"Ich bin froh, mein eigenes Gesicht zu haben"

Interview | Sophie Niedenzu
17. September 2012, 10:40
  • "Ich habe mich nie nicht akzeptiert", sagt Brandopfer Bernhard Heitz.
    foto: bernhard heitz

    "Ich habe mich nie nicht akzeptiert", sagt Brandopfer Bernhard Heitz.

Bernhard Heitz lebt mit den Folgen einer schweren Brandverletzung - Eine Gesichtstransplantation kam für ihn nie in Frage

Mit einem Kleinflugzeug die Welt erkunden: Diesen Traum hat sich Bernhard Heitz vor 15 Jahren erfüllt. Seine Reise nahm jedoch ein jähes Ende, als er über Kanada abstürzte. Heitz überlebte zwar das Unglück, ist aber seither schwer brandverletzt. Mit derStandard.at spricht er über die Folgen des Absturzes.

derStandard.at: Wie geht es Ihnen heute? 

Heitz: Physisch bin ich bemüht, halbwegs fit zu bleiben. Je älter man wird, desto schwieriger werden die Dinge, bei Brandverletzten ist es noch schwieriger. Ich gehe regelmäßig mit meinem Hund spazieren oder ins Fitnessstudio. Aufgrund der verletzlichen Haut kann ich die meisten Sportarten nicht ausüben. Und seelisch geht es mir eigentlich gut.

derStandard.at: Sie sind zu 85 Prozent brandverletzt. Wie lange hat die Rehabilitation gedauert?

Heitz: Ich habe zwei Jahre lang Physiotherapie gehabt, psychisch hat die Verarbeitung länger gedauert. Man wird ja aus dem Leben gerissen, es verändert sich alles. Bis man damit zurechtkommt, das dauert. Bei mir waren es sieben Jahre.

derStandard.at: Sie haben ein Buch über Ihre Reise und den Absturz geschrieben. Wie ist es dazu gekommen?

Heitz: Ich habe Jura studiert, und eine Kollegin, die mit einem Verleger verheiratet ist, hat mir ein Diktiergerät gekauft, als ich noch im Krankenhaus in Kanada lag. Als ich nach Deutschland transportiert wurde, hatte ich eine Überlebenschance von 50 Prozent. Weil ich aber auf meiner Flugreise durch die Welt viele schöne Sachen erlebt habe, wollte ich das auf Band sprechen, damit sich meine Mutter meine Erlebnisse anhören kann, sollte ich nicht überleben. Mir war das mit dem Buch nicht so bewusst. Ich habe irgendwann gemerkt, dass es für mich selber eine Verarbeitung und Teil meiner Rehabilitation war.

derStandard.at: Wie hat Ihre Umgebung auf Ihr verändertes Aussehen reagiert?

Heitz: Es sind manche Freundschaften vertieft, andere neu geknüpft worden, und einige sind auseinandergegangen. Zum Beispiel habe ich die Schwester meiner Mutter seitdem nicht mehr gesehen, weil sie das nicht möchte. Ich hatte auch einmal eine Freundin, deren Mutter davon überzeugt war, dass sie nur mit mir zusammen sei, um sie vor ihren Freunden zu blamieren. Das ist eigentlich sehr traurig, aber für mich hat das etwas Komödienhaftes. Ich bin ja nicht so anders als die anderen, es ist mir nur etwas widerfahren, das man nicht verstecken kann.

derStandard.at: Wie schwer ist es Ihnen gefallen, sich selbst so zu akzeptieren?

Heitz: Ich habe mich nie nicht akzeptiert. Ich kann mich noch erinnern, als ich noch im Krankenhaus lag und ins Bad ging, da habe ich mein Spiegelbild gesehen, und ich habe mir gedacht: "Wow, du siehst echt scheiße aus!" Das war mein Erlebnis mit mir selbst.

derStandard.at: Seit 2005 wurden weltweit mehr als ein Dutzend teilweise oder vollständige Gesichtstransplantationen durchgeführt. Was halten Sie davon? 

Heitz: Grundsätzlich ist der medizinische Fortschritt gut, aber die Transplantierten müssen ihr Leben lang Medikamente schlucken, das würde ich nicht wollen. Man muss aber natürlich abwägen, wer operiert wird. Die Transplantationen wurden an Menschen durchgeführt, die wirklich kein Gesicht mehr hatten. Für mich wären Aufwand und postoperative Folgen zu groß. Mein Gesicht unterscheidet sich ja nicht so extrem seit dem Unfall, weil die Gesichtsstruktur nicht so zerstört wurde. Nur die Haut darüber ist anders.

Ich bin froh, mein eigenes Gesicht zu haben. Nach einer Transplantation würde ich immer an den Spender denken müssen, und dazu gehört sicher eine Palette an Emotionen: von Dankbarkeit bis hin zu Unbehagen. Wenn ich müsste, könnte ich aber mit einem transplantierten Gesicht leben. Ich bin allerdings überzeugt, dass es für Männer einfacher ist, mit einem entstellten Aussehen zu leben, weil Frauen mit dem Herzen sehen, Männer hingegen mit den Augen.

derStandard.at: Wie sehr kämpfen Brandverletzte in Ihrer Selbsthilfegruppe mit ihrem entstellten Körper?

Heitz: Ich selbst bin ja sehr pragmatisch, aber für viele Brandverletzte ist die Angst vor der Ablehnung, die Angst vor dem Anderssein sehr groß. Wir hatten in der Selbsthilfegruppe einen Künstler, der sich nach einer Weile selbst wieder angezündet hat und gestorben ist. Dem versuchen wir durch die Betreuung entgegenzuwirken, aber leider nicht immer erfolgreich. Die Suizidrate unter Brandverletzten ist doppelt so hoch wie in vergleichbaren Probandenkreisen der nicht Brandverletzten.

derStandard.at: Wie sind Ihre Erfahrungen mit den Reaktionen in der Öffentlichkeit?

Heitz: Es gibt welche, die schauen zuerst hin und schauen dann weg, dann gibt es die, die nicht reagieren, und jene, die zuerst schauen, sich dann wegdrehen und, wenn sie glauben, dass man das nicht mehr bemerkt, wieder hinschauen. Einmal ist einer gegen einen Laternenpfahl gelaufen.

derStandard.at: Wird das Anderssein in der Gesellschaft zu wenig thematisiert?

Heitz: Ja, schon. Ich habe zum Beispiel früher immer gedacht, dass es nur zwei Sorten von Menschen nach einem Brandunfall gibt: die Toten und die Überlebenden. Dass es Menschen mit Brandverletzung gibt, war mir nicht bewusst, bis ich selbst auf der Brandverletztenstation gelegen bin. (Sophie Niedenzu, derStandard.at, 17.9.2012)

Bernhard Heitz (49) hat Jus studiert und hat als Berufspilot in Neuseeland gearbeitet. Nach seinem Unfall vor 15 Jahren hat er die Selbsthilfegruppe "Phönix" mitgegründet und das Buch "Phönix - Leben nach dem Feuer" geschrieben. Er lebt gemeinsam mit seinem Hund in Baden-Württemberg.

Link

Phönix Deutschland - Hilfe für Brandverletzte e.V.

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Es gibt welche, die schauen zuerst hin und schauen dann weg

und wie reagiert man am besten? klar schaut man hin. weil es ja auffällt. weg schaut man dann weil man den betreffenden nicht komprimitieren will. ansprechen? mitleid signalisieren schmerzt auch.. egal wie reagieren, kann alles falsch oder richtig sein.

Sehr authentisches und sympathisches Interview, wünsche ihm alles erdenklich Gute!

Ich bin kein ängstlicher Typ, aber vor offenem Feuer habe ich enormen Respekt. Brandverletzungen sind enorm schmerzhaft und heilen sehr langsam, sofern das Opfer überhaupt überlebt. Ich habe mich schon von „Grillfesten“ vorzeitig entfernt, weil sich die Gastgeber - trotz mehrfacher Hinweise auf grundlegende Sicherheitsmaßnahmen- bar jeder Vernunft zeigten. In einem Fall hat der Funkenflug einen Schwellbrand in einem Holzstapel an der Hauswand ausgelöst, der dann zum Abbrennen des ganzen Hauses geführt hat.

Lieber Herr Heitz,
ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute.
Gruß

so viel angst

ist auch nicht gut...

wie geht es ihnen beim überqueren einer stark befahrenen straße?

Herr Heitz würden Sie sich bei mir melden? Wir haben seit 1987 sehr vielen Menschen mit Brandnarben geholfen.

Meine persönliche email ist enricodalvero@yahoo.it - ich würde Ihnen dann mehr Informationen zukommen lassen. Wir sind nicht weit auseinander - By - BWB.

"frauen sehen mit dem herzen"

"er lebt gemeinsam mit seinem hund"

Das eine schließt das andere nicht aus.

das ganze ist eine wunschvorstellung, an die er glauben muss, da alles andere viel zu negativ wäre und vielleicht zu verbitterung führen würde. das ist aber schon der einzige grund warum man sich solche traumvorstellungen nicht von der realität kaputtmachen lassen würde.

frauen reagieren eben auf andere optische reize als männer, dies aber deutlich weniger stark, da einiges in ihrer wahrnehmung auch soziale und ökonomische bewertung beinhaltet, was eben beim mann wiederum viel schwächer ausgeprägt ist. im verhältnis. das ist mehrfach bewiesen.

ich wollte nur den widerspruch aufzeigen (und der ist deutlich), da man daran erkennen kann, dass glaube manchmal berge versetzen kann aber manches eben doch nicht schafft.

mit dem Geschlecht im "biologischen" Sinn hat es nichts zu tun, eher mit dem Anerzogenen:

würden Frauen nicht auf optische Reize reagieren, würds mit der Fortpflanzung nicht funzen. Bei Blinden beiderlei Geschlechts übernmehmen das halt andere Sinne. Fakt ist aber, dass Frauen sehr viel mehr und kritischer mit ihrem Äußeren sind, weil uns das von klein auf mehr oder weniger eingebläut wird und es vielen von uns viel Kraft abverlangt, sich so zu akzeptieren, wie wir sind. Männern werden "Schönheitsfehler" leichter verziehen als Frauen. Ich vermute, derselbe Mechanismus liegt auch bei echten Entstellungen zugrunde. Frauen werden von klein auf dazu erzogen, in erster Linie zuerst niedlich und dann schön zu sein (ich hatte diesbezüglich Glück, meine Bezugspersonen hatten nicht so einen Vogel), bei Männern ist das anders

stimme grundsätzlich zu. die erziehung ist natürlich ein wichtiger faktor.
zu dem satz: "Männern werden "Schönheitsfehler" leichter verziehen als Frauen." muss ich allerdings sagen, dass es nicht angebracht ist, das passiv zu verwenden, das eine gruppierung suggeriert, die das äußere von menschen in übermaße bewertet. im normalfall sind es die frauen selbst, die so kritisch mit sich umgehen. das beruht nicht auf einer grundsätzlichen, gesellschaftlichen oberflächlichkeit (auch wenn man diese durch medienkonsum schnell vermuten könnte). es gibt zwar diese einfältigen menschen, die sich sehr mit dem aussehen anderer beschäftigen, aber deren meinung ist doch hoffentlich nicht der grund für diese anstrengung.

herr analytiker,

es soll auch schöne männer geben, die gerade nicht VERgeben sind.

die fangen aber nicht an, frauen zu glorifizieren.
und der umstand, den du beschreibst, ist mir durchaus bekannt. aber danke für den hinweis.

vielleicht solltest du

nicht pseudo-gscheide analysen von dir geben, wenn du nicht in der lage bist zu beurteilen worüber der mann spricht?

na gut, dann erklär es mir bitte. worüber spricht der mann?

womit ich natürlich nicht sagen will, dass es keine menschen gibt, die vor allem 'mit dem herzen sehen'.
obwohl ich mir über die definition dieser aussage nicht im klaren bin. es ist eine starke vereinfachung, die weitläufige assoziationen ermöglicht.
jedenfalls gibt es diese menschen, die diese eigenschaft haben, allerdings bin ich der ansicht, dass das nichts mit dem geschlecht zu tun hat.

@ Lilly Rush
aber du hast recht, das eine schließt das andere in diesem fall nicht aus. es ist natürlich möglich, dass man einer eventuellen widerlegung einer überzeugung aktiv aus dem weg geht. aber ich denke nicht, dass du darauf angespielt hast. wobei mich interessieren würde, was du eigentlich genau gemeint hast.

War jetzt nicht einfach den Faden in ihrer Diskussion wieder zu finden Teil1

Also grundsätzlich bin ich mal davon ausgegangen, dass sie meinen, der Satz "frauen sehen mit dem herzen" wird durch die Tatsache widerlegt, dass er mit seinem Hund gemeinsam (d.h. ohne Frau) lebt.

Der Umstand, dass er derzeit (alleine) mit seinem Hund lebt sagt aber nicht, dass er nicht vielleicht zwischenzeitlich mit einer Frau glücklich war. Warum man auseinander geht kann viele Gründe haben.
Darauf weist auch dieser Satz hin:

"Ich hatte auch einmal eine Freundin, deren Mutter davon überzeugt war, dass sie nur mit mir zusammen sei, um sie vor ihren Freunden zu blamieren."

Ein sehr interessanter Satz, der ein schönes Bild unserer oberflächlichen Welt gibt.

Teil2

Vielleicht ist diese Freundin mit dem Druck ihrer Umgebung nicht mehr klar gekommen. Es ist schwer sich gegen das komplette Umfeld zu stellen, vor allem gegen die eigene Mutter. Dieser Satz widerlegt für mich deine Annahme, dass er "einer eventuellen Widerlegung einer Überzeugung aktiv aus dem Weg geht."

"womit ich natürlich nicht sagen will, dass es keine menschen gibt, die vor allem 'mit dem herzen sehen'."

Da stimme ich mit dir überein. Vor allem, dass das nichts mit dem Geschlecht zu tun hat. Ich sehe das eher als einen Reifezustand der Persönlichkeit.
Was aber wiederum dazu führen kann, dass man "menschliche" Charakterfehler schwerer wiegt als die optische Anziehungskraft.

Teil3

Über diesen Teil - seine Attraktivität bei Frauen - würde ich gerne mehr erfahren.
Meiner Meinung nach gibt es wenige Menschen die über die reine Optik hinwegsehen, seiner Meinung nach generalisiert sich das auf viele Frauen.
Demnach muss er diesbezüglich schon mehrere Erfahrungen und durchwegs positive gemacht haben.

Ich fand sein Interview sehr ansprechend. Ohne ihn jetzt persönlich zu kennen, finde ich ihn anziehend. Meiner Meinung nach ist er eine Persönlichkeit, die sich bereits sehr tief mit sich selbst und auch dem Umgang mit anderen auseinandergesetzt hat.
Von ihm könnte ich bestimmt noch sehr viel lernen.

Hut ab, ein so schweres Schicksal so zu meistern!

Habe mal vor vielen Jahren einen Patienten kennengelernt, dessen Haut zu knapp 80 % verbrannt war, allerdings weniger im Gesicht. Was der erzählt hat, was er schon durchgemacht hat an Operationen und Leiden, kaum vorstellbar. Das ist wahrlich ein sehr schweres Los.

Wow...

...was der für einen Willen hat, da können sich manche "normale" Menschen eine Scheibe davon abschneiden.

Tolles Interview Toller Mensch!!

Ich wuerde mir wuenschen es gaebe mehr Leute seines Kalibers!!!

...und plötzlich werden meine "normal hässlichen" Operationsnarben sowas von nichtig. Von dieser inneren Stärke können wir alle viel lernen.

denk ich mir auch grad bei meinen grauen Haaren und den paar Kilo zuviel...

;-)

Das schönste ist zu sehen, wie echte Freunde Freunde bleiben.
Ich wünsche diesem Mann, ohne ihn zu kennen, noch viele tolle Lebensjahre. Besser ein verbranntes Gesicht als eine tote Seele. Das Leben ist schön - nur der Mensch ist ein Bazillus.

WIR aber sind Aliens.
;)

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