Musizieren verbessert Geschicklichkeit

22. Juni 2012, 11:36
  • Klavierspielen erhöht die motorische Leistungsfähigkeit in beiden Händen.
    foto: baxel/pixelio.de

    Klavierspielen erhöht die motorische Leistungsfähigkeit in beiden Händen.

Gehirn wächst mit der Herausforderung - Messbare Umstrukturierung nach zwei Wochen Klavierspielen

Prag - Schon zwei Wochen regelmäßiges Klavierüben führt zu einer messbaren Umstrukturierung der grauen Substanz im Gehirn, zu verbesserter Zusammenarbeit zwischen den beiden Gehirnhälften und größerer Geschicklichkeit. Zu diesem Ergebnis kommen Studien italienischer Forschergruppen, die zuletzt auf dem Europäischen Neurologenkongress in Prag vorgestellt wurden. Offenbar wächst das Gehirn mit der Herausforderung: Je komplexer die Aufgabe, desto größer die Veränderung.

Testpersonen ohne musikalische Vorerfahrung, die zwei Wochen lang regelmäßig Geläufigkeitsübungen auf einer Keyboard-Tastatur absolvieren, sind danach nicht nur nachweislich geschickter - auch ihre Gehirne haben sich messbar verändert. Das zeigen Studien des Universitätshospital San Raffaele (Mailand, Italien). Beidhändiges Training führt bereits nach derart kurzer Zeit zu einer ausgeglicheneren Aktivität und besseren Zusammenarbeit der Gehirnhälften sowie zu einem feineren Ansprechen der Fingermuskulatur auf Nervenimpulse. Die musikalischen Impulse führen auch zu strukturellen Umbauten der grauen Substanz jener Gehirnregionen, die für die Bewegungskoordination zuständig sind - je komplexer die Aufgabe, desto mehr.

Eine erst in letzter Zeit eingehender erforschte Fähigkeit des Gehirns ist es, sich je nach den gestellten Aufgaben selbsttätig so umzubauen, dass seine innere Struktur und Organisation den Anforderungen am besten entspricht. Diese sogenannte „Neuroplastizität" funktioniert nach klaren Grundsätzen: Gehirnregionen, die häufig genutzt werden, vernetzen sich selbsttätig besser, von weniger genutzten werden gleichsam Ressourcen abgezogen. Die beiden neuen Studien zeigen, dass die Anforderungen musikalischer Übungen ein besonders wirksamer Katalysator zur Selbstoptimierung bestimmter Gehirnleistungen sind.

Durch Klavierspielen zum Gleichgewicht

In der ersten Versuchsanordnung mussten zwölf musikalisch unerfahrene Probanden innerhalb eines Zeitraums von zwei Wochen zehn 35-minütige Übungseinheiten auf einer elektronischen Klaviertastatur absolvieren. Vor Beginn und nach Abschluss des Trainings wurden die Bewegungsfunktionen der Hand untersucht sowie neurophysiologische Tests mit Hilfe eines 32-Kanal-EEG (Elektroenzephalogramm) sowie durch transkraniale Magnetstimulation (TMS) durchgeführt. Ergebnis: Alle Versuchspersonen konnten ihre motorische Leistungsfähigkeit durch das Training dramatisch verbessern, wobei vor allem die Angleichung der Leistungsfähigkeit beider Hände auffiel. „Unsere Resultate zeigen, dass ein beidhändiges Bewegungstraining bei Rechtshändern mit einer signifikanten Verbesserung der Geschicklichkeit der linken Hand einhergeht", so Elise Houdayer vom San Raffaele Krankenhaus in Mailand. "Zehn Tage eines sachkundig gelenkten Bewegungstrainings können offenbar ausreichen, um Veränderungen der kortikalen Plastizität auszulösen, was Ergebnissen ähnlich ist, die von professionellen Musikern berichtet werden."

In der anderen Studie der Abteilung für Neurobildgebung des San Raffaele Krankenhauses unter Massimo Filippi wurden insgesamt 45 musikalisch unerfahrene Testpersonen dazu aufgefordert, mit ihrer rechten Hand auf einer computer-modifizierten Tastatur eine vorgegebene Tonfolge zu spielen, wobei sie rhythmisch den Einsätzen eines Metronoms folgen sollten. Eine Gruppe hörte nur die Einsätze des Metronoms, die zweite zusätzlich einen musikalischen Einsatz im gleichen Rhythmus wie das Metronom und die dritte, als schwierigste Aufgabe, einen musikalische Einsatz in einem rascheren Rhythmus als das Metronom. Eine Übungssitzung dauerte 30 Minuten. Alle Probanden durchliefen innerhalb von zwei Wochen zehn Sitzungen. Vor Beginn und nach Ende dieses Trainings absolvierten alle Probanden einen Geschicklichkeitstest sowie Gehirnuntersuchungen mit modernsten bildgebenden Verfahren.

Volumenveränderung der Grauen Substanz

In allen drei Gruppen hatte sich die Geschicklichkeit verbessert. Während kein Einfluss der Klavierübungen auf die Architektur der „Weißen Substanz" des Gehirns nachgewiesen werden konnte, zeigten sich jedoch signifikante Volumenveränderungen der Grauen Substanz in Gehirnbereichen, die für die Bewegungskoordination wesentlich sind. In jener Gruppe, die mit einem rascheren musikalischen Rhythmus als dem vom Metronom vorgegebenen zurechtkommen musste, veränderte sich das Volumen der Grauen Masse in noch größerem Ausmaß. „Musikalische Stimulation während eines Bewegungstrainings verbessert also die motorische Leistungsfähigkeit und beeinflusst die strukturale Plastizität der Grauen Masse, wobei die Komplexität der Aufgabe auch mit einer ausgeprägteren Veränderung der Hirnrinde einhergeht, wie sich im funktionellen MRI zeigt", so Studienleiter Filippi und Präsentatorin Maria Assunta Rocca. (red, 22.6.2012)

Kommentar posten
16 Postings

Und ein paar Yngwie Malmsteen Arpeggios auf der Klampfn und man wird noch schlauer! ;)

Da bin ich mal froh, dass es wieder eine aktuelle Studie gibt, die den positven Einfluss der Musik bestätigt.
Schade nur, dass die Schulpolitik den isntrumentalunterricht aus den Schulen verbannt hat und viele ihren Kidnern diese tolle Sache aus finanziellen Gründen nicht mehr bieten können.
Aber Hauptsache die Kinder habe Zugang zu Nintendo und Co.

Unlaengst war vom Segen des Golfspielens

zu lesen. Diesmal Klavierspielen.
Da machen wohl Aerzte ihr Hobby zum Forschungsgegenstand.
Es war aber noch nie was von Trommeln zu hoeren. Der Aufwand fuers Trommeln ist nur ein Bruchteil von Golf oder Klavier. Es waere - und wird auch - praktisch leicht einzusetzen.
Es foerdert Geschicklichkeit, Kreislauf und nicht zuletzt die soziale Kompetenz. Die Einstiegshuerde ist wesentlich niedriger als bei Klavier. Es ist auch im Alter noch erlernbar (gut Trommeln ist aber genauso schwierig wie Klavier).
Aber das ist halt in Aerztekreisen nicht so chic.

Ein wenig Paranoia liegt da in der Luft.
Ich find's eigenartig ein Instrument über ein anderes zu stellen.
Das Klavier kann nix dafir!

Geschicklichkeitstraining verbesser die Geschicklichkeit

Nicht schlecht. ;-)

Man muesste nur klaeren, ob es genauso gut

wie Computerspielen ist.

ich wage auch noch folgende behauptungen:

- sport verbessert geschicklichkeit

- künstlerische betätigung verbessert geschicklichkeit

- handwerkliche betätigung verbessert geschicklichkeit

ganz besonders gut für unmusikalische

und an musik völlig uninteressierten menschen ;-)

und deren nachbarn!

toll!
erinnert auch an die Arbeit von Gerhard Hüther.

Ein gutes steckenpferd fuer die Alten

Die Alten koennen auch durch das Klavierspielen gesund sein. Denn es stimuliert das Gehirn, bietet eine gute Bewegung fuer die Finger und Haende, waehrend man spielt; und auch Hals und Kopf, waehrend man die Musiknoten liest. Dazu ist man frohlich sein, wenn man ein schoenes Klavierstueck wie "Fuer Elise" spielen kann.

Trommeln ist einfacher, billiger und lustiger

Man kann es foerdert auch die soziale Kompetenz, weil man es in der Gruppe macht.

Nein, nein, nein

das kann nicht sein.
Einfacher, billiger, lustiger und sozialer ... ist halt für Sie so.
Sie sind ja ein Instrumentenrassist oder ein "Trommel"-Lehrer, oder Missionar, auf jeden Fall glaub' ich denken Sie, dass "Trommeln" (was Sie jetzt genau damit meinen weiß ich nicht) gesellschaftlich wenig anerkannt ist.
Es sind eh alle Musikinstrumente gut fürs Menschlein.

Es gibt kaum etwas Schlimmeres als "Für Elise" von Leuten gespielt, die kaum Klavierspielen können. Ein Graus! ;)

da haben sie aber noch nie

einen haufen von trommlern gehört die meinten sie spielen zusammen und dass das auch für andere menschen interessant klingt.

btw - ich bin selbst trommler.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.