"Wir bleiben der Stachel im Fleisch der Neonazis"

Reportage
  • Birgit und Horst Lohmeyer wollen in Jamel bleiben...
    foto: standard/baumann

    Birgit und Horst Lohmeyer wollen in Jamel bleiben...

  • ... trotz "Dorfbehübschung".
    foto: standard/baumann

    ... trotz "Dorfbehübschung".

In Jamel, einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, leben fast nur noch Rechtsextreme - Ein Künstler-Ehepaar kämpft gegen die braune Gesinnung an

Doch sein Kampf ist mühsam und die Angst manchmal groß.

Es ist eine weite Reise von Berlin nach Jamel. Gegen Ende hin wird die Straße immer schmäler, der Wald dichter. "Wenn möglich, bitte wenden", schnarrt das Navigationsgerät und signalisiert, dass es bei dieser Fahrt ins Braune aufgegeben hat. Doch da, ein Wegweiser. "Ostsee sieben Kilometer", steht darauf. Das hilft. Denn der Hinweis erfolgt in Frakturschrift. Angekommen also im "Nazi-Dorf" Jamel.

Kaum am Dorfplatz ausgestiegen, staunt man noch mehr. Unübersehbar prangt dort ein großes Gemälde. "Dorfgemeinschaft Jamel, frei-sozial-national", steht darauf. In den Gärten ringsum sitzen kahl geschorene Männer neben großen Hunden und grüßen betont freundlich über den Gartenzaun.

"Gefällt Ihnen unsere Dorfbehübschung?", fragt Horst Lohmeyer und lächelt süffisant. Er und seine Frau Birgit haben sich fast schon daran gewöhnt. Seit einigen Jahren lebt das Ehepaar in Jamel. Ruhe und Frieden, Muße fürs Schreiben und für ihre Musik wollten die Lohmeyers im 40-Einwohner-Kaff finden. Es kam anders.

"Natürlich wurden wir gewarnt", sagt Birgit Lohmeyer in der gemütlichen Küche ihres Hauses. Lange lebten sie und ihr Mann in Hamburg. Doch irgendwann wollten sie aufs Land ziehen. Das alte Forsthaus in Jamel schien optimal.

Bald jedoch merkten die beiden: Dieses Dorf, westlich von Wismar, ist anders. Denn hier wohnt Sven Krüger, NPD-Größe und Betreiber eines Abbruchunternehmens. "Wir sind die Jungs fürs Grobe", verspricht ein Schild - ebenfalls in Frakturschrift - an seinem Haus in Jamel zweideutig. "Nach und nach sind Krügers Freunde auch nach Jamel gezogen und vertrieben die anderen Dorfbewohner", erzählt Birgit Lohmeyer.

Und natürlich waren auch die linken Lohmeyers den Zugezogenen ein Dorn im Auge. Mal fand das Ehepaar eine Fuhre Mist vor seinem Eingang, mal tote Ratten im Garten, und auf der engen Straße ins Dorf wurde Horst Lohmeyers Auto fast in den Straßengraben gedrängt. "Verpisst euch, verkauft das Haus, solange ihr noch könnt", hat man ihnen zugezischt.

Denn die braunen Nachbarn wollen gerne ungestört unter sich sein. Wehrsportübungen im Wald und eine Riesenparty zu Adolf Hitlers Geburtstag sind aktenkundig. "Gruselig sind vor allem die Feste im Sommer", sagt Birgit Lohmeyer, da kommen mehrere hundert Neonazis und grölen am Lagerfeuer Lieder." In solchen Momenten, räumt die 53-Jährige ein, liege sie in ihrem Bett und habe Angst.

Wegziehen aber ist keine Alternative. Im Gegenteil - eines Tages beschlossen die Lohmeyers: Wir nehmen den Kampf auf, wir tun etwas gegen rechts. Seither diskutieren die beiden nicht nur in Schulen und Jugendklubs, sie organisieren (seit 2007) im Sommer auch das Musikfestival Jamel rockt den Förster unter dem Motto "Rockmusik für Demokratie und Toleranz".

Es ist ein Zeichen dafür, dass man Jamel nicht aufgegeben hat, wenngleich sich Horst Lohmeyer manchmal fragt: "Hat das alles wirklich Sinn?" Beim Festival 2010 stürmten rechtsextreme Recken das Gelände, ein Gast der Lohmeyers wurde so verprügelt, dass sein Nasenbein brach.

Für ihre Zivilcourage haben die Lohmeyers namhafte Preise bekommen. Sie wurden vom Zentralrat der Juden in Deutschland und dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger geehrt, der Bundespräsident (damals noch Christian Wulff) lud sie ins Berliner Schloss Bellevue ein. "Unsere wachsende Bekanntheit schützt uns auch", sagt die Schriftstellerin.

Mehr Aufklärung an Schulen

Mittlerweile fühlt sich das Ehepaar auch von der Politik nicht mehr völlig alleingelassen. Zunächst hatte es jahrelang gedauert, bis sich einmal eine Abordnung des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern, in dem die NPD ebenfalls vertreten ist, nach Jamel verirrte. Heute ist der Ministerpräsident Schirmherr des Lohmeyer'schen Festivals. "Aber es müsste natürlich viel mehr getan werden", sagt Horst Lohmeyer und meint damit Aufklärung an Schulen und auch bürgerliches Engagement.

Für ihn ist klar: "Wir bleiben der Stachel im Fleisch der Neonazis." Anderswo klingt das deutlich resignierter. So erklärt Jürgen Dietz, Bürgermeister von Grevesmühlen, von wo aus Jamel verwaltet wird: "Die NPD ist eine in Deutschland zugelassene Partei. Damit muss man leben." (Birgit Baumann aus Jamel /DER STANDARD, 23.6.2012)

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