Hunderte von Journalisten raufen sich zwar noch um die Abschlussinterviews mit Politikern. Aber nach neun Tagen in Rio ist die Luft schon ziemlich draußen und der Megakomplex wirkt wie eingehüllt in eine Wolke aus Valium im Vergleich zum Megastress in der ersten Woche. Auch ich und meine KollegInnen vom WWF werden heute unsere Zelte abbrechen und freuen uns schon ein Wochenende der Ruhe nach diesem Marathon von unzähligen Veranstaltungen, Hunderten von Interviews, Gesprächen und Verhandlungen.

Draußen verteilen Jugendliche aus Deutschland Armbänder aus grüner Wolle an die Delegierten. Die Bänder sollen die politischen Entscheidungsträger auch nach dem Erdgipfel an ihre Verantwortung für unseren Planeten erinnern. Denn es geht um die Zukunft einer Menschheit, die umlernen muss. Das Seilziehen zwischen der Natur und einer zersplitterten Menschheit wird weitergehen. Das hat dieser Gipfel deutlich gezeigt. Wir dürfen gespannt sein, wer das Seilziehen gewinnen wird ...


Franko Petri vom WWF Österreich berichtet vom UN-Gipfel über nachhaltige Entwicklung in Rio de Janeiro.

  • Artikelbild
    foto: wwf/franko petri
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