"Das Rohstoffproblem ist ein politisches Problem"

Interview
  • FRIEDRICH-WILHELM WELLMER, Jahrgang 1940, ist Honorarprofessor der TU 
Berlin und früherer Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften 
und Rohstoffe in Hannover. Die Altstoff Recycling Austria lud ihn diese 
Woche zu einem Vortrag an der TU Wien.
    foto: ara

    FRIEDRICH-WILHELM WELLMER, Jahrgang 1940, ist Honorarprofessor der TU Berlin und früherer Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. Die Altstoff Recycling Austria lud ihn diese Woche zu einem Vortrag an der TU Wien.

Friedrich-Wilhelm Wellmer hält es für eine "unglaubliche Leistung", dass trotz des Wachstums in China die weltweiten CO2-Emissionen seit 1992 nicht stärker angestiegen sind

STANDARD: Fruchtet das Effizienzstreben bei Energie und Rohstoffen seit dem Rio-Gipfel von 1992?

Wellmer: Trotz des Energieverbrauchs von China, der sich in der Zeit vervielfacht hat, sind die CO2-Emissionen um nur 40 Prozent gestiegen. Ich finde das eine unglaubliche Leistung und kann nicht sehen, dass das negativ wäre. Österreich hat viele Wasserkraftwerke und lebt, was Energie angeht, auf einer Insel der Seligen.

STANDARD: Sind Rohstoffabbau und Nachhaltigkeit kein Widerspruch?

Wellmer: Man kann das durchaus vereinen und Umwelteingriffe minimieren. Wir können den Fortschritt, den wir haben wollen, nur erreichen, indem wir Rohstoffe abbauen. Abgesehen von fossiler Energie, wobei der Weg langfristig ohnehin zu erneuerbarer Energie führen muss, verbrauchen wir Rohstoffe nicht. Wir gebrauchen sie. Wir führen sie nur von der Geosphäre in die Technosphäre über, wo wir sie recyclen können.

STANDARD: Wo liegen die Probleme beim Recycling?

Wellmer: Solange es die hohen Wachstumsraten der Schwellenländer gibt, können nie 100 Prozent aus Sekundärquellen gewonnen werden. Die ganzen guten Schrotte fließen zurzeit in Richtung China und Indien, die zu hohen Preisen kaufen. Bei uns bleiben komplexe Schrotte übrig, dessen Wiederverwertung aufwändig ist. Um minimalen Energieverbrauch und CO2-Ausstoß zu erreichen, braucht man ein Gemisch aus Primärquellen und Recycling.

STANDARD: Die Ressourcen gehen trotzdem einmal zu Ende.

Wellmer: Es wird sich noch lange ausgehen. Und es gibt das Substitutionskonzept. Nicht Kupfer, sondern die Funktion, etwa die der Signalübertragung, wird gebraucht. Heute hat man dafür Glasfaserkabel oder Funk. Wird ein Rohstoff knapp, steigen die Preise, und die Leute lassen sich etwas einfallen. Der wichtigste Rohstoff ist die Kreativität des Menschen, Lösungen für eine Funktion zu finden.

STANDARD: Oft richtet sich die Kreativität an der Ökonomie aus, und der Elektroschrott landet in Afrika.

Wellmer: Das ist schlimm. Der Staat muss sich Regeln überlegen. Die Leute haben ihre Handys irgendwo liegen, anstelle sie zum Recycling zu geben. Man muss ein System schaffen, damit es attraktiv wird, diese Handys irgendwo abzugeben. Das Rohstoffproblem ist ein politisches Problem.

STANDARD: Ist Biosprit eine Alternative für fossile Energie?

Wellmer: Ich bin sehr skeptisch. Da wird viel Schindluder getrieben. Die Leute sagen, dass ist ja nur ein kleiner Teil der Bioproduktion. Aber Rohstoffmärkte reagieren sensibel. Wenn sie nur eine kleine Unterdeckung haben, schießen die Preise plötzlich in die Höhe. Ich möchte annehmen, dass Nahrungsmittel damit jedenfalls teurer werden. Die Schwächsten, in den Entwicklungsländern, trifft es immer am härtesten.

STANDARD: Was sagen Sie zur umstrittenen Gasförderung durch Fracturing, bei dem Flüssigkeit in den Boden gepresst wird?

Wellmer: Die Wogen gehen in vielen Ländern hoch. Ich verstehe das ehrlich gesagt nicht. Seit 30 Jahren wird in Norddeutschland Gas durch Fracking aus Sandstein gefördert. Da gab es überhaupt kein Problem. Warum soll es beim Schiefergas plötzlich anders sein? Das ist ein Medienhype. (Alois Pumhösel/DER STANDARD, 23./24.6. 2012)

Share if you care
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.