Documenta-"Geschwurbel": Kunst ist klüger, als man denkt

Kommentar der anderen21. Juni 2012, 18:45
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Was hat die Wissenschaft auf der Documenta verloren - bzw. wie soll sich die Kunst behaupten, wenn sie nur mehr als Kuratoren-Behauptung inszeniert wird? Oder verkennen solche Fragen das "Potenzial" des Konzepts?

Reaktion auf einen Befund von Andrea Schurian ("Documenta der Kuratorenkunst").

Andrea Schurian meint, das "Geschwurbel der Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev über Wahlrecht für Hunde, Emanzipation von Erdbeeren und Kunstverständnis von Meteoriten" wäre "bestens dazu angetan, zeitgenössische Kunst mit einem abschätzigen Lächeln und dem, Prädikat 'naturtrüb' abzutun" und zitiert den Quantenphysiker Anton Zeilinger, der die so beschriebene Position Christov-Bakargievs als "künstlerische Meinung" begreife, die er als Wissenschaftler lieber nicht kommentieren wolle. Seine Präsenz auf der Documenta schließt also eine Meinung zur Documenta und deren Leitung nicht mit ein?

Gut, dann also Wissenschaft und/oder Kunst? Wäre es aber nicht gut, die mögliche Nähe ernst zu nehmen? Wie könnte das gehen, oder besser, wie geht das?

Andrea Schurian versucht es über eine kritische Bestandsanalyse und schließt mit: "Kunst war einmal" "Theorie statt Artefakt". Damit wird der Blick auf eine mögliche Nähe von Kunst und Wissenschaft aber durch eine Kritik an einer vermeintlich umfassenden Tendenz verstellt, so der Eindruck.

Spannendes Nahverhältnis

Was Wissenschaft auf der Documenta, ein Beispiel der angesprochenen Nähe, bedeuten könnte, interessiert nicht. Die Grenze zwischen den Bereichen ist, wie von Schurian beschrieben, "zunehmend fließender geworden", doch sollte man sich mit obzitierten traurigem Befund nicht zufriedengeben:

Potenzial liegt vielmehr in der Frage, wie sich dieses Naheverhältnis heute schon als spannend erweist. Die forschende Praxis ist schon an einem Ort, wo die Kritik, ja vielleicht auch die Kuratorin, noch nicht angekommen sind, und das ist spannend, beeindruckend und fruchtbar:

Spannend ist erstens, dass auf internationalem Niveau eine neue gesellschaftliche Gruppe ihr Tun als forschend versteht. Es handelt sich dabei im Kern um jene, die zur Beantwortung von Fragen auch künstlerische Methoden anwenden. Zweitens ist es beeindruckend, dass diese Methoden verhandelt werden, man sich einander anvertraut und kritisiert, mit produktivem Respekt vor den Positionen des jeweiligen Gegenübers.

Beides erweist sich drittens als fruchtbar für Entwicklungen innerhalb institutioneller Kontexte: Einerseits betrifft das in Österreich vor allem - aber nicht exklusiv - die österreichischen Kunstuniversitäten als Forschungsstätten, mit ihrem z. B. gesetzlich geregelten und produktiv verstandenen Auftrag zur Entwicklung und Erschließung der Künste. Andererseits geht es parallel um die Ermöglichung von Erkenntnis. Zu nennen ist hier an zentraler Stelle das Förderprogramm PEEK; alles andere als ein theoretisches Feigenblatt oder eine Bremse der Schaffenslust. PEEK ist -auf Initiative des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung - beheimatet im Wissenschaftsfonds FWF, der seit über vierzig Jahren Forschung in Österreich fördert.

Neue Förderungsoptionen

Vielen der besten Forscher in Österreich wird so ihre Arbeit ermöglicht, dazu zählen auch jährlich immer mehr geförderte Personen mit internationalem künstlerischem Renommee. Die konkreten Forschungsprojekte findet man auf der Projektdatenbank des FWF aufgelistet. An der Universität für Angewandte Kunst Wien haben so schon etliche Projekte künstlerischen Forschens ihr Potenzial entwickeln können.

Kurz, Kunst wird heute schon als - um Andrea Schurians schöne Kommentarworte aufzugreifen - wissendes und schauendes Metier ernst genommen, und das international.

Vielleicht wäre es sogar sinnvoll vom Modell PEEK weitere Konsequenzen für die Förderungslandschaft abzuleiten - etwa auch für die Kunstförderung, die hier Ideen aufgreifen könnte, wie sie zu neuen Potenzialen vordringt.

Auf alle Fälle lohnt es, einmal einen Blick darauf zu werfen, wo in Österreich international Richtungsweisendes geschieht. Und bitte nicht vergessen, Kunst ist klüger als man denkt. (Alexander Damianisch, DER STANDARD, 22.6.2012)

Autor

Alexander Damianisch ist unter anderem für den Bereich Forschung an der Universität für angewandte Kunst Wien tätig. Davor leitete er das Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste/Programme for Arts-based Research (PEEK) des Wissenschaftsfonds FWF. Der promovierte Germanist hat in Moskau und Durham (Großbritannien) unterrichtet und war in Berlin und Stuttgart in den Bereichen Kulturmanagement und PR für Nonprofit-Organisationen tätig.

Siehe dazu die Gegenposition:
Die Documenta 13 als Offenbarungseid der Beliebigkeit
Kommentar von Richard Kriesche

Nachlese

Andrea Schurian: Documenta der Kuratorenkunst

  • Außer Konkurrenz: Naheverhältnis von Wissenschaft und Kunst am Portal des Victoriahauses in Berlin.
    foto: gertrud k

    Außer Konkurrenz: Naheverhältnis von Wissenschaft und Kunst am Portal des Victoriahauses in Berlin.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Kunst ihre Kuratoren, der Zeit ihren Geist: "Ghost Keeping" - Installation von Istan Csakany ...

  • Bild nicht mehr verfügbar

    ... und eine Besucher-Kundgebung im Documenta-Beitrag "I see by your fingernails that you are my brother" von Ida Applebroog.

  • Alexander Damianisch: produktive Grenzüberschreitung.
    foto: damianisch

    Alexander Damianisch: produktive Grenzüberschreitung.

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