Google: "Gutes Design ist sowohl Wissenschaft als auch Kunst"

Interview22. Juli 2012, 11:02
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James Home, User-Experience-Designer bei Google im Gespräch mit dem WebStandard

Nur schwerlich kann man behaupten, dass Google immer schon für gutes Design berühmt war, gerade in den frühen Jahren des Unternehmens galt die Devise: "Hauptsache schnell, das Aussehen ist zweitrangig". Gerade in den letzten Jahren ist hier aber ein grundlegender Sinneswandel zu bemerken, dies nicht nur in Bezug auf das mobile Betriebssystem Android sondern auch bei den zahlreichen Webservices des Unternehmens. Einer der maßgeblich für die User Experience der Google Suche zuständig ist, ist James Home, mit dem der WebStandard rund um die Entwicklungskonferenz Google I/O das folgende Interview führen konnte. Home geht dabei auf den grundlegenden Ansatz Googles in Fragen Design ein, erklärt, was mit dem vor wenigen Monaten angekündigten und dann wieder in der Versenkung verschwundenen Google-Menü passiert ist, und spricht über die Herausforderungen, die unterschiedliche Formfaktoren und Auflösungen an DesignerInnen stellen.

derStandard.at: Bei der Recherche zu diesem Interview bin ich über die Keynote von Marissa Mayer zur Google I/O 2008 gestolpert, in der Googles Zugang zu Design-Fragen folgendermaßen umrissen wird: "Design als Wissenschaft statt Kunst". Trifft diese Aussage auch heute noch die Herangehensweise von Google?

James Home: Ich würde sagen Design ist beides: Kunst und Wissenschaft. Die Aussage damals bezieht sich vor allem auf die Art, wie wir uns Feedback holen und dieses auswerten. Typischerweise läuft es so ab: Wir entwickeln ein Design, und dann liefern wir es an einzelne User aus, und schauen wie sie darauf reagieren. Und genau da ist der wissenschaftliche Teil - im Sammeln von Daten, schauen wie sich die Änderungen auf das Nutzungsverhalten auswirken. Umgekehrt ist die Art wie Informationen präsentiert werden, das bewusst simple Design natürlich eine "künstlerische" Entscheidung. Im Endeffekt geht es darum, die perfekte Mischung aus diesen beiden Komponenten zu finden.

derStandard.at: Wie funktioniert diese Art des "Data Driven Design" im Google-Alltag?

James Home: Üblicherweise läuft das so: Jemand hat eine Idee für ein neues Feature, und wir setzen uns dann zusammen, um gemeinsam alle möglichen Ideen zu sammeln, machen Entwürfe und versuchen eine grundlegende Vision zu entwickeln. Wir schauen uns natürlich auch die Forschung zu verwandten Themen an, und versuchen so zu einer ersten Version zu kommen. Und diese liefern wir dann an einzelne Nutzer aus und messen wie sie darauf reagieren. Zusätzlich betreiben wir auch regelmäßig klassisches "User Testing", bei dem wir Leute zu uns einladen. Beide dieser Möglichkeiten konnte ich in meiner früheren Arbeit kaum je anwenden, und es ist wirklich beeindruckend, wie viel besser das eigene Design durch solche Formen des Feedbacks wird. Die größte Herausforderung dabei ist eigentlich, dass man sein eigenes Ego in den Hintergrund rücken muss. Das ist natürlich nicht immer leicht, schließlich ist die eigene Vision auch ein wichtiger Antrieb. Aber im Endeffekt ist es doch so: Eine Vision, die die User nicht verstehen, ist einfach nicht gut.

derStandard.at: Von außen macht es den Anschein, als ob in den letzten Jahren Design bei Google wesentlich ernster genommen wird als zuvor. Wie hat sich das entwickelt?

James Home: Im Jahr 2011 gab es ein großes internes Projekt namens "Kennedy", das zum Ziel hatte eine einheitliche und hübsche, alle Google-Services übergreifende Designsprache zu finden, woraus dann unter anderem neue Versionen von Gmail und Google Search resultierten. Das war ein wirklich wichtiger Moment für Google, ein grundlegender Wandel, auch was die interne Wahrnehmung für die Relevanz von gutem Design betrifft. Seitdem kommen immer mehr Entwickler von sich aus zu mir und fragen mich um Rat.

derStandard.at: Wie wichtig ist Geschwindigkeit für gutes Web-Design?

James Home: Geschwindigkeit ist natürlich wichtig, ebenso aber der Versuch die visuelle Komplexität möglichst niedrig zu halten. Ein Beispiel: Vor kurzem haben wir den Knowledge Graph gestartet, der einen grundlegenden Wandel für die Google-Suche darstellt. Vergangenes Jahr war eine Suche nach "Vincent van Gogh" noch eine reine Stichwortsuche, jetzt können wir wirklich begreifen, was die NutzerInnen damit meinen und relevante Zusatzinformationen anbieten. Aber es ist natürlich eine große Herausforderung, die richtige Balance zwischen dem umgehenden Anbieten von solchen Informationen und dem Streben nach einem simplen Design zu finden. Für so ein großes Unterfangen sind zahlreiche Iterationen nötig.

derStandard.at: Wie lange dauert es bei so einer großen Änderung, bis man diese "richtig" hinbekommt?

James Home: Sehr lange. Die Arbeit am Knowledge Graph habe ich genau genommen schon vor für fünf Jahren begonnen, damals noch bei Metaweb, das dann 2010 von Google gekauft wurde. Und so etwas endet eigentlich nie, es kommt immer weiterer Feinschliff hinzu.

derStandard.at: Vor einigen Monaten hat Google in einem Blog-Posting den Abschied vom omnipräsenten schwarzen Navigationsbalken verkündet, nur um das neue Google-Menü dann still und heimlich wenige Wochen später wieder verschwinden zu lassen. Was ist passiert?

James Home: Es hat sich herausgestellt, dass unsere Erwartungen, wie die Leute das Menü nutzen, nicht wirklich aufgegangen sind. Das heißt nicht, dass wir den Menü-Ansatz vollständig verwerfen, aber er braucht definitiv noch weitere Iterationen. Diese Art von globalem Design, also Design, das alle Service betrifft, gehört zu den schwierigsten Aufgaben hier bei Google.

Wir versuchen natürlich immer neue Wege zu finden, wie die Leute am einfachsten zwischen den einzelnen Services wechseln können. Und mit den Änderungen am Nutzungsverhalten, an der Komplexität und Zahl unserer Angebote, muss sich natürlich auch die globale Navigation ändern. Je mehr die Leute die einzelnen Services als "Apps" sehen und nutzen, desto weniger Sinn macht so eine Navigation natürlich.

derStandard.at: Wenn man sich die aktuelle Google-Suche ansieht, dann gibt es reichlich Dopplungen, beispielsweise wird der Wechsel auf die Bildersuche sowohl in der Top-Navigation als auch im Sidebar links angeboten. Hat dies spezifische Gründe?

James Home: Nein. Wir sagen nicht, dass wir jetzt bereits das perfekte Interface gefunden haben, natürlich können wir das noch verbessern. Und an diesen Dingen arbeiten wir auch derzeit.

derStandard.at: In den letzten Jahren hat sich die Bandbreite im Internet signifikant vergrößert, die Bildschirmauflösungen ebenso, und trotzdem präsentiert Google bei jeder Suche zunächst mal nur zehn Ergebnisse. Warum hält man an dieser relativ kleinen Nummer fest?

James Home: Die wirklich wichtige Frage hier ist: Wie oft ist es überhaupt nötig, auf die zweite Suchseite zu wechseln? Und die Realität zeigt, dass das nur selten der Fall ist. Und wenn doch, dann ist man meist bei einer sehr konkreten Recherche, und bei dieser macht es durchaus Sinn, ein solches Seitenkonzept zu verwenden. Was die konkrete Anzahl betrifft: Hier haben wir schon vor einigen Jahren mal die NutzerInnen direkt gefragt, was sie haben wollen, und es kamen dabei so Antworten wie "100 Resultate". Doch beim Testen hat sich dann schnell gezeigt, dass eine solche Ausweitung der angezeigten Suchergebnisse einfach nicht funktioniert, weil sie sehr viel zusätzliche visuelle Komplexität mit sich bringt. Geschwindigkeit und Einfachheit sind gerade hier auch sehr wichtige Faktoren.

derStandard.at: Die Google-Suche wird auf unterschiedlichsten Geräten genutzt, neben dem Desktop-Browser vor allem auch auf Tablets und Smartphones. Wie geht man im Design mit so unterschiedlichen Formfaktoren um?

James Home: Man versucht möglichst konsistent zu bleiben, vor allem bei so fundamentalen Sachen wie der Google-Suche. Wenn ich bei jedem Gerät neu lernen muss, wie das Interface auf mich reagiert, wäre das zu viel verlangt. Aber natürlich gibt es jeweils unterschiedliche Interface-Strategien: "Hover" gibt es nur am Desktop, "Swipe" nur am Tablet. Ebenso funktionieren horizontale Layouts besser am Tablet, beim Web-Browser aber vertikale Layouts. Bei Tablets müssen Knöpfe wegen der Finger-Nutzung groß sein, beim Desktop können sie auch klein sein. Insofern ist es natürlich eine große Herausforderung ein Design zu finden, dass auf allen drei Plattformen gut funktioniert. Aber ich denke, je mehr gemeinsame Muster wir hier finden, desto besser für die Nutzer.

Wenn man heute das Browserfenster mit der Google-Suche vergrößert oder verkleinert, sieht man diesen Ansatz schon ein bisschen. Die Elemente werden dabei herumbewegt, womit sich das Ganze gut an unterschiedliche Bildschirmgrößen und -auflösungen anpasst. Und dieses Design wollen wir in Zukunft noch "flüssiger" und konsistenter machen. Im Endeffekt soll es so sein, dass sich die Nutzer keine Gedanken darüber machen müssen, auf welchem Gerät sie gerade sind, Google sollte immer Google sein.

derStandard.at: Also ein Ansatz, wie er derzeit unter dem Begriff "Responsive Web Design" recht stark gehypet wird?

James Home: Absolut. Wobei dieser Hype eigentlich eher eine Reaktion der Design-Community auf den Fakt ist, dass wir jetzt Bildschirme anvisieren, die irgendwo zwischen 300 und 3.000 Pixel breit sind. Und das ist eine ziemliche Herausforderung, für die klare Methoden entwickelt werden müssen. Insofern ist auch jede Aufmerksamkeit für dieses Thema gut.

derStandard.at: Ihr Team ist ausschließlich für das Design der Google-Suche zuständig, wie funktioniert die Zusammenarbeit mit anderen Teams, um hier Konsistenz zu bewahren?

James Home: Im Rahmen der zuvor schon erwähnten "Kennedy"-Initiative ist ein riesiger Style-Guide entstanden, in dem all die wichtigsten Regeln festgehalten sind. Und das nutzen wir als gemeinsame Ressource, die wir laufend um neue Komponenten / Erfahrungen erweitern. Und natürlich treffen wir uns ständig, um Erfahrungen auszutauschen und von einander zu lernen.

derStandard.at: Wie sehr verändern hochauflösende Displays wie jenes vom neuen Macbook Pro die Arbeit eines Designers?

James Home: Es ist definitiv eine sehr aufregende Zeit, um ein Designer zu sein. Hochauflösende Bildschirme sind eine riesige Veränderung

derStandard.at: In welcher Hinsicht muss man hier das Design anpassen, Schriften, Abstände, Bilder?

James Home: Schriften skalieren ziemlich gut, das ist also kein großes Problem. Bei Bildern ist das aber etwas ganze anderes. Aus jedem kleinen Bild wird plötzlich ein großes, weil es in höherer Auflösung vorhanden sein muss. Und dann stellt sich die Frage, wie man damit umgeht, dass nicht jedes System so ein hochauflösendes Display verwenden wird.

Zur Zeit heißt es vor allem mal, dass meine Photoshop-Dateien mittlerweile viel größer als früher sind.

derStandard.at: Wird danke für das Interview.

(Andreas Proschofsky, derStandard.at, 22.07.12)

James Home ist Produkt-Designer bei Google, der an der nächsten Generation der Suchmaschinenoberfläche arbeitet. James hilft Unternehmen und Organisationen seit mehr als 17 Jahren gute Ideen in clevere Tools zu verwandeln. Er arbeitet gerne jenseits der wahrgenommenen Grenzen zwischen Design, Produkt-Strategie, Software- und Markenentwicklung.

Links

Google-Profil von James Home

Keynote von Marissa Mayer zur Google I/O 2008

Google Blog: Evolving the Google design and experience

Google Blog: The next stage in our redesign

Eintrag zu "Responsive Web Design" bei Wikipedia

  • Google legt immer mehr Wert auf gutes Design - und das gilt auch für das Arbeitsumfeld, wie hier beim Google Büro in London.
    foto: google london

    Google legt immer mehr Wert auf gutes Design - und das gilt auch für das Arbeitsumfeld, wie hier beim Google Büro in London.

  • James Home.
    foto: google

    James Home.

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