Banker mit Haft-Erfahrung und Kampfgeist

Vassilis Rapanos soll Griechenlands Finanzen sanieren

Manche seiner Worte würde Vassilis Rapanos heute vermutlich besser abwägen. Wichtigste Aufgabe des künftigen griechischen Finanzministers wird es sein, das Sparpaket mit der EU nachzuverhandeln und Erleichterungen für sein Land zu erreichen.

Noch im vergangenen November meinte der 65-Jährige, die Härten der griechischen Sparpolitik würden oft übertrieben dargestellt. Wenn der Staat Ausgaben kürze, müssten eben die Familien einspringen, sagte er in seiner damaligen Funktion als Chef der National Bank of Greece im Standard-Gespräch. "Wenn mein Sohn finanzielle Hilfe beim Studium braucht, bin ich für ihn da." Den Einwand, der Präsident der größten griechischen Privatbank könne sich das einfacher leisten als der Rest der Bevölkerung, nahm Rapanos stirnrunzelnd zur Kenntnis.

Dabei kennt Rapanos das Lebens am Rande der Gesellschaft - und in der Illegalität - nur zu gut. 1947 in Kos geboren, hatte er gerade mit seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften begonnen, als sich die griechische Militärjunta 1967 an die Macht putschte. Rapanos schloss sich einer linken Widerstandsbewegung an, wurde verhaftet und für vier Jahre ins Gefängnis gesperrt. Dabei hatte er Glück: In Haft habe er jede Menge Zeit zum Lesen gehabt, das Gefängnis sei ihm vorgekommen "wie eine Universität", erzählte Rapanos später. Nach dem Ende der Diktatur machte sich der Ökonom einen Namen mit Publikationen zur Steuer- und Arbeitsmarktpolitik.

Rapanos ist kein Parteimitglied, steht aber der sozialistischen Pasok nahe. Das war hilfreich für seinen zweiten Karriereweg: 1998 wurde er in der Amtszeit des sozialistischen Premiers Konstantinos Simitis Chef der teilstaatlichen Telefongesellschaft OTE, dannach wurde er Vorsitzender des Wirtschaftssachverständigenrates. 2009, nach dem abermaligen Wahlsieg der Pasok, wurde er zum Präsidenten der National Bank of Greece ernannt, deren Geschäfte traditionell eng mit dem Staat verwoben sind.

Rapanos war in dieser Zeit nie ein prätenziöser Banker. Er gilt als freundlich und geduldig. Kollegen bezeichnen ihn als durchsetzungsstark. Diese Eigenschaft kann er gut gebrauchen: Sollte bei den Nachverhandlungen mit der EU etwas schiefgehen, hätte der konservative Premier Antonis Samaras mit ihm einen Sündenbock an der Hand. Rapanos, der am Freitag wegen eines Schwächeanfalls ins Spital eingeliefert wurde, ist verheiratet und Vater zweier Söhne. (András Szigetvari /DER STANDARD, 23.6.2012)

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