"Der dumme Begriff Designersessel"

  • Ebenfalls nominiert für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland, der im Oktober verliehen wird, ist der "Rapid Racer". Das Fahrzeug wird von einem handelsüblichen Akkuschrauber angetrieben, wiegt insgesamt 13,4 Kilo und ist bis auf Zahnrad, Räder, Kette und einige Schrauben komplett am Computer konstruiert und vollständig im 3-D-Druck gefertigt.
    foto: manfred wegener, dmy

    Ebenfalls nominiert für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland, der im Oktober verliehen wird, ist der "Rapid Racer". Das Fahrzeug wird von einem handelsüblichen Akkuschrauber angetrieben, wiegt insgesamt 13,4 Kilo und ist bis auf Zahnrad, Räder, Kette und einige Schrauben komplett am Computer konstruiert und vollständig im 3-D-Druck gefertigt.

  • Uta Brandes ist Professorin an der Köln International School of Design / Fachhochschule für Gender & Design sowie Designforschung. Die Autorin zahlreicher Publikationen und Gastdozentin an vielen internationalen Hochschulen war Direktorin des "Forum" der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland und unter vielem anderen auch am Aufbau des Schweizer Design Center Langenthal beteiligt. Weiters ist Brandes Gründungsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung.
    foto: manfred wegener, dmy

    Uta Brandes ist Professorin an der Köln International School of Design / Fachhochschule für Gender & Design sowie Designforschung. Die Autorin zahlreicher Publikationen und Gastdozentin an vielen internationalen Hochschulen war Direktorin des "Forum" der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland und unter vielem anderen auch am Aufbau des Schweizer Design Center Langenthal beteiligt. Weiters ist Brandes Gründungsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung.

Ingo Petz sprach mit Jurymitglied und Designforscherin Uta Brandes über den Hype von Designfestivals und eine Definition von Design

DER STANDARD: Das DMY, das internationale Design-Festival in Berlin, verzeichnete mit 500 Designern und 35.000 Besuchern einen neuen Rekord. Vielerorts finden Festivals wie Design-Weeks, Design-Monate etc. statt. Erlebt das Design gerade einen Höhepunkt in Sachen Popularität?

Uta Brandes: Das hieße, dass es bald wieder abwärtsgehen würde. Ich hoffe, dass der Aufwärtstrend noch ein bisschen weitergeht. Das Design ist sicher im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen. Zudem tragen mittlerweile viele Projekte Früchte, die von Hochschulen und Wirtschaft initiiert wurden, um zu zeigen, dass Design eben nicht nur Oberflächengestaltung meint, sondern in die vielfältigsten Prozesse einbezogen wird. Design wird nicht mehr nur als bunte Bilderschau à la Schöner Wohnen wahrgenommen, sondern als kritische und kreative Auseinandersetzung mit der Frage der Gestaltung im weitesten Sinne.

DER STANDARD: Woher kommt das neue Interesse für Design?

Brandes: Es hat sich wohl mittlerweile ein breiteres Verständnis davon durchgesetzt, was Design alles ist und sein kann. Vor einiger Zeit war das Design mit den Attributen "schräg", "schrill", "extravagant" und "teuer" behaftet. Es gibt beispielsweise diesen wahnsinnig dummen Begriff der Designersessel. Dumm, weil alles gestaltet ist - egal, ob es gut oder schlecht, intelligent oder simpel gestaltet ist. Jede Blumenvase, jeder Korkenzieher ist gestaltet. Die Themen Nachhaltigkeit, Klimawandel und Ökologie, die Krisen unserer Zeit haben dazu geführt, Design als Weg dafür zu begreifen, Zukunft und Gesellschaft neu zu gestalten. Und durch das Design werden auch neue vernünftige, intelligente Materialien und ein bewussterer Umgang mit Rohstoffen für Produktionsprozesse diskutiert. Deswegen hat die Öffentlichkeit erkannt, dass Design auch einen Mehrwert hat, der weit über das Schicke und Schräge und über das Vorurteil des überflüssigen Zeugs hinausgeht. Dazu kommt, dass mittlerweile Designforschung betrieben wird - und zwar nicht nur an Hochschulen, sondern in Unternehmen. Ich wurde beispielsweise von VW gebeten, eine Mobilitätsstudie für das Jahr 2025 durchzuführen - mit dem Schwerpunkt auf Frauen.

DER STANDARD: Wie erklären Sie jemandem, der sich mit all diesen Fragen nicht beschäftigt, den Begriff Design?

Brandes: Alles, was man jeden Tag macht, also leben, lieben, essen, arbeiten, trinken, spazieren gehen, Auto fahren und so weiter, das alles ist in irgendeiner Form designt. Jeder Löffel, den man in den Mund steckt, ist designt. Jedes Auto, jeder Türgriff. Alltag ist bestimmt von Design, ob man es will oder nicht. Design ist also eminent wichtig - als Gestaltungsraum für unser Leben. Wenn man das erst einmal versteht, kann man in die Tiefe gehen und erklären, dass Design neue, umweltbewusstere Materialien aufgreift, dass Design zu klären sucht, wie man leben will, dass Design eben nicht nur dazu da ist, Oberflächendekor zu sein. So nimmt man dem Design das Elitäre, und das ist wichtig, um es in der Öffentlichkeit zu etablieren. Und das passiert ja gerade. Nur so lässt sich seine Popularität und Bedeutung heute erklären.

DER STANDARD: Sie waren im Rahmen des DMY auch Jurymitglied des Designpreises der Bundesrepublik Deutschland. Gibt es Themen, die Designer in ihren Arbeiten heute besonders gern aufgreifen?

Brandes: Ökologie und Nachhaltigkeit sind Themen, an denen im Moment kaum jemand vorbeikommt. Dabei kommt es aber nicht selten vor, dass diese Themen sehr ideologisch und aufgesetzt behandelt werden oder von Unkenntnis getrübt sind. Aber bei den Nachwuchsdesignern ist auch die Modularität ein großes Thema. Man überlegt sich gerade bei Consumer-Goods klügere Systeme, wie ich beispielsweise meine eigene Küche oder mein Büro aus definierten Bausteinen zusammenstellen kann. Dies ist ein Versuch, kompakte Systeme und Industrieprodukte noch stärker zu individualisieren.

DER STANDARD: Was halten Sie denn von dem immer wieder zu hörenden Ausspruch, dass das Design die neue Kunst sei? Nur ein Hype, oder ist da etwas dran?

Brandes: Wir an der Hochschule Köln denken, dass Kunst nichts mit Design zu tun hat - und umgekehrt. Kunst und Design haben völlig unterschiedliche Ziele. Kunst besteht in sich selbst. Die muss niemandem gefallen. Die muss niemand kaufen. Aber Design muss sich nützlich machen in der Gesellschaft und in der Industrie.

DER STANDARD: Der Designer Philippe Starck ist der Meinung, dass Design künftig verschwinden werde, weil sich die Trennung von Produktion und Entwurf durch das Internet auflösen werde. Was denken Sie?

Brandes: Diese Einschätzung teile ich nicht. Wenn man Design komplex genug versteht und nicht nur als die Idee "Ich mach' jetzt mal 'ne schöne neue Tasse", dann muss Design künftig noch bedeutender werden. Es ist wieder wichtig, sich bewusst mit gesellschaftlichen Prozessen und der Gestaltung von Zukunft zu beschäftigen. Das ist der Boden, auf dem das Design wächst. Ich würde umgekehrt sogar behaupten: Design in seiner Gesamtheit wird noch weiter ausgreifen und andere Gebiete miteinbeziehen. Die Ingenieurswissenschaften beispielsweise werden künftig viel stärker mit dem Design zusammenkommen müssen. Zudem werden Konsumenten über die sozialen Medien und das Internet durch kritische Kommentare viel stärker Designfragen beeinflussen können. Stichwort: das partizipatorische Design. Die Kommunikation und die Zusammenarbeit mit anderen werden für Designer immer wichtiger. Verschwinden wird Design ganz sicher nicht. (Rondo, DER STANDARD, 22.06.2012)

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