"Schaut mal, wie ihr damit klarkommt"

Interview |
  • Von der Waldorfschule im Saarland ins Mozarteum nach Salzburg, von dort mit 24 ans Burgtheater in Wien: Daniel Sträßer.
    foto: standard/corn

    Von der Waldorfschule im Saarland ins Mozarteum nach Salzburg, von dort mit 24 ans Burgtheater in Wien: Daniel Sträßer.

  • "So wilde Freude nimmt ein wildes Ende", dichtete Shakespeare: "Romeo" Daniel Sträßer verzehrt sich nach "Julia" Yohanna Schwertfeger.
    foto: apa/techt

    "So wilde Freude nimmt ein wildes Ende", dichtete Shakespeare: "Romeo" Daniel Sträßer verzehrt sich nach "Julia" Yohanna Schwertfeger.

Burgtheaterschauspieler Daniel Sträßer über den "Glücksfall" Mozarteum, Studieren auf teurem Pflaster und Theater mit Haltung

STANDARD: Sie wurden 2011 noch während des Schauspielstudiums ans Burgtheater engagiert und debütierten als Romeo in "Romeo und Julia". Warum haben Sie gerade am Mozarteum in Österreich studiert? Sie sagten mal, "zum Glück".

Daniel Sträßer: Es gibt rund 20 staatliche Schauspielschulen im deutschsprachigen Raum, und ich habe mich an fast allen beworben. Salzburg hat mich genommen. Das ist, neben der Talentfrage, ein Glück, weil ich einen Studienplatz bekommen habe, aber auch, weil man immer sagt: Man findet "seine" Schule, und die Schule findet die Studenten, die zu ihr passen. Für mich war es ein Glücksfall, ans Mozarteum zu kommen.

STANDARD: Woher kam denn der Wunsch, Schauspieler zu werden?

Sträßer: Ausschlaggebend war, dass mich meine Mutter auf die Waldorfschule gegeben hat. Da wurde ich an Theater, Musik, Kunst herangeführt - und noch viel mehr. Ich habe Häkeln, Stricken, Nähen, Schneidern gelernt, Gartenbauunterricht gehabt, mein eigenes Getreide gesät, geerntet, geschrotet und ein Brot daraus gebacken, mit Ton und Holz gearbeitet. Steinmetzen, Kupfertreiben, Buchbinden - und eben Theater spielen. In der achten Klasse haben wir Krabat von Otfried Preußler aufgeführt, ich habe den Meister gespielt. Das war ein ganz tolles Erlebnis - dieses Verwandeln.

STANDARD: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Studienzeit?

Sträßer: Der Hauptfaktor "Glück" waren für mich sechs andere Menschen - mein Jahrgang. Wir haben zu elft angefangen, nach dem ersten Semester sind viele gegangen, weil es echt schlecht lief an unserer Schule, und letztlich sind sieben übriggeblieben. Zwei Jungs und fünf Mädels. Das war das Wichtigste und Tollste. Wir hatten in der Anfangszeit Probleme mit unserem Grundunterrichtslehrer und haben sehr früh gelernt, uns selbst zu formulieren. Was wollen wir und was nicht? Diese Schulzeit war gut, es war ein Kampf. Schwimme, wer schwimmen kann, und wer zu plump ist, gehe unter. Das ist sehr dramatisch formuliert (lacht). Aber das hat unseren Jahrgang auch stark gemacht.

STANDARD: Sie waren davor an der Universität Saarbrücken, wo Sie Musikwissenschaft, Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft sowie Translation und Philosophie studiert haben. Was hatte es mit dieser Uni-Runde auf sich?

Sträßer: Ich war mit meinem Zivildienst auf der Intensivstation eines Krankenhauses fertig, und es war klar, dass ich vorsprechen gehe an Schauspielschulen. In der Zeit habe ich mich inskribiert für Fächer, die mich gereizt haben, und für die man keinen Numerus clausus braucht. Letztlich bin ich nur zu den Vorlesungen in Musikwissenschaft gegangen. Das war auch toll, aber ich habe nie eine Klausur geschrieben, weil ich glücklicherweise vorher in Salzburg genommen worden bin.

STANDARD: Wie wichtig ist die formale Ausbildung für Schauspieler?

Sträßer: Enorm wichtig, auch um sich zu orientieren. Viele der Bewerber sind heute superjung, in Deutschland wurde auch noch der Zivildienst abgeschafft, und die werden immer jünger. Ich weiß nicht, ob ich das so gut finde. Natürlich sind sie dann noch "formbar", was aber ein Unwort ist. Die Schauspielschule sollte nicht den Fehler machen, die formen zu wollen, sondern versuchen, ihnen ein paar Sachen beizubringen und diese kostbaren Menschen so zu stärken, dass sie auch in dieser Theaterrealität, die immer als hart beschrieben wird - ist sie auch -, überleben können. Ich finde wichtig zu fragen, wie denn die Schauspielschule das Theater verändern kann - indem sie den Markt nicht mit perfekt ausgebildeten, sprachlich superakkuraten, durchtrainierten Schauspielern beliefert, sondern besondere Leute hervorbringt und sagt: " Das ist unser Angebot, liebe Theater, schaut mal, wie ihr damit klarkommt."

STANDARD: Was wünscht sich denn der Theatermarkt im Moment?

Sträßer: Pauschal gesprochen - die Gelder werden knapper, das heißt, die Probenzeiten werden kürzer. Heutzutage ist es ein Luxus, wenn man acht Wochen Probenzeit hat für ein Stück. Man braucht also Leute, die funktionieren und nicht so verspleent sind, die sehr vielfältig sind. Ich bin am Burgtheater in einer glücklichen Situation, aber es gibt kleinere Stadttheater, da haben Schauspieler am Samstag Premiere und fangen am Montag mit dem nächsten Stück an.

STANDARD: Was soll oder kann denn das Theater heute leisten?

Sträßer: Gutes Theater sollte erst bewegen und dann zum Nachdenken anregen. Theater muss nicht tagespolitisch sein, das ist ganz wichtig. Theater muss eine Haltung haben, aber sollte keine Meinung vertreten. Meinungen sind immer langweilig. Besonders bei Postings im Internet fällt mir das auf. Manchmal bin ich so blöd und lese die, dann kriege ich immer den großen Hass, weil ich denke, das ist so ein Meinungsgewichse, Entschuldigung. Gutes Theater muss einen beim Herz und bei den Eiern packen (lacht).

STANDARD: Was halten Sie - zuerst als Numerus-clausus-Umgeher, dann als einer von sieben handverlesenen Studierenden - vom Thema "freier Hochschulzugang"?

Sträßer: Bei Schauspiel ist es ja wichtig, dass es eine Auswahl gibt - auch zum Schutz von Personen, denn was soll man jemanden vier Jahre Schauspiel studieren lassen, wenn man von Anfang an sieht, das wird nichts, du wirst kein Schauspieler werden, weil ein gewisses Talent gehört dann auch einfach dazu. Ob Leute mit einnem 1,0er- oder 0,9er-Abi die besseren Psychologen werden, kann ich nicht sagen.

STANDARD: Sie mussten kurz Studiengebühren zahlen, bis diese im Herbst 2008 de facto abgeschafft wurden. Fanden Sie 363,36 Euro pro Semester einen angemessenen "Preis" für Ihr Schauspielstudium?

Sträßer: Ich musste ein Semester zahlen und war in der glücklichen Situation, mir das leisten zu können, weil meine Eltern mich finanziell unterstützt haben. Aber ich weiß von Klassenkameraden, bei denen das echt schwierig war. Auch generell. Salzburg ist echt ein teures Pflaster. Deswegen finde ich, das kann man nicht so pauschal sagen. Sozial wär's natürlich, zu sagen, wer es sich leisten kann, soll Studiengebühren zahlen, und für die, die es eben nicht leisten können, muss man über eine soziale Möglichkeit, das auszugleichen, nachdenken. Jeder sollte die Möglichkeit haben zu studieren, egal, welcher soziale Background.

STANDARD: Im Zusammenhang mit Unis ist oft die Rede vom "Ansturm" der Deutschen. Wurden Sie damit konfrontiert, zumal in Salzburg?

Sträßer: Ja, bin ich. Bei uns an der Schauspielschule waren wir am Anfang 40 Deutsche und fünf Österreicher in der ganzen Abteilung Regie und Schauspiel. In meinem Jahrgang gab es nur Deutsche, bis auf einen Regiestudenten aus Österreich. Ich finde, in Österreich gibt es generell immer wieder so ein bisschen eine Anfeindung gegenüber den Piefkes, die ich als sehr unangenehm empfinde. Aber ich verstehe das schon, auch gerade in Biologie, wo es hier keinen Numerus clausus gibt, gehen viele nach Österreich, um das hier zu studieren. Da muss auch jemand eine kluge Lösung finden.

STANDARD: Welche Rolle wollen Sie unbedingt noch spielen?

Sträßer: Ha! Liebe Burgtheaterdramaturgen! Lieber Direktor Hartmann! Es gibt eine Rolle, die ich ganz unbedingt mal spielen möchte, und auch relativ bald, weil das eine junge Rolle ist: den Kostja aus Die Möwe von Tschechow. Anton Tschechow und Ödön von Horváth sind wahrscheinlich für jeden Schauspieler die Größten - neben Shakespeare, das ein ganz anderes Universum ist.

STANDARD: Warum sollen Politiker ins Theater gehen?

Sträßer: Ich finde, auch um sich ablenken zu lassen. Es ist total legitim, dass Theater mal nur Unterhaltung ist und man für zwei oder dreieinhalb Stunden in einer anderen Welt ist. Wenn das Theater gut gemacht ist, geht man immer verwandelt raus, und das ist gut - auch für Politiker. Die haben einen Job, den ich nicht möchte. Die sind ja auch wie Schauspieler, werden auch dauernd kritisiert, und sich da mal fallenzulassen, in eine andere Welt einzutauchen und vielleicht mit einem neuen Gedanken rauszugehen ist gut. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 23.6.2012)

Dabiel Sträßer (24) entflammte in einer Waldorfschule nahe Saarbrücken für das Theater, 2011 wurde der Mozarteum-Student vom Hamburger Theatertreffen weg ans Burgtheater engagiert - als Romeo in "Romeo und Julia". Er spielt auch in "Endstation Sehnsucht", "Wastwater" und "Die Froschfotzenlederfabrik".

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