Ka Land da gegen Calanda

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  • Conrad Meadows veranschaulicht hier, wie weit die Adler von einem Sieg über die Vikings weg waren.
    foto: herbert kratky/photokratky.com

    Conrad Meadows veranschaulicht hier, wie weit die Adler von einem Sieg über die Vikings weg waren.

  • Chancenlos gegen Calanda: Für die Swarco Raiders gab es im EFL Semifinale einen empfindlichen Dämpfer.
    foto: herbert kratky/photokratky.com

    Chancenlos gegen Calanda: Für die Swarco Raiders gab es im EFL Semifinale einen empfindlichen Dämpfer.

  • Apropos
 Fußball: Berlin versuchte es in Wien auch mit ungewohnten Tacklings. 
Jetzt ist auch klar, warum die Hertha absteigen musste, wenn ihre wahren
 Talente den falschen Ballsport betreiben.
    foto: herbert kratky/photokratky.com

    Apropos Fußball: Berlin versuchte es in Wien auch mit ungewohnten Tacklings. Jetzt ist auch klar, warum die Hertha absteigen musste, wenn ihre wahren Talente den falschen Ballsport betreiben.

  • Eine der großen Unterschiede zwischen Fuß- und Football: Beim Football sind die Hooligans von Beginn an am Feld.
    foto: herbert kratky/photokratky.com

    Eine der großen Unterschiede zwischen Fuß- und Football: Beim Football sind die Hooligans von Beginn an am Feld.

Innsbruck wurde am Tivoli von Chur vernascht, verlor seinen Spielmacher und damit womöglich auch die AFL-Saison, die am Samstag bereits fortgesetzt wird

Nicht wenige hätten wohl viel Geld darauf verwettet, dass die Raiders nicht mit mehr als 30 Punkten Unterschied gegen die Calanda Broncos aus Chur ihr EFL-Halbfinale verlieren werden. Man muss schon tief in den Archiven stöbern, um einen höhere Niederlage am Tivoli als dieses 3:35 zu finden. 2007 gab es eine 12:56-Schlappe in Wien, in Innsbruck verloren die Raiders zuletzt im Jahr 2005 höher (12:62 - wieder gegen die Vikings). Auf europäischer Ebene war es die zweithöchste Niederlage in der Vereinsgeschichte nach einem 0:35 gegen Bergamo im Jahr 2001. Und zwischen den Italienern anno dazumal und den Schweizern heute gibt es deutliche Parallelen.

Wie Bergamo Manager Mario Rende damals die USA nach ehemaligen College-Spielern mit italienischen Migrationshintergrund abgraste, schauten sich die Broncos gleich hier am Kontinent um Spieler um, die für sie infrage kommen. Und sie wurden auch fündig. Hauptsächlich in Deutschland und Österreich. Dafür gibt es heute wie damals ganz gutes Geld. Das ist in Europa völlig legal, was so manche in Österreich nun auf die Palme bringt, da man sich als Amateursport begreift.

In Innsbruck hat man vor allem die Befürchtung, dass man zu einem Ausbildungslager für ein Profiteam verkommt und Spieler, die in Tirol ausgebildet wurden, ablösefrei an einen zahlenden Verein gehen. Bisher verließ allerdings nur einer ihrer Eigenbauspieler und ein hauseigener Coach sie in Richtung Calanda, angesprochen hätten die Churer aber eine ganze Reihe. Vor allem junge Spieler würden in ihr Beuteschema passen. Die Raiders selbst fahren zwar ebenfalls eine nicht völlig unproblematische Personalpolitik, da sie Spieler als Coaches bezahlen (würden sie diese als Spieler bezahlen, dann wären sie in AUT automatisch Profis, die eben limitiert sind), aber das ist selbst ihnen dann zu bunt, denn Coaching-Positionen im Verein sind nicht unbegrenzt vorhanden.

In Wien wiederum, konkret bei den Vikings, ist man sich in dem Fall mit den Tirolern völlig eins. Das muss man bekämpfen. Am besten ist, wir spielen nicht mehr mit! Da haben wir es ihnen dann aber gezeigt, wie man richtig verliert. Das taten übrigens deutsche Teams auch schon mal, allerdings aus ganz anderen Gründen. Wie auch immer und warum auch immer, glaubt man hierzulande, den Stein der Weisen bereits gefunden zu haben. Womöglich hat man das auch, denn die Ausbildung und das Coaching in Österreich findet in Europa Kopierer. Zum Beispiel in der Schweiz.

Österreichische Oberlehrer

Selbst wenn dem so ist (gerade dann!), wir also irrsinnig smart wären und die Schweizer das Gegenteil davon sind, könnte man der Sache mit weit mehr Gelassenheit begegnen. Abgesehen davon, dass man eben schon an anderen Beispielen (wie Bergamo) sah, wie es beginnt und wie es dann auch endet, ist es einfach nicht unsere Aufgabe, den Europa-Oberlehrer herauszukehren. Es schaut auch komisch aus.

Der österreichische Verbandspräsident Michael Eschlböck redet sich als Co-Kommentator auf raidersTV die Lippen blutig, dass wir die Guten (Nachwuchsarbeit) und die anderen die Unguten (Mercenaries) sind, wo, abgesehen mal von einer allgemeinen Unverträglichkeit (Eschlböck ist auch Vizepräsident der EFAF), der Ton dann aber nicht mehr zum Bild passen will, wenn sich u.a. auch vier Legionäre bei den Innsbruckern in neun der Churer fest beißen. Im Übrigen heißt die Veranstaltung European Football League; es war kein Länderspiel Österreich vs. Schweiz. Wie sowas ausgeht, das wissen wir. Es muss aber nicht jeder nach unserem Appetit essen.

Die Calanda Broncos haben, mit Ausnahme der „vergessenen" Transferkarten, nichts Illegales getan. Sie sind mit der Methode jetzt gerade richtig stark und es wird 2020 niemand mehr wissen, wer sie eigentlich waren. Außer in der Schweiz, wo der nationale Football tatsächlich europäisch drittklassig ist, passiert das Wunder, an welches manche bei Calanda fest glauben. Wir gewinnen die Eurobowl und dann werden alle anderen von selber schlagartig sehr super. Da sind mehr Milchmädchen bei einem Footballtraining, als es Heidis auf der Alm gibt. Sie träumen und es gibt keinen vernünftigen Grund, sie zu wecken.

Es ist verständlich, dass man, wenn man selbst der Überzeugung ist, etwas sehr gut zu können, weil man es sich eben hart erarbeitet hat, irritiert ist, wenn andere ohne viel Arbeit kurzfristig besser sind, aber es geht bei dem Sport - und das nicht nur in Europa, sondern auch im Mutterland USA - um Halbwertszeiten. Um Struktur, Agenden und Programme. Und das kann man sich auf Transferbörsen nicht kaufen, daher muss auch niemand in Panik ausbrechen. Sollte die Schweiz dadurch tatsächlich auf einen guten Weg kommen (höchste Zeit wäre es ja), wovon man eben nicht überzeugt sein muss, dann würde das aber am Ende allen zum Vorteil gereichen. Niemanden lockt mehr ein Spiel eines AFL-Teams gegen Spanier, Italiener oder Briten hinterm Ofen hervor. Das ist in Deutschland ganz genau so.

Verdutzt nach Vaduz

Dass der europäische Verband EFAF heute Donnerstag auch noch das Heimrecht im Finale den Schweizern zusprach, diese es in Ermangelung eines eigenen adäquaten Stadions nach Liechtenstein verlegen müssen, wird das fade Shitstorm-Feuer auch noch am Leben erhalten. Natürlich geht es da auch ums Geld, natürlich werden die Zuschauerzahlen bei einem Footballspiel in Vaduz sehr überschaubar bleiben (Eurosport2 überträgt das Spiel am 21. Juli noch dazu live, damit sich ja keine Wiener nach Liechtenstein verirren), aber ebenso „natürlich" fand die Eurobowl in den vergangenen acht Jahren in Österreich statt. Die Swarco Raiders haben ihr letztes internationales Auswärtsspiel im April 2007 (!) absolviert.

Die Vikings mussten 2011 immerhin bis nach Tirol fahren, denn - blöd auch - zwei Heimspiele für ein rein österreichisches Halbfinale kann selbst die EFAF nicht vergeben. Das Gekreische in Foren und auf facebook nimmt jetzt insofern obskure Formen an. Als gäbe es einen finalen Fixplatz und der ist entweder in Döbling oder am Tivoli. So ist das nicht, Herrschaften. Noch unverständlicher wird die Sache, weil das letzte Spiel überhaupt noch offen ist.

Es hat nämlich am vergangenen Wochenende noch ein zweites Halbfinale gegeben, in dem die Vikings mit 34:7 gegen Berlin die Oberhand behielten und damit, nach dem deutschen Meister Schwäbisch Hall, gleich das zweite GFL-Team am Weg ins Finale ausgeschaltet haben. Offensichtlich geht man aber heute bereits davon aus, dass die Wiener in einem Monat in Vaduz dann eh chancenlos sind. Das sieht man bei der Vikings-Mannschaft allerdings nicht ganz so, noch dazu haben die Raiders gegen die Broncos nicht nur schlecht gespielt, sondern die Partie auch schön vercoacht.

Zwei Cornerbacks an den Außenseiten zu bringen und damit De Wolfe die Autobahn Richtung Endzone freiwillig zu räumen, das war eine ebenso schlechte Idee, wie an der Line physisch spielen zu wollen. Statt die Gaps zu suchen, wollte man die Mauer einfach wegschieben. Oder man suchte sie eh, nur blieb man dabei erfolglos. Was auch immer Shuan Fatah da auf Video vorher sah, er zog daraus in mehrfacher Hinsicht falsche Schlüsse. Kann passieren. Auf der anderen Seite kannten die Broncos kein Team besser als die Raiders. Auch das war sicher mit einer der vielen Schlüsseln zum eindeutigen Erfolg. Daraus lernend sollte man sich eher an die Grazer Methode von Nick Johansen halten, der die Mitte schloss und damit zumindest in die Nähe eines Erfolgs kam.

EFL Halbfinalspiele:

Raiffeisen Vikings vs. Berlin Adler (GER) 34:7
Statistiken

Swarco Raiders Tirol vs. Calanda Broncos (CH) 3:35
Statistiken

Callahan out - Austrian Bowl in Gefahr?

Das noch weit schlimmere Ereignis als die Niederlage selbst war aus Tiroler Sicht aber die Verletzung ihres Quarterbacks Kyle Callahan, der, als das Spiel schon gelaufen war, mit einer Luxation des Schultergelenks das Feld verließ und damit für den Rest der Saison fraglich ist.

Bereits am Samstag kommen nun aber die Vikings zum zehnten und letzten Grunddurchgangsspiel der Bundesliga ins Tivoli Stadion. Es geht vermeintlich „nur" um den ersten Platz in der Abschlusstabelle. Bei genauerer Betrachtung aber auch um den einfacheren Weg. Die Nummer 1 könnte auf die Prague Panthers treffen, die Nummer 2 wird es mit den JCL Giants Graz zu tun bekommen. Und ob die Raiders, ohne ihren etatmäßigen Spielmacher, die immer stärker werdenden Grazer heuer ein drittes Mal schlagen können, das ist alles andere als gewiss.

Prag, welches müde vom langen Wandern wirkt, winkt da als de facto Freilos im Semi. Gegen die Vikings wird man es wohl u.a. auch aus dem Backfield heraus (Wildcat) mit Talib Wise, Andreas Hofbauer und Florian Grein versuchen. Ersatzquarterback Adrian Platzgummer (17 Jahre) wird Callahan nicht zu 100 Prozent vertreten können. Die Vikings kommen mit breiter Brust nach Tirol und stehen mit Abstrichen (Tim Bach weiterhin verletzt) voll in Saft. Es sind damit einige Voraussetzungen erfüllt, dass den Tiroler eine weitere herbe Heimpleite blühen könnte, denn es riecht nur am Rande mehr nach einem Befreiungsschlag der Raiders, die in dem für sie schlechtesten Moment auf den vermutlich stärksten Gegner der Bundesliga treffen.

Einen Strich durch diese Rechnungen können aber noch die Danube Dragons machen. Schlagen die Drachen in Graz die Giants, dann treten sie im Halbfinale gegen die Raiders an. Das täten sie auch, egal wie das Spiel in Graz endet, sollte Prag sein letztes Spiel gegen die Kornmesser Rangers nicht gewinnen. Das ist höchst unwahrscheinlich, aber im Hinspiel kassierten die Tschechen bedenkliche 30 Punkte von den Mödlingern, was deren Punkteschnitt von 1.6 pro Spiel auf 4.8 hochschnellen ließ. Spielen dürfen sich die Panthers mit den Rangers also ein zweites Mal nicht, sonst erlebt die AFL zum Abschluss noch eine veritable Überraschung.(Walter Reiterer, 21.06.2012)

AFL Woche 10

Gesamtstatistik

Kornmesser Rangers vs. Prague Panthers
Samstag 23. Juni 2012 16:00 Uhr, Stadion Wiener Neudorf

JCL Giants Graz vs. Danube Dragons
Samstag 23. Juni 2012 17:00 Uhr, Stadion Eggenberg Graz

Swarco Raiders Tirol vs. Raiffeisen Vikings
Samstag 23. Juni 2012 17:00 Uhr, Tivoli Stadion Innsbruck

Tabelle:

1. Raiffeisen Vikings Vienna 8-1
2. Swarco Raiders Tirol 8-1
3. JCL Giants Graz 6-3
4. Danube Dragons 3-6
5. Prague Panthers 2-7
6. Kornmesser Rangers 0-9

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