Der Amoklauf, der Norwegen veränderte

21. Juni 2012, 18:45
  • Anders Breivik bei dem Prozess in Oslo. Die Staatsanwaltschaft forderte 
auch in ihrem Schlussplädoyer seine Einweisung in die geschlossene 
Psychiatrie.
    foto: dapd/roald

    Anders Breivik bei dem Prozess in Oslo. Die Staatsanwaltschaft forderte auch in ihrem Schlussplädoyer seine Einweisung in die geschlossene Psychiatrie.

Jugendliche engagieren sich vermehrt in Parteien, das Land diskutiert über Rechtsextremismus

Schuldfähig oder nicht, Anders Breivik hat Norwegen verändert. Das Land muss erkennen, dass Tausende denken wie der Attentäter.

 

Im Prozess gegen den geständigen norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik hat die Staatsanwaltschaft am Donnerstag beantragt, Breivik in die geschlossene Psychiatrie einzuweisen. Lediglich für den Fall, dass das Gericht Breivik für straffähig erkläre, werde die Anklage die Höchststrafe von 21 Jahren fordern, so Staatsanwalt Svein Holden vor dem Osloer Gericht. In ihrem Schlussplädoyer am vorletzten Verhandlungstag hielt die Anklägerseite somit daran fest, das Breivik nicht zurechnungs- und also nicht straffähig ist.

Die Verteidigung hingegen will den Attentäter, der im Juli 2011 in Oslo und auf der Ferieninsel Utöya 77 Menschen tötete, auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin als straffähig beurteilt sehen. Zwei Psychiaterteams hatten dem Gericht zur Frage der Schuldfähigkeit Gutachten mit gegensätzlichen Schlussfolgerungen vorgelegt. Der Ausgang des Prozesses bleibt nun weiterhin offen.

Für den Fall, dass das Gericht auf Zurechnungsunfähigkeit entscheidet, hat der Attentäter bereits Berufung angekündigt. Fest steht: Mit dem frühestens im Juli zu erwartenden Urteil dürfte der Fall Breivik für Norwegen keineswegs abgeschlossen sein. Im Laufe der Verhandlungen ist nachhaltig erschüttert worden, was Tor Østbø, der seine Lebensgefährtin bei dem Bombenattentat in Oslo verlor, vor Gericht das "norwegische Harmonie-Modell" nannte.

Fanpost von jungen Mädchen

Zwar werden Breiviks Taten auch in extremst ausländerfeindlichen Kreisen verurteilt; sein Idol, der rechtsextreme Blogger Fjordman, nennt ihn einen "verwirrten, feigen Schlächter". Gleichwohl erhält der Massenmörder täglich Fanpost, darunter von jungen Mädchen und Familien. Wie Sachkundige vor Gericht betonten, werden seine politischen Auffassungen von tausenden Norwegern geteilt.

Sara Erika Gullestad, Professorin für Psychologie an der Universität Oslo, spricht daher für viele ihrer Kollegen, wenn sie davor warnt, den selbsternannten "Retter der Nation" als krank abzutun. Stattdessen sei die Gesellschaft aufgerufen, "die psychologischen, sozialen und kulturellen Verhältnisse zu beleuchten, die uns einen rechtsextremen Terroristen beschert haben".

Erschüttert hat der Prozess auch das Vertrauen in die Gerichtspsychiatrie. Drei von vier Norwegern halten Breivik laut einer Umfrage vom Donnerstag für hinreichend gesund, um seine Taten im Gefängnis sühnen zu können. Der Streit um seinen mentalen Status trifft auf Unverständnis - nicht zuletzt unter Psychiatern, die den Täter vor Gericht mehrheitlich als zurechnungsfähig beurteilten.

Kurz nach den Attentaten hatte Ministerpräsident Jens Stoltenberg versichert, Norwegens Antwort werde "nicht weniger, sondern mehr Offenheit" sein. Der Verlauf des Prozesses ist als exemplarisch für derlei Offenheit gelobt worden, wenn auch um den Preis, Breivik eine Plattform zu bieten. Bei einigen Fragen hat sich Norwegen aber davon überzeugen lassen müssen, dass Kontrolle bisweilen besser als Vertrauen ist.

Im Juni beschloss das Parlament im Eilverfahren eine Änderung des Gesetzes über die psychiatrische Zwangsunterbringung besonders gefährlicher Patienten. Das von der Psychiatrie seit langem geforderte neue Gesetz ermächtigt die Kliniken, Patienten und Besucher stärker zu kontrollieren, etwa mit Leibesvisitationen und Metalldetektoren.

Mehr Geld für Opfer

Seit den Attentaten werden auch die Regierungsgebäude besser geschützt. So sind die Straßen rund um das Außenministerium jetzt für den Verkehr gesperrt. Um für Katastrophenfälle besser gerüstet zu sein, hat die Regierung ein Pilotprojekt mit einer gemeinsamen Notrufzentrale für Feuerwehr, Polizei und Gesundheitswesen in Auftrag gegeben; der Kauf von Kunstdünger, der für den Bau von Bomben genutzt werden kann, wird stärker reglementiert. Und die maximale Schadensersatzsumme für Opfer von Gewaltverbrechen wurde angehoben - von 410.000 Euro auf 629.000.

Sein Ziel, eine ganze Generation politischer Aktivisten auszulöschen, hat der Massenmörder nicht erreicht. Die Jugendverbände sämtlicher politischer Parteien verzeichnen seit den Attentaten steigende Mitgliederzahlen. Ende April versammelten sich zehntausende Norweger in der Osloer City, um gemeinsam das vom Attentäter als linke Propaganda geziehene Lied von den "Kindern des Regenbogens" zu singen. Frida Skoglund, Überlebende des Utöya-Massakers, drückte es vor Gericht an Breivik gewandt so aus: "Wir haben gewonnen, du hast verloren." (Anne Rentzsch/DER STANDARD, 22.6.2012)

Chronologie
Die Anschläge des 22. Juli 2011

Gegen 9.30 Uhr stellt Anders Behring Breivik ein Video auf Youtube, das ihn mit einem Gewehr zeigt und Kernpunkte seines Manifests zusammenfasst. Den Text selbst mailt er an 1003 Empfänger. Um 15.22 Uhr zündet er eine Autobombe im Osloer Regierungsviertel, sieben Menschen sterben.

Gegen 17 Uhr setzt Breivik auf die Insel Utöya über, wo ein Sommercamp für Jugendliche der Sozialdemokratischen Partei stattfindet. Er trägt eine Polizeiuniform und ruft die Jugendlichen unter dem Vorwand zusammen, sie über den Bombenanschlag zu informieren. Dann eröffnet er das Feuer und erschießt in 60 Minuten 69 Menschen. Um 17.27 Uhr Uhr geht der erste Notruf bei der Polizei ein, erst um 18.35 Uhr landet eine Spezialeinheit der Polizei auf der Insel, Breivik gibt auf.

Die Behörden erklären, sie konnten nicht schneller kommen, weil alle Hubschrauberpiloten im Urlaub waren und der Motor des Polizeiboots einen Schaden hatte. (red/DER STANDARD, 22.6.2012)

Share if you care
5 Postings
parallele

auch die nazis haben ihre geistigen feinde in die psychiatrie gesteckt und für krankhaft erklärt.

es wird nichts gutes bewirken, mit breivik praktisch seine gleich gesinnten fans als unzurechnungsfähig zu erklären.

das ist eine feindselige, verbrecherische geisteshaltung, die einer gnadenlosen logik folgt.
man muss ihr auf der ebene der absichten, folgen, und werte entgegen treten.

das strahlende bild

ist ohnehin eine hervorragende warnung.
schön starmässig verpackter tod.

wenn man das (gut ausgewählte) foto sieht, ärgert man sich irgendwie das dieser mensch noch lebt und die vielen opfer tot sind (von den verletzten und den familien ganz zu schweigen) … dieser mensch ist abschaum.

Anstatt einfach das Urteil zu veröffentlichen, schenken die Medien (mit "Hilfe" von "Experten") diesen Typen immer weiter künstlich gepushter Aufmerksamkeit.

na bumm.

da erklärt ein ganzer artikel in so vielen zeichen warum es wichtig ist, darüber zu sprechen und dann das.

ach ja, ich vergaß, rechtsextremismus war bei uns noch nie ein problem...

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.