Zornige Sterne, große Stadt

22. Juni 2012, 17:52
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Im Künstlerroman "Der dritte Bettenturm" frönt Stephan Alfare der Beschreibungslust und führt in die Niederungen der Gesellschaft

Nach der letzten Seite des neuen Romans Der dritte Bettenturm von Stephan Alfare, es wurde eben Schwarzwälderkirschtorte in der Krankenhauskantine geschlemmt, blickt einem auf dem Umschlag das markante Gesicht des in Wien lebenden weitgereisten Vorarlbergers entgegen: wilde, graubraune Haare, stoppeliger Bart, selbstgedrehte Zigarette im Mund. Der Blick ist streng, kühl und mit einer melancholischen Selbstgefälligkeit ausgestattet. Man vermutet ein gutes Herz - und eine grundsätzlich pessimistische Weltsicht.

In dem Augenblick ersteht vor dem inneren Auge des Lesers der visuelle Victor Flenner, jene Hauptfigur, die selbst Schriftsteller ist und der wir am Beginn des 400-seitigen Künstlerromans auf ihrem Heimweg, sturzbetrunken dahintrottend, begegnen. Etwas treibt ihn an: Der Verzweifelte zerstört eine Fensterscheibe und lässt sich dann als "Lebenskerze" Kopf voran die Treppen hinunterfallen. Irgendwie kriecht er noch in die Wohnung und bleibt bewusstlos und blutüberströmt zwischen Schnapsflaschen und zerquetschen Bierdosen liegen. Nach zwei Wochen im künstlichem Tiefschlaf findet er sich im dritten Bettenturm auf Ebene 17, Station A, eines großen Krankenhauses in einer "großen grauverwaschenen" Stadt wieder.

Es wäre müßig, darüber zu spekulieren, ob Alfare mit Flenner ein Alter Ego geschaffen hat oder Ähnliches selbst erlebte. Gewiss ist, dass der Autor, der sich viele Jahre als Sargträger am Ottakringer Friedhof sein Leben finanzierte, über eine ungemein reichhaltige Einbildungskraft und exakte Beobachtungsgabe verfügt. Die detailverliebten Orts- und Gebäudeschilderungen erscheinen bildhaft und lassen Wien unter "verwischten Wolken" oder "zornigen Sternen" erwachen.

Ein allwissender Erzähler wechselt von einer Innen- in eine Außenwelt, immer in Bezug zu Flenner, der den Erfolg seines letzten Buches nicht verkraftete. Innen, das ist der marode Narrenturm, in dem der schreibende Grenzgänger zwischen extremer Selbstzerstörung und willensstarker Überlebenskraft die Vorgänge zu rekonstruieren versucht, jedoch: "Landschaft und Städte, Menschen und Tiere und Pflanzen verloren schlechtweg an Leben, je mehr er sich mit Gewesenem beschäftigte."

So realistisch die Umgebung erscheint, so verschwommen sind die launisch-launigen Erinnerungen, die Einblicke in sein Leben und Kunstverständnis erlauben, geprägt von Hassliebe zu den Menschen, morbidem Humor und Todesahnung. Angesiedelt irgendwo zwischen Thomas Bernhard und Georg Danzer, die beide kurz vorkommen, ohne genannt zu werden.

Ein Kommen und Gehen im Krankenzimmer, Patienten sterben. Krankenschicksale, wie jenes vom Mädchen mit der Glatze, gehen dem Bettlägrigen nahe; der todgeweihte Teichfischer wird sogar sein Lebensmensch. Der Nörgler Flenner begegnet herrlich unmenschlichen Ärzten und hilflosen Psychologen.

In Abständen bricht die Außenwelt, die "triste, seelenlose Vorstadt", in das pathologische Dasein Flenners herein. Seine Schwester Leira besucht ihn täglich, bis sie selbst einem morbiden Wahn verfällt. Weitaus seltener kommt sein Freund Jean, der Maler, in die Klinik. Um den Badeschlapfenträger konstruiert Alfare die Familiengeschichte eines rebellischen Künstlers ohne Anerkennung, der sein Genie im Alkohol ertränkt; seine ebenfalls malende Frau erliegt dem intriganten, geldgierigen Kunstbetrieb.

Stephan Alfare, 1966 geboren, schöpft aus Erlebnissen, wenn er die sozialen Niederungen unserer Gesellschaft authentisch und realistisch ohne Bedeutungsschwermut beschreibt.

Wer viel sieht und erlebt, kann eine Menge mitteilen. Eine fast schon maßlose Beschreibungslust zeigt sich in liebevollen, schrullig-närrischen Figurenillustrationen; gelungen sind die abstoßenden Körperdarstellungen.

Aus sprachlicher Sicht will sich der Roman nicht festnageln lassen und verwendet durchgehend bundesdeutsche Ausdrücke wie "Junge", "Kulturbeutel" oder "Aprikosenkuchen". Wirkt die Sprache anfangs durch eine Reihe von Semikolons hart und abgehackt, wird sie später erzählender, aufgepeppt durch originelle Wörter. Bei der Lektüre braucht man etwas Geduld, um in die von Traurigkeit, Verzweiflung und Betrug geprägte Welt einzutauchen. Ist man drinnen, lässt sie einen nicht so schnell los.

In der skurrilen Milieustudie wollen einsame Menschen aus ihren elenden Verhältnissen und schäbigen Wohnungen ausbrechen. Sie wissen Bescheid um den tödlichen Strudel, in dessen Sog sie sich befinden, aber Auswege und Aussichten gibt es keine. Kranke Grundstimmung: Alles ist eh wurscht. Die Kinder sind die Opfer des Egoismus der Erwachsenen. Liebe ist ein Fremdwort; Entwicklung im Grunde auch. Einmal sagt Flenner: "Die Welt bleibt, wie sie ist, das ist mal klar." Dabei ist allein er es, der nach halbjährigem Hospitalaufenthalt so etwas wie warmherzige Hoffnung für einen Neuanfang hegt. (Sebastian Gilli, Album, DER STANDARD, 23./24.6.2012)

Stephan Alfare, "Der dritte Bettenturm". Euro 22,00 / 392 Seiten. Luftschacht, Wien 2012

  • "Die Welt bleibt, wie sie ist, das ist mal klar." Eine ungemein 
reichhaltige Einbildungskraft, exakte Beobachtungsgabe - und ein gutes 
Herz: Stephan Alfare.
    foto: peter teufl, www.bluebug.at

    "Die Welt bleibt, wie sie ist, das ist mal klar." Eine ungemein reichhaltige Einbildungskraft, exakte Beobachtungsgabe - und ein gutes Herz: Stephan Alfare.

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